Bürgerkrieg in Syrien: USA trainieren Rebellen für Giftgas-Sicherung

Experten schulen im Auftrag der USA offenbar syrische Regimegegner im Umgang mit Chemiewaffen. Berichten zufolge lernen Milizen in Jordanien, das Material zu entdecken und zu sichern. Grund ist die Sorge, Assads Giftgas-Arsenal könne in die Hände von Terroristen gelangen.

Rebellen in Aleppo: Milizen sollen helfen, die Chemiewaffen zu sichern Zur Großansicht
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Rebellen in Aleppo: Milizen sollen helfen, die Chemiewaffen zu sichern

Damaskus - Mehrere syrische Milizen haben kürzlich an einer Schulung in der Türkei und in Jordanien teilgenommen. Auf dem Lehrplan: der Umgang mit Chemiewaffen. Die Rebellen sollen dabei helfen, das Chemiewaffen-Arsenal von Baschar al-Assad sicherzustellen. Dies berichten das neue Syrien-Nachrichtenportal "Syria Deeply" und der amerikanische Fernsehsender CNN in Berufung auf mehrere diplomatische Quellen und einen hochrangigen US-Beamten.

Syrien besitzt nach Angaben des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) das größte Chemiewaffen-Arsenal im Nahen Osten und das viertgrößte weltweit. Darunter sollen sich vor allem Senfgas und das Nervengas Sarin befinden. Das syrische Regime hat die Existenz seines Giftgasprogramms in diesem Jahr erstmals bestätigt, als es ankündigte, man habe nicht die Absicht, die Waffen gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen, sondern lediglich gegen "ausländische Terroristen".

In den Kursen in Jordanien und der Türkei sei den Rebellen beigebracht worden, Chemiewaffen-Depots zu identifizieren, wenn sie auf solche stoßen, und diese zu sichern. Bei den Ausbildern soll es sich um Mitarbeiter privater Sicherheitsfirmen gehandelt haben. Bezahlt und beauftragt wurden sie von Washington und dessen europäischen Verbündeten.

Furcht vor al-Qaida

US-Präsident Barack Obama hat den Einsatz von Chemiewaffen im syrischen Bürgerkrieg wiederholt als "rote Linie" bezeichnet, die Damaskus nicht überschreiten dürfe. Erst am Mittwoch sprachen US-Beobachter von einer erheblichen Eskalation, als bekannt wurde, dass Assads Truppen jetzt auch Kurzstreckenraketen vom Typ Scud gegen die Rebellen einsetzen.

Gleichzeitig fürchten die Strategen, dass die Chemiewaffen des Regimes in die falschen Hände fallen könnten. Weite Teile Syriens werden nicht mehr von Assad kontrolliert. Seine Gegner gewinnen Terrain. Zu ihnen zählen auch dschihadistische Milizen, von denen einzelne Mitglieder für Qaida-nahe Gruppen im Irak kämpften. Die al-Nusra-Front, eine der schlagkräftigsten Rebellengruppen, wurde von den USA am Dienstag auf die Liste der Terrororganisationen aufgenommen. Eine der größten Befürchtungen ist, dass al-Qaida in den Besitz von Chemiewaffen kommen könnte oder die mit Assad verbündete libanesische Hisbollah.

Die Frage ist, wie lange sich Assad noch halten kann. Sein wichtigster Verbündeter Russland hat am Donnerstag zum ersten Mal öffentlich eine mögliche Niederlage des Präsidenten eingeräumt. Der Staatschef verliere immer mehr die Kontrolle über sein Land, ein Sieg der Opposition sei möglich, sagte der stellvertretende russische Außenminister Michail Bogdanow am Donnerstag laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Itar-Tass. Russland, einer der wenigen verbliebenen Verbündeten Syriens, hat das Regime bisher vor möglichen Sanktionen des Uno-Sicherheitsrats geschützt und weiter mit Waffen beliefert.

Bisher scheint das syrische Regime die Kontrolle über Chemiewaffen-Depots noch nicht verloren zu haben. Diese werden vor allem in Damaskus und in Homs vermutet - Städte, in denen das Regime nach wie vor die wichtigen Zugangsstraßen kontrolliert. Produktionsstätten werden jedoch auch in Aleppo vermutet, eine Region, die als Zentrum der syrischen Pharma- und Chemieindustrie gilt. Am Samstag warnte das syrische Regime, eine Giftgasfabrik nahe Aleppo sei von Dschihadisten der al-Nusra-Miliz eingenommen worden.

Die Rebellen sollen Chemiewaffen-Transporte melden

Der Westen verstärkt nun offenbar seine Zusammenarbeit mit nicht-dschihadistischen Rebellen. So sollen manche Gruppen inzwischen rund um die Uhr mit Washington in Kontakt stehen. Die Rebellen sollen kontrollieren, ob (und wenn ja, wohin) das Regime Chemiewaffen verlegen lässt. Die USA versuchen zwar, das Giftgas per Satellitentechnik zu überwachen. Doch solche Transporte würden sich aus der Luft nicht immer eindeutig erkennen lassen, sagten mehrere Sicherheitsexperten "Syria Deeply".

Nur auf die Rebellen scheint sich der Westen allerdings nicht verlassen zu wollen. In Jordanien sind bereits 150 US-Spezialkräfte stationiert, die sich zusammen mit jordanischen Truppen und anderen Verbündeten darauf vorbereiten, die Chemiewaffen sicherzustellen, sollte Assad stürzen. Auch wurde bereits mit der Notfallplanung begonnen für einen etwaigen US-Einmarsch, um alle Chemiewaffen-Depots sicherzustellen, sollte Präsident Obama sich dafür entscheiden. Den aktuellen Militärplänen nach bräuchten die USA dafür über 75.000 Soldaten.

ras/dapd

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insgesamt 92 Beiträge
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1. Wieder mal Verfälschungen
kölschejung72 13.12.2012
zur USA Propaganda für den nächsten NATO-Krieg. Meines Wissens sagten die syrischen Offiziellen (so berichtet bei SPON), dass sie Chemiewaffen nur im Falle einer äußeren Aggression einsetzen würden. Da frage ich mich immer, welchen Judas-Lohn die Redaktion eines Nachrichtenmagazins für diese gefakte Berichterstattung im Auftrag von Mörderregimen erhalten?
2.
gbk666 13.12.2012
"Grund ist die Sorge, Assads Giftgas-Arsenal könne in die Hände von Terroristen gelangen." Ja genau..und deshalb werden "Rebellen" trainiert.
3. Wetten,
der_mündige_bürger 13.12.2012
daß in Syrien bald Chemiewaffen eingesetzt werden (natürlich von Assad, ist ja klar)? Dann kann man endlich einmarschieren und der nächste failed state ist perfekt. Obwohl - eigentlich hatte man sich das ja ganz anders vorgestellt, aber finstere Pläne allein sind keine Garantie für's Gelingen. Herzliche Grüße PS Apropos failed state: cras vobis!
4. optional
udolf 13.12.2012
Woran erkennt man den "nicht-dschihadistischen Rebellen"?
5. Genau
ka60 13.12.2012
Das wird nämlich passieren wenn Rebellen die Waffen sicherstellen ... Dann sind diese nämlich in der Hand von Terorristen ! Assad ist bestimmt nicht so blöd giftgas einzusetzen wenn er weiß dass die Nato daraufhin Syrien einäschert .... Aber es geht ja wie immer auch nur darum einem Grund zur Intervention wie im Irak zu suchen , am Ende schmeißt ein Rebell so Ne gasbombe über die türkische Grenzen zur Provokation und ein neuer Krieg ist geschaffen, altes Spiel !
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Baschar al-Assad

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