Iraks Chemiewaffen Saddam Husseins tödliches Erbe

Im Irak gibt es laut "New York Times" noch Tausende alte Senfgas-Geschosse aus Saddam Husseins Chemiewaffenprogramm. Die USA ließen die Öffentlichkeit jahrelang darüber im Unklaren. Jetzt sind Teile der Waffen in der Hand des "Islamischen Staats".

Suche nach Massenvernichtungswaffen: US-Soldaten mit Gasmasken 2003 im Irak
AFP

Suche nach Massenvernichtungswaffen: US-Soldaten mit Gasmasken 2003 im Irak


Jarrod L. Taylor, ein ehemaliger Sergeant in der US-Armee, muss immer lachen, wenn er hört, dass es im Irak keine Chemiewaffen gab. "Oh, es gab einen ganzen Haufen", sagt er. Zwei Soldaten seiner Infanterie-Einheit erlitten Brandwunden durch alte, leckende Senfgas-Geschosse, berichtet die amerikanische Zeitung "New York Times".

Als die USA 2003 im Irak einmarschierten, gab es zwar kein aktives Massenvernichtungswaffenprogramm mehr, wie von den US-Geheimdiensten behauptet. Doch die Überreste von Saddam Husseins 1991 stillgelegtem Chemiewaffenprogramm fanden sich verteilt im ganzen Land: Tausende alte Artilleriegeschosse, in denen sich noch Senfgas-Reste befanden, und mehrere hundert mit dem Nervengas Sarin gefüllte Raketen. Die irakischen Chemiewaffen sind westlicher Bauart, anders als in Syrien, wo die Giftgas-Geschosse aus sowjetischer und russischer Produktion stammen.

Bisher war bekannt, dass internationale Soldaten im Irak nach 2003 hin und wieder auf alte Senfgas-Geschosse gestoßen waren. Doch das ganze Ausmaß hat nun erst die "New York Times" aufgedeckt. Die USA hatten das Thema zur Geheimsache erklärt. Erst 2009 meldete Washington der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) die Funde; nachträglich trat der Irak nun der OPCW bei. Doch der breiten Öffentlichkeit machten die Amerikaner die Entdeckungen nicht bekannt.

Der "Islamische Staat" hat alte Geschosse erobert

Nun bekommt Saddam Husseins tödliches Erbe neue gefährliche Aktualität. Denn als die Amerikaner 2010 aus dem Irak abzogen, waren noch nicht alle alten Chemiewaffengeschosse gesichert und zerstört. Auch der irakischen Armee ist es in den folgenden Jahren nicht gelungen, sämtliche Munition zu vernichten.

Inzwischen kontrolliert die radikale Gruppe "Islamischer Staat" (IS) große Teile im Nordwesten des Landes. Besonders gefährlich: Am 11. Juni 2014 hat der IS den Muthanna-Komplex nordwestlich von Bagdad erobert, wo zu diesem Zeitpunkt wohl noch Bunker gefüllt waren mit alten Sarin-Raketen, einst mit Senfgas gefüllten Artilleriegeschossen, in denen noch Gift-Reste sind, und Vorläufersubstanzen von Cyaniden, Bestandteilen von Giftgas wie Zyklon B.

Waffenexperten gingen damals davon aus, dass diese alten, schwer transportierbaren Überreste kaum eine Gefahr darstellen würden. Auch das US-Außenministerium bezeichnete das Risiko als gering. "Wir glauben nicht, dass der Komplex Chemiewaffenmaterial von militärischem Wert enthielt", sagte Jen Psaki, Sprecherin des US-Außenministeriums. "Es wäre sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, das Material sicher zu entfernen."

Doch der Bericht der New York Times beschreibt zwei Vorfälle, in denen irakische Aufständische - möglicherweise Mitglieder der irakischen al-Qaida, der Vorläuferorganisation des IS - Bomben aus alter Chemiewaffen-Munition hergestellt haben. Die Auswirkungen waren zwar gering, doch ganz harmlos waren die Bomben nicht.

Irakische Aufständische basteln daraus Sprengsätze

In einem Fall explodierte eine Bombe neben der Patrouille von Sergeant James F. Burns im Südwesten Bagdads. Es war eine kleine Explosion. Niemand wurde verwundet. Sergeant Burns lud die Reste des Geschosses in den Wagen ein, um es im US-Militärstützpunkt unschädlich zu machen. Erst im Fahrzeug fiel Burns der komische Geruch auf, "wie verrottetes Gemüse".

Die Männer bekamen Kopfschmerzen, ihnen wurde schwindelig, ein Soldat bekam immer kleinere Pupillen, bis sie kaum noch zu erkennen waren. In der Klinik dachte das medizinische Personal erst, die zwei Soldaten hätten Drogen genommen. Später wurden ihre medizinischen Berichte als geheim eingestuft.

Ihren Familien wurde mitgeteilt, die Soldaten seien "Industriechemikalien" ausgesetzt gewesen. Stattdessen hatten sie ein ein sehr seltenes, altes mit Sarin gefülltes 152-Millimeter-Geschoss eingesammelt, das in eine selbstgebastelte Bombe umgewandelt worden war.

Insgesamt hat die New York Times 17 US-Soldaten und sieben irakische Polizeibeamte identifiziert, die nach 2003 im Irak Nervengas oder Senfgas, einem Hautkampfstoff, ausgesetzt waren. Alle von ihnen haben überlebt, allerdings leiden sie teils bis zum heutigen Tag unter den Folgen. Vom US-Militär wurden sie damit nahezu komplett allein gelassen.

ras

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