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Chemikalienkauf: Norwegischer Geheimdienst hatte Hinweis auf Attentäter

Er bestellte bei einer verdächtigen polnischen Firma: Anders Breivik geriet bereits im März ins Visier eines norwegischen Geheimdiensts, weil er im Internet Chemikalien beschaffte. Dennoch ermittelten die Sicherheitskräfte nicht weiter - der Wert des Einkaufs war einfach zu gering.

Landhaus von Breivik: Einkauf zu unbedeutend Zur Großansicht
REUTERS

Landhaus von Breivik: Einkauf zu unbedeutend

Oslo - Einmal fiel der Attentäter den norwegischen Sicherheitsbehörden im Vorfeld der Anschläge doch auf: Ein Geheimdienst hat eingeräumt, bereits im März auf Anders Breivik aufmerksam gemacht worden zu sein. Der 32-Jährige sei auf einer Liste von 50 bis 60 Namen aufgetaucht, weil er bei einem polnischen Chemieunternehmen einen Einkauf im Wert von umgerechnet 15 Euro getätigt habe, sagte die Chefin des Polizeisicherheitsdiensts PST, Janne Kristiansen, am Montag dem norwegischen Fernsehsender NRK.

Zwar stehe die polnische Firma unter Beobachtung, Breiviks Einkauf sei aber zu unbedeutend gewesen, um weiter verfolgt zu werden - und der Attentäter schlicht zu unauffällig: "Wir hatten absolut nichts gegen Breivik in der Hand, er lebte ein unglaublich gesetzestreues Leben", sagte Kristiansen.

Zuvor hatten bereits die polnischen Sicherheitsbehörden mitgeteilt, dass Breivik Chemikalien zum Bau von Bomben über das Internet unter anderem bei einer polnischen Firma in Breslau bestellt habe. Es habe sich aber um legale Substanzen gehandelt. Auf Bitten der norwegischen Polizei sei der Inhaber des Unternehmens befragt worden, die Kontakte wurden aber als rein geschäftlich eingestuft. Breivik bestellte den Behördenangaben zufolge exakt die Substanzen, die er laut seinem im Internet veröffentlichten Manifest zum Bau von Bomben benutzen wollte.

In der 1500 Seiten umfassenden Schrift beschrieb Breivik nicht nur, welche Produkte er einsetzen, sondern auch, wie er deren Beschaffung tarnen wollte. So nannte er unter anderem 300 Gramm Natriumnitrat zu einem Preis von umgerechnet zehn Euro, die er im vergangenen Dezember bestellt habe. Bei Rückfragen wollte er angeben, das Salz zum Pökeln von Elchfleisch zu brauchen.

Der Attentäter bestellte laut dem Papier auch 150 Kilogramm Aluminiumpulver zu einem Preis von umgerechnet etwa 2000 Euro - dieses hatte er am 1. März aber noch nicht erhalten. Bei Erkundungen zu dem Pulver wollte er seiner Schrift zufolge behaupten, dieses zur Aufwertung einer Bootsfarbe nutzen zu wollen.

fdi/AFP/dpa

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1.
membot 25.07.2011
Hätte er sich auch noch illegal Waffen besorgt, wäre er wohl genauer beobachtet worden. Musste er aber nicht, da er legal Waffen besaß.
2. Wahhnsinn
schweineigel 25.07.2011
Ein ganz schön raffinierter Bursche. Wenn man sich so unsere blöden Sauerland-Attentäter dagegen ansieht, die einen eher an die Idioten von "Four Lions" erinnern. Der sollte die Osama-Bin-Laden Gedächtnismedaille bekommen. Das Ganze so Generalstabsmäßig zu planen und Skrupellos durchzuziehen. -- Alleine! Im Internet vorher noch die wirklich beeindruckenden Bilder und sein "Manifest" unterzubringen. Und nachdem er dutzende Menschen persönlich brutal von Angesicht zu Angesicht getötet hat, so kalt zu sein, dass er noch lebend verhaftet werden kann, um später weiter aktiv zu sein und für seine "Sache" zu arbeiten. Ich bin mal gespannt, was der da noch vorhat. Der Typ ist tatsächlich genial. Wenn eine solche Aktion in einem Kinofilm beschrieben würde, ich würde sie für pure Fantasie halten. Wir können nur hoffen, dass nicht noch allzu viele von diesen absolut skrupellosen Typen irgendwo umherlaufen. Dieser Mensch ist gefährlicher als hundert zornige Islamisten. Vor allem, da er möglicherweise ein "Vorbild" und "Ansporn" für weitere Einzeltäter sein kann.
3. Mögliche Nachahmer werden wieder viel lernen...
adama. 26.07.2011
Zitat von sysopEr bestellte bei einer verdächtigen polnischen Firma: Anders Breivik geriet bereits im März ins Visier eines norwegischen Geheimdiensts, weil er im Internet Chemikalien beschaffte. Dennoch ermittelten die Sicherheitskräfte nicht weiter - der Wert des Einkaufs war einfach zu gering. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,776566,00.html
Anders Breivik Vorbereitungen zeigen, dass er mit der Orwellschen Überwachung rechnete. Zuerst hat er eine Firma gegründet, die ihm eine Begründung für den Dünger lieferte, erst dann hat er den Dünger bestellt. Seine Internetaktivitäten hat er später selbst zensiert und erst im letzten Augenblick sein "Manifest" veröffentlicht. Wer mehr Sicherheit will, muss nun die ganze Lieferkette überwachen und jedem Bauer einen Wächter an die Seite stellen. Verrückt. Übrigens zeigt auch dieser Artikel die scheinbar lückenlose Überwachung unserer Gesellschaft. Wer arbeitet eigentlich alles in unseren westlichen Sicherheitsapparaten? Das müssen ja ähnlich viele sein wie beim Stasi, da die "Möglichkeiten" in der Demokratie auch ungleich größer sind? Mögliche Nachahmer werden wieder viel lernen... Von der Tarnung angefangen bis zur Durchführung. Hollywood und Romanautoren (auch Linke wie Wallander) liefern zusätzliche Ideen für Anschlagsziele.
4. Schoene Sachen drin
Ursprung 26.07.2011
Hoechst bemerkenswert, dass der Kauf von 300 g NaNO3 zu einer Registrierung beim Geheimdienst fuehrt. Heisst das, dass Bauern (Duengemittel Chilesalpeter), Schlachter und Fleischverarbeiter (Poekelsalz) laufend unter Beobachtung stehen? Auch wer schon viel rotes Fleisch und Hack kauft ist verdaechtig, denn wenn es rot ist, ist E251 drin (genau diese Substanz), die man ganz leicht herausziehen kann. Was auch besser waere, denn zusammen mit proteinreicher Kost pflegen im Koerper Nitrosamine zu entstehen, das macht dann Krebs. Man muss ja nicht die Tonne rotes Billighack bei Aldi auf einmal kaufen, sondern so peu a peu: Nitrat extrahieren und den Rest an die Katzen verfuettern. Das ist auch fuer die gesuender ohne Nitrat. Sieht so aus, als haetten sich einige Geheimdienste mittlerweile als Karikaturen ihrer eigenen Zunft etabliert: 300 g Salpeter! Registrieren die auch, wer wann wieviel Sylvesterfeuerwerk wo gekauft hat? Sind schoene Sachen drin.
5. Wollt Ihr nicht gleich das gesamte Rezept der Bombe veröffentlichen?
udo255 26.07.2011
Ein paar Zutaten habt Ihr ja schon aufgezählt, und den Hinweis gegeben, wo das gesamte Rezept zu finden ist ..
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Waffen in Norwegen
Zahlen
Die Zahl der Schusswaffen, die sich in Privatbesitz befinden, wird auf rund 1,4 Millionen geschätzt, bei einer Bevölkerung von etwa fünf Millionen Menschen. Die hohe Zahl ist vor allem auf die Jagd zurückzuführen: Nach Angaben der Behörden besaß vor drei Jahren ungefähr jeder zehnte Norweger eine Jagdlizenz. Ähnlich beliebt ist das Sportschießen.
Waffengesetze
Die Waffengesetze Norwegens sind vergleichsweise strikt. Privater Waffenbesitz ist möglich, allerdings unter strengen Auflagen. Dass auch sie nicht vor grausamen Verbrechen schützen, beweist der Massenmord durch Anders Breivik: Er hatte seine Schusswaffen offenbar auf legalem Weg erworben.
Allgemeine Vorschriften
In Norwegen dürfen laut dem Waffengesetz "vernünftige und verantwortungsbewusste" Personen ab 18 Jahren Schrotflinten und Gewehre besitzen. Handfeuerwaffen sind ab 21 erlaubt. Wer einen Waffenschein haben möchte, muss seine Gründe darlegen. Meistens werden hier die Jagd oder Sportschießen genannt. Es darf keine Vorstrafe vorliegen. Dies traf auf Anders Breivik zu.
Waffenbesitz für die Jagd
Die meisten Waffenscheine werden in Norwegen für die Jagd vergeben. Für die Jagdlizenz müssen Anwärter einen 30-stündigen Kurs absolvieren. Zudem müssen sie einen Multiple-Choice-Test bestehen. Der Jagdschein muss jährlich erneuert werden, allerdings nur durch die Entrichtung einer Gebühr. Breivik erwarb die halbautomatische Schnellfeuerwaffe Ruger Mini 14, die die Standardmunition westlicher Streitkräfte verschießt, offenbar auf diesem Weg. "Ich habe den einwöchigen Jagdkurs absolviert", schreibt er im September 2010 in sein Tagebuch. "Die Polizei hat keinen Grund, meinen Antrag abzuweisen."
Waffenbesitz für das Sportschießen
Wer als Sportschütze einen Waffenschein erwerben will, muss einen mindestens neunstündigen Sicherheitskurs absolvieren, der zu zwei Dritteln aus praktischen Übungen mit der Waffe besteht. Der Kurs endet mit einem schriftlichen Test, der allerdings kürzer ist als im Fall des Jagdscheins. Nach dem bestandenen Test müssen die Anwärter über einen Zeitraum von sechs Monaten mindestens 15-mal an einem Training im Schützenverein teilnehmen. Erst danach darf man einen Waffenschein beantragen. Auch seine Pistole, eine halbautomatische Glock 17 scheint Breivik auf diesem vorgeschriebenen Weg erworben zu haben: "15-mal Training im November, Dezember und Januar wurden abgeschlossen und dokumentiert. Der Antrag für eine Glock 17 wurde Mitte Januar abgeschickt", schreibt Breivik in seinem Tagebuch.
Unterbringung von Waffen
Waffen und Munition müssen in einem verschlossenen Schrank gelagert werden. Der Polizei ist es erlaubt, die Unterbringung zu überprüfen.
Transport von Waffen
Das Mitführen von Waffen an öffentlichen Plätzen ist streng geregelt. Der Besitzer darf nur aus bestimmten Gründen Waffen transportieren, etwa wenn sie zur Reparatur müssen oder er auf dem Weg zur Jagd ist. Die Waffen dürfen nicht geladen und nicht nach außen hin sichtbar sein. Es ist verboten, sie am Körper zu tragen. Selbst Polizisten tragen in Norwegen im Normalfall keine Pistolen bei sich. Die Waffen müssen im Polizeiwagen in einer verschlossenen Box gelagert werden. Die Beamten dürfen sie erst herausholen, wenn sie die Erlaubnis eingeholt haben. Insofern war schon das Auftreten Breviks ungewöhnlich, als er auf der Insel ankam: Er soll zwei Waffen offen getragen haben.

"Abscheuliche Akte der Gewalt"

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Fotostrecke
Attentate von Norwegen: Anders Breivik vor Gericht

Fläche: 323.787 km²

Bevölkerung: 5,166 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschefin:
Erna Solberg

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