Ungarns Regierungsmedien Wo Ufo-Forscher Deutschland erklären

In Ungarn verbreiten regierungsnahe Medien seit Langem Lügen über Deutschland. Seit dem Mordfall von Chemnitz drehen sie noch mehr auf. Die Fake-News-Kampagne verfolgt ein klares Ziel.

Demonstranten in Chemnitz
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Demonstranten in Chemnitz


Wenn Georg Spöttle in Ungarn Interviews gibt, skizziert er ein deutsches Horrorbild. Mordfälle durch Migranten wie der an Daniel H. in Chemnitz seien in der Bundesrepublik an der Tagesordnung, erläuterte der "ehemalige deutsche Polizeibeamte" und heutige "Experte für Sicherheitspolitik" vergangene Woche im Kossuth Rádió in perfektem Ungarisch. Die Zahl der Morde sei um hundert Prozent gestiegen, jeden Tag würden Asylbewerber Hunderte schwere Straf- und Gewalttaten begehen, viele Frauen trauten sich nicht mehr auf die Straße.

Der deutsche Staat, berichtet Spöttle immer wieder, tue kaum etwas gegen Migrantenkriminalität, stattdessen terrorisierten Behörden wie der Verfassungsschutz die deutschen Bürger mit politischer Korrektheit. Deutschland, so Spöttles Tenor, werde von Migranten, Islamisten und der "Volksfeindin" Angela Merkel in den Untergang getrieben.

Spöttle gibt damit die politische Haltung von Ministerpräsident Viktor Orbán wieder. Der ungarische Regierungschef macht kaum einen Hehl daraus, dass er die Flüchtlings- und Europapolitik der Bundeskanzlerin für völlig falsch hält und sich einen Politikwechsel in Berlin wünscht. Spöttle ist dafür quasi der Kronzeuge der Regierung in Budapest.

Soldat, Polizist und Ufo-Experte

Der 56-jährige Deutsch-Ungar ist kein Nischenphänomen. Er tritt als eine Art oberster Deutschland-Erklärer in Ungarn derzeit nahezu täglich in den regierungsnahen Nachrichtensendungen des öffentlich-rechtlichen ungarischen Rundfunks auf. Auf Veranstaltungen der Orbán-Partei Fidesz ist er ein gern gesehener Gast.

Seine Biografie klingt abenteuerlich: Nach eigenen Angaben war er in Deutschland Soldat der Bundeswehr, Beamter der deutschen Polizei sowie Nahost- und Terrorismusexperte der deutschen Spionageabwehr im Libanon, im Irak und in Syrien. Darüber, dass er in den Neunzigerjahren als Experte für Ufos und Außerirdische durch Ungarn tingelte, schweigt Spöttle heute lieber.

Er ist nicht der Einzige, der in Ungarn Entsetzliches über Deutschland berichtet. Zwar beklagt Viktor Orbáns Regierung seit Jahren, dass westliche Journalisten Ungarn völlig verzerrt darstellen. Doch wer sich umgekehrt in regierungsnahen Medien Ungarns über Deutschland informiert, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.

"In Deutschland werden Deutsche tagtäglich durch Gräueltaten bedroht, doch im Namen der politischen Korrektheit berichtet die deutsche Polizei nicht darüber und trifft auch keine richtigen Vorkehrungen", schrieb die private Zeitung "Magyar Idök" nach Chemnitz - das Blatt ist das quasiamtliche Verlautbarungsorgan der Regierung. Im öffentlich-rechtlichen TV-Kanal M1 erklärte der regierungsnahe Politologe Zoltán Kiszelly den Zuschauern am Wochenende im Zusammenhang mit Chemnitz, dass in der deutschen Gesellschaft "Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit" herrschten und Angela Merkel "einen neuen Soros-Plan" umsetzen wolle. Kiszelly bezog sich auf das angebliche Vorhaben des US-Börsenmilliardärs George Soros, Millionen von Migranten nach Europa zu bringen und den Kontinent zu islamisieren.

"Auf dem Weg ins Chaos gibt es keinen Halt mehr"

Immer wieder verbreiten ungarische Regierungsmedien auch Fake News. Am 8. April dieses Jahres - in Ungarn war an diesem Tag Parlamentswahl - berichtete das öffentlich-rechtliche Fernsehen über den Anschlag von Münster als islamistischen Terrorakt, auch dann noch, als schon bekannt war, dass der Täter ein offenbar psychisch gestörter Mann war.

Seit in Hamburg 2015 die Kapernaumkirche zur Moschee umgebaut wurde, geistert der Mythos durch ungarische Regierungsmedien, in Deutschland würden massenhaft Kirchen abgerissen oder zu Moscheen umfunktioniert. Im März etwa unterlegten Regierungsmedien Berichte über den Moscheebau in Deutschland mit Bildern vom Abriss der St.-Lambertus-Kirche in Erkelenz in Nordrhein-Westfalen. In Wirklichkeit musste sie einem Braunkohletagebau weichen.

Seit dem Mordfall in Chemnitz drehen ungarische Regierungsmedien noch einmal richtig auf. In den Nachrichtensendungen des TV-Kanals M1 geht es größtenteils nur noch um die gravierenden Folgen von Migration, wie sie in Chemnitz zu besichtigen seien. Das Regierungsblatt "Magyar Idök" prophezeit "Deutschlands Dämmerung": "Chemnitz ist dieser gewisse Funke, auf dem Weg ins Chaos gibt es keinen Halt mehr."

In anderen mittelosteuropäischen Ländern ist der Ton regierungsnaher Medien derzeit gemäßigter. In Tschechien etwa warnt die konservative Tageszeitung "Lidové noviny", die zum Medienkonzern Mafra des Regierungschefs Andrej Babis gehört, vor einer "Zeit der Finsternis in Europa", wenn es demokratische Parteien nicht schafften, bessere Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu finden, auch bei der Integration von Migranten. In Polen befürchtet die der regierenden PiS nahestehende, konservative Tageszeitung "Rzeczpospolita", dass Rechtsextreme in Deutschland aus ihrer Nische herauskommen und zu einer einflussreichen politischen Macht werden könnten.

Ungarns regierungsnahe Medien fallen selbst auf Fake News herein

Dafür äußern sich manche Politiker in Mittelosteuropa umso expliziter: Der tschechische Präsident Milos Zeman, bekannt für seine derben Sprüche, sagte vergangene Woche in seinem Haussender TV Barrandov, er sympathisiere mit den rechten Demonstranten in Chemnitz: "Sie sagen im Grunde, Mutti Merkel hat die Migranten eingeladen, und hier habt ihr das Ergebnis." In der Slowakei teilte die Regierungspartei SMER in einer Stellungnahme mit, die deutsche Öffentlichkeit sei durch den mörderischen Angriff auf einen deutschen Staatsbürger traumatisiert. "Wir werden dem Druck liberaler Gutmenschen aus dem In- und Ausland nicht nachgeben und immer gegen die Aufnahme von Flüchtlingen sein."

In Ungarn wiederum schweigen Politiker der Fidesz-Regierungsmehrheit bisher zum Mordfall von Chemnitz und den anschließenden Ereignissen. Das entspricht Premier Orbáns Taktik, oft erst einmal regierungsnahe Medien aussprechen zu lassen, was er denkt.

Die fallen unterdessen manchmal selbst auf plumpste Falschmeldungen herein: Im Mai sendete das ungarische Regierungsfernsehen einen deutschen Satire-Bericht, demzufolge die Stadt Essen während des Ramadans als Geste gegenüber Muslimen in "Fasten" umbenannt wurde, als echte Nachricht. Eine Richtigstellung gab es bis heute nicht.

insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Lichtenbruch 04.09.2018
1. Ganz ehrlich...
wenn man mal die finanziellen Interessen einiger Weniger vernachlässigt, dann stellt sich doch zunehmend die Frage, warum Länder wie Ungarn und auch Polen nicht aus der EU geworfen werden. Diese tragen zur Zeit so gar nichts bei, was der Idee einer EU entspricht!
Mach999 04.09.2018
2.
Dass Ufo-Gläubige Fidesz-, PiS- und AfD-Wählern die Welt erklären, ist nicht wirklich eine Nachricht wert. Wer sollte es denn sonst tun? Die Realität kann mit alternativen Fakten einfach nicht mithalten.
af1974 04.09.2018
3. Kirche in Erkelenz
Hallo, guter Artikel, wenn auch erschreckend, wie einfach man das Volk mit Fake News fehlleiten kann. Im Artikel ist ein Fehler: Die St. Lambertus Kirche in Erkelenz wurde nie abgerissen und wir auch nie abgerissen, da der Braunkohle Tagebau nicht das Stadtgebiet von Erkelenz tangiert. Möglicherweise meinten Sie Immerrath, ein Vorort von Erkelenz. Dieser Passus sollte neu recherchiert werden. Danke und MFG, AF
knok 27.07.2015
4.
Dann nehmt halt keine Flüchtlinge auf, liebe Ungarn, Slowaken, liebe Ossis. Aber verbreitet keine Lügen. Das ist unanständig und wird am Ende immer euer Nachteil sein. Die Verbreitung von Fake News sollte viel mehr sanktioniert werden. So etwas ist gefährlich.
widower+2 04.09.2018
5. Tja!
Zitat von Lichtenbruchwenn man mal die finanziellen Interessen einiger Weniger vernachlässigt, dann stellt sich doch zunehmend die Frage, warum Länder wie Ungarn und auch Polen nicht aus der EU geworfen werden. Diese tragen zur Zeit so gar nichts bei, was der Idee einer EU entspricht!
Wenn das so einfach wäre! Der Hauptkonstruktionsfehler der EU ist, dass der Beitritt zu einfach und der Rauswurf (oder auch der Austritt) zu schwierig ist. Diese gnadenlose Aufblähung der EU musste über Kurz oder Lang solche Ergebnisse nach sich ziehen. Manchmal wünsche ich mir die alte EWG zurück. Und die gerne auch als einheitlichen und selbstständigen Staat.
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