Chaos bei Trump-Veranstaltung Der Hass bricht aus

Donald Trump polarisiert die Amerikaner - jetzt sind in Chicago Hunderte Fans und Feinde des US-Präsidentschaftsbewerbers aufeinander losgegangen. Der verstörende Vorfall rückt Trumps Haltung zu Gewalt in den Fokus.

REUTERS

Von und , Washington


"Ich würde dem Typ jetzt gerne ins Gesicht schlagen." So oder ähnlich reagiert Donald Trump, wenn seine Wahlkampfveranstaltungen von Protestlern gestört werden. Seine Fans jubeln dann, Trump freut sich. Er gibt den starken Mann.

Der Milliardär polarisiert - und immer häufiger kommt es zu Protesten und Gewalt am Rande seiner Auftritte. In Chicago protestierten am Freitagabend mehrere Tausend Menschen gegen Trump und seine Einwanderungspolitik. Der 69-Jährige entschied sich daraufhin, eine geplante Veranstaltung abzusagen. In der Arena der Universität von Illinois, in der Trump eigentlich auftreten sollte, kam es zu Tumulten und heftigen Auseinandersetzungen zwischen Trump-Fans und Trump-Gegnern: Fäuste flogen, Polizisten mussten die Gruppen trennen, um eine weitere Eskalation zu verhindern.

Immer wieder versuchen Trump-Gegner, seine Veranstaltungen zu stören, meist waren es bisher jedoch Einzelpersonen oder kleine Gruppen. Sie werden dann in der Regel unter dem Jubel des Publikums von Sicherheitskräften aus dem Saal geworfen. Erst vor wenigen Tagen schlug ein Trump-Anhänger einen schwarzen Protestler nieder.

Der Vorfall in Chicago stellt auch für Trumpsche Verhältnisse eine neue Qualität dar. Er zeigt, dass der Widerstand gegen den Milliardär umso stärker wächst, je näher er der Präsidentschaftskandidatur der Republikaner rückt. Die Gegner schienen organisiert, die Sicherheitskräfte überfordert. Sollte Trump in der kommenden Woche auch in Florida und Ohio gewinnen, dürfte die Protestwelle, die längst nicht mehr nur von Migranten und Studenten ausgeht, weiter anwachsen.

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Wahlkampf von Donald Trump: Chaos in Chicago

Noch am Abend sorgte das Chaos auf dem Campus der Universität von Illinois für heftige Debatten. Einige von Trumps Unterstützern attackierten die Protestler, das Recht auf freie Meinungsäußerung missbraucht zu haben und die Absage des Trump-Auftritts regelrecht erzwungen zu haben. Die Kritiker des Republikaners griffen wiederum Trump selbst an. Sie hielten ihm vor, für die Eskalation persönlich verantwortlich zu sein und Auseinandersetzungen mit seiner harschen Rhetorik erst noch zu schüren. "Ohne Zweifel trägt ein Kandidat die Verantwortung für die Kultur seiner Kampagne", sagte Trumps Rivale Ted Cruz kurz nach den Tumulten in Chicago.

Tatsächlich rückt Trumps Haltung zu Gewalt immer stärker in den Fokus. Der Milliardär vermied es bislang, die Feindseligkeit und teils offene Brutalität seiner Fans gegenüber Demonstranten klar zu verurteilen. Seine Auftritte würden nun einmal regelmäßig von Leuten gestört, sagt er. Meist seien das handgreifliche Protestler, da müsse er reagieren und sie "entfernen" lassen. Außerdem seien viele seiner Wähler wütend, weil sie sich von der Regierung in Washington im Stich gelassen fühlten.

Die Härte gegenüber seinen Gegnern ist ein wichtiger Teil seiner Kandidatur. Seine Anhänger lieben an ihm das Autoritäre und Trump versucht nicht zuletzt mit der öffentlichen Demütigung von Protestlern, das Image des starken Anführers zu unterstreichen. Zuletzt schien er Konflikte auf seinen Veranstaltungen regelrecht anstacheln zu wollen.

Auf einer Veranstaltung in Las Vegas Ende Februar ließ er einen Demonstranten erst abführen und gab anschließend ausführlich seine Sicht der Dinge wieder. "Das Sicherheitspersonal ist wirklich nett zu ihm", sagte er. "Es ist uns nicht mehr erlaubt zurückzuschlagen." Er vermisse "die gute, alte Zeit", in der man mit Störern noch anders umgesprungen sei. "Die sind damals auf der Krankentrage hinaustransportiert worden", sagte Trump. "Ich bin einfach ein Typ, der nicht von einer Gruppe von Tieren herumgeschleudert werden will. Und das sind Tiere."

"Wir müssen immer sehr, sehr lieb zu ihnen sein"

Kurz vor dem geplanten Termin in Chicago hatte Trump am Freitag einen Auftritt in St. Louis. Auch auf jener Veranstaltung kam es zu erheblichen Protesten, am Ende nahm die Polizei 31 Demonstranten fest. Trump knöpfte sich daraufhin seine Gegner vor. "Sie dürfen uns immer so schrecklich unterbrechen und wir müssen immer sehr, sehr lieb zu ihnen sein", sagte er. "Sie können ausholen und Leute schlagen, aber wenn wir zurückschlagen, dann ist das ganz furchtbar schlimm, richtig?"

Ärger bereitet Trump zur gleichen Zeit ein weiterer Vorfall: Sein Wahlkampfmanager höchstpersönlich soll am Rande einer Pressekonferenz in Florida eine Journalistin der Webseite "Breitbart News" körperlich angegangen haben. Die Frau gab an, der Trump-Berater habe sie daran hindern wollen, dem Kandidaten eine Frage zu stellen. Trumps Berater bestreitet die Vorwürfe, Trump selbst sagte, es spreche viel dafür, dass sich die Reporterin die Vorwürfe "ausgedacht" habe. Es gibt jedoch Zeugen, die die Szene beobachtet haben wollen und Videos, die darauf hindeuten, dass der Wahlkampfmanager handgreiflich wurde. Die Journalistin erstattete inzwischen Anzeige.

Am Abend reagierte Trump in mehreren Fernsehinterviews auf die Vorfälle in Chicago. Eine Verantwortung für die Konflikte auf seinen Veranstaltungen wies er strikt zurück. "Ich bereue nichts an meiner Rhetorik", sagte er dem Sender "CNN".

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TV-Debatte der US-Republikaner: "Lasst uns schlau sein"

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Kompromiss 12.03.2016
1. Symptom- statt Ursachenbekämpfung
"Außerdem seien viele seiner Wähler wütend, weil sie sich von der Regierung in Washington im Stich gelassen fühlten." Hiermit hat Trump vermutlich Recht. Das gleiche ist in Deutschland und vielen anderen Ländern zu beobachten. Statt aber die Ursachen zu benennen (die weltweite Ausbeutung der Bevölkerung durch Eliten egal welcher Nation und dank Globalisierung über Nationalgrenzen hinweg; Abschneiden von Bildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten) und dagegen Vorzugehen, lassen sich wütende Menschen von solchen Bauernfängern a la Trump, Höcke, LePen instrumentalisieren um für deren Machtgier andere schwache Gruppen anzufeinden. Diese Schwachen sind nicht die Ursache der tatsächlichen Probleme, sondern lediglich Symptome genau solch machtgieriger Eliten.
StephM 12.03.2016
2. It takes two to tango, wie die Amerikaner sagen.
Trumps Wahlkampfveranstaltungen sind private Veranstaltungen in angemieteten Hallen. Die Stoerer koennen sich also nicht auf das Recht auf freie Meinungsaeusserung oder Demonstrationsrecht berufen. Wenn Parteitage egal welcher politischen Partei immer wieder und wieder infiltriert und gestoert werden, wer waere da erstaunt dass die Parteimitglieder irgendwann gereizt reagieren...
benn01 12.03.2016
3. Aber er hat Erfolg.
Mal die Pressekonferenz von Donald Trump angeschaut zum Ben Carson Endorsement und ich muss schon sagen, der hat es drauf. Der hat sicher ein extremes Selbstbewußtsein, aber da kommen keine ähhh und uuhs, nicht die geringste Unsicherheit, denkt während er redet, beherrscht die freie Rede perfekt und es wirkt überhaupt nicht einstudiert, keine Phrasendrescherei wie bei den meisten Politikern. Trump glaubt wie Clinton auch an den amerikanischen Exzeptionalismus, dass die USA nicht mit anderen Nationen verglichen werden können und höherwertiger sind als alle anderen Nationen. Das ist die ideolgische Grundlage der amerikanischen Außenpolitik der letzten 100 Jahre. Dieser Exzeptionalismus prägt das Handeln aller US Präsidenten, so wie die historische Schuld das Handeln aller deutscher Bundeskanzler prägt.
udude 12.03.2016
4. Auf dünnem Eis
Normal fallen eher die Guten und Unschuldigen in den USA Kugeln zum Opfer, aber bei der starken Polarisierung durch Trump würde es mich nicht wundern, wenn er kurz vor oder kurz nach einer für ihn erfolgreichen Präsidentschaftswahl einem solchen Schicksal erliegen würde. In einer solch waffenstarrenden Gesellschaft wie in den USA, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein extremer Protestler oder ein anderweitig beauftragter, professioneller "Entsorger" das Trump-Drama entsprechend beendet.
eimsbusher 12.03.2016
5.
"... on a stretcher ..." sollte wohl besser als "auf einer Trage" übersetzt werden. "Strecker" klingt ja eher wie ein mittelalterliches Folterinstrument.
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