Chile 16-Jähriger bei Protesten gegen Bildungspolitik erschossen

Die Massenproteste gegen die chilenische Bildungspolitik werden immer gewalttätiger: Erstmals wurde ein Demonstrant getötet - der 16-Jährige starb offenbar durch Schüsse von Polizisten. Über 200 Menschen wurden laut Behördenangaben verletzt, 1400 seien festgenommen worden.

Polizisten reißen eine Barrikade nieder: Die Ausschreitungen in Chile werden immer heftiger
DPA

Polizisten reißen eine Barrikade nieder: Die Ausschreitungen in Chile werden immer heftiger


Santiago de Chile - Die anhaltenden Demonstrationen in Chile werden von immer mehr Gewalt begleitet. Während des in Ausschreitungen gipfelnden Generalstreiks ist ein 16-jähriger Junge erschossen worden - der Jugendliche ist das erste Todesopfer der massiven Proteste gegen die chilenische Bildungspolitik.

Der 16-Jährige war in Santiagos Stadtteil Macul an den Folgen eines Schusses in die Brust gestorben. Der stellvertretende Innenminister Rodrigo Ubilla kündigte Ermittlungen zum gewaltsamen Tod des Jugendlichen an und erklärte, der Junge sei offenbar bei einer Auseinandersetzung mit Polizisten ums Leben gekommen. Die Freunde des Jungen sagten dagegen, Beamte hätten ohne Grund auf die Gruppe geschossen.

Zum Abschluss eines zweitägigen Generalstreiks, zu dem die Gewerkschaftszentrale CUT aufgerufen hatte, war es in der Hauptstadt zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. 153 Polizisten und 53 Zivilisten seien verletzt worden, teilte das Innenministerium am Freitag in Santiago de Chile mit. Landesweit wurden unter anderem wegen Plünderungen und Brandstiftungen fast 1.400 Menschen festgenommen.

Die nächtlichen Krawalle konzentrierten sich auf die Vororte der Hauptstadt Santiago sowie die Umgebung von Universitäten. Dabei wurden auch brennende Barrikaden errichtet. In Santiago de Chile und anderen Städten waren nach Schätzung der Regierung 175.000 Menschen auf die Straße gegangen. Die Gewerkschaft bezifferte die Zahl der Demonstranten sogar auf 600.000.

Studenten, Schüler und Lehrer protestieren seit drei Monaten gegen die hohen Gebühren im Erziehungswesen. Sie fordern eine stärkere finanzielle Beteiligung des Staates an der Bildung sowie eine bessere Ausstattung staatlicher Schulen.

lgr/dpa/AFP/dapd



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drspieler 26.08.2011
1. Für Bildung?
Nur Kapitalisten haben ein Interesse an einer gebildeten Jugend, welche sich im Begriff "Humankapital" manifestiert. Welch eine sinnlose Demonstration, welche nun sogar Todesopfer hervorbringt. Chile ist ein großes und fruchtbares Land. Ich kann der Jugend nur raten sich als Bauern unabhängig zu machen wenn die Regierung nicht gewillt oder in der Lage ist die Bildung der Jugend zu fördern. Das wäre sicherlich nicht im Sinne der Regierung.
Lady Wanda, 26.08.2011
2. Arbeiter- und Bauernstaat- oder was...?
Zitat von drspielerNur Kapitalisten haben ein Interesse an einer gebildeten Jugend, welche sich im Begriff "Humankapital" manifestiert. Welch eine sinnlose Demonstration, welche nun sogar Todesopfer hervorbringt. Chile ist ein großes und fruchtbares Land. Ich kann der Jugend nur raten sich als Bauern unabhängig zu machen wenn die Regierung nicht gewillt oder in der Lage ist die Bildung der Jugend zu fördern. Das wäre sicherlich nicht im Sinne der Regierung.
Lieber Mann, Sie haben mindestens 20 Jahre Verspätung! Mit Ackerbau und Viehzucht allein können Sie heutzutage keinen Blumenpott mehr gewinnen. Das Problem vor dem Chile steht, sind die Folgekosten des Umsturzes vor 30 Jahren. Damals hat das Obristenregime den so genannten Neoliberalismus eingeführt - eine Art von Aberglauben, der seitdem ganze Völkerstämme ruiniert hat... alles was danach kam, ist ohne diese Misere nicht zu begreifen. Sie haben natürlich recht: Bildung allein ist keine Lösung - das beweisen hierzulande die Langzeiterwerbslosen von 50plus. Aber OHNE Bildung ist es NOCH schlimmer...
juharms, 26.08.2011
3. Bildung ist nicht gleich Bildung
Zitat von drspielerNur Kapitalisten haben ein Interesse an einer gebildeten Jugend, welche sich im Begriff "Humankapital" manifestiert. Welch eine sinnlose Demonstration, welche nun sogar Todesopfer hervorbringt. Chile ist ein großes und fruchtbares Land. Ich kann der Jugend nur raten sich als Bauern unabhängig zu machen wenn die Regierung nicht gewillt oder in der Lage ist die Bildung der Jugend zu fördern. Das wäre sicherlich nicht im Sinne der Regierung.
Welche Bildung? PISA Vergleichswissenbüffler oder denkende selbstbestimmte junge Menschen. Wir profitieren noch immer von der Zeit der Aufklärung und der Jugendkultur in den 60er, 70er und noch teilweise in den 80er. Danach? Gleichschaltung. Kosten anheben. Fördern von den Armen. Pustekuchen. In Chile hat man ohne Geld keine Chance auch nur in die Nähe einer Uni zu kommen. Das ist weltweit nicht anders als zu besten Zeiten des 19. Jahrhunderts. Augen auf.
szchile 27.08.2011
4. BANDEN - Begleichung von offenen Rechnungen
Zitat von sysopDie Massenproteste gegen die chilenische Bildungspolitik werden immer gewalttätiger: Erstmals wurde ein Demonstrant getötet - der 16-Jährige starb offenbar durch Schüsse von Polizisten. Über 200 Menschen wurden laut*Behördenangaben verletzt, 1400 seien festgenommen worden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,782802,00.html
Wir wohnen in Chile und haben die Proteste miterlebt. Mich würde mal interessieren, von wo sie die info herhaben, dass Polizisten auf den Jungen geschossen haben. Was in ihrer Berichterstattung überhaupt nicht hervorkommt ist das sehr viele Demonstranten sich vor die Polizisten gestellt haben um diese vor den Randalierern zu beschützen. In den Demos waren viele Familien - so wie wir - die versucht haben die Randalierer auszugrenzen. Dabei sind auch etliche Schüsse von seiten der Randalierer gegen die Polizisten abgegeben worden. Persönlich haben wir 2 gesehen. Offensichtlich nutzen etliche Kriminelle die "Gelegenheit" ... Plünderungen wurden von Polizisten UND engagierten Studenten die demonstrierten zumindest teilweise unterbunden. Die Berichterstattung reflektiert nicht die Realität! Wenn das stimmt was wir gehört haben wurde der Junge bei einer Begleichung von Bandenrechnungen erschossen.
noch-ein-gedanke 27.08.2011
5. Wenn nicht von der Macht gelassen werden kann
Zitat von szchileWir wohnen in Chile und haben die Proteste miterlebt. Mich würde mal interessieren, von wo sie die info herhaben, dass Polizisten auf den Jungen geschossen haben. Was in ihrer Berichterstattung überhaupt nicht hervorkommt ist das sehr viele Demonstranten sich vor die Polizisten gestellt haben um diese vor den Randalierern zu beschützen. In den Demos waren viele Familien - so wie wir - die versucht haben die Randalierer auszugrenzen. Dabei sind auch etliche Schüsse von seiten der Randalierer gegen die Polizisten abgegeben worden. Persönlich haben wir 2 gesehen. Offensichtlich nutzen etliche Kriminelle die "Gelegenheit" ... Plünderungen wurden von Polizisten UND engagierten Studenten die demonstrierten zumindest teilweise unterbunden. Die Berichterstattung reflektiert nicht die Realität! Wenn das stimmt was wir gehört haben wurde der Junge bei einer Begleichung von Bandenrechnungen erschossen.
Ich danke SZCHILE für den Einblick aus der Mitte. In Deutschland wird Chile leider immer noch mit Pinochet gleichgesetzt. Das ist falsch. Chile hat sich allein in den letzten zehn Jahren, in denen ich regelmäßig dort bin, verändert. Zu der Veränderung gehörte nicht nur die wirtschaftliche Erholung, der Erfolg chilenischer Produzenten, die einen höheren Lebensstandard ermöglichten. Zu den Veränderungen gehörte auch eine beispiellose Liberalisierung und Privatisierung des Bildungssystems unter Lagos und Bachelet. Was jetzt Politiker der Concertation versuchen, ist beschämend und zerstört, was im letzten Jahrzehnt auch durch sie aufgebaut wurde.
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