Von Andreas Lorenz, Peking
Zweimal stoppten chinesische Fischkutter ein amerikanisches Spionageschiff in der Nähe des U-Boot-Stützpunktes auf der Insel Hainan. Befeuert wurde das Misstrauen auch durch die jüngste Ankündigung eines Pekinger Generals, Peking werde künftig feste Marinebasen im Pazifik benötigen.
Der alte Fuchs der asiatischen Politik, Singapurs "Minister Mentor" Lee Kuan Yew, brachte es denn auch auf den Punkt: "Die Größe Chinas macht es für den Rest Asiens, Indien und Japan eingeschlossen, unmöglich, ein Gegengewicht zu bilden." Schlussfolgerung Lees: "Also brauchen wir die Amerikaner, die Balance zu halten."
Die Warnung Lees angesichts Chinas wachsender wirtschaftlicher und militärischer Stärke drückte aus, was viele Asiaten denken: Amerika muss ein Gegengewicht zum aufsteigenden China bleiben.
In China riefen Lees Äußerungen Zorn hervor. Chinesische Politiker haben allerdings ebenfalls Gründe, misstrauisch zu sein: Die Amerikaner, so ihr Verdacht, haben nur eines im Sinn: China in seinem "friedfertigen Aufstieg " zu behindern und ihm westliche Werte wie die Demokratie aufdrängen zu wollen.
Skepsis und Rufe nach Einfuhrzöllen
Alles, was aus den USA kommt, wird in Peking daraufhin geprüft, ob es dem Ziel dienen soll, "China kleinzuhalten". Drängt Washington deshalb so hartnäckig darauf, den Yuan aufzuwerten? Die chinesische Regierung halte den Wechselkurs seiner Währung - auch Renminbi genannt - nur deshalb so niedrig, um Importe aus den USA künstlich zu verteuern und chinesische Exporte besonders billig zu machen, erklären US-Ökonomen. Dies koste eine Menge amerikanischer Arbeitsplätze.
Der Vorwurf ist ungerecht, heißt es in Peking: Schließlich lassen auch viele amerikanische Firmen ihre Waren in chinesischen Fabriken produzieren. Wenn die Preise wegen eines stärkeren Yuan steigen, leiden auch sie.
Doch die Rufe in den USA werden lauter, die heimischen Unternehmen vor der chinesischen Konkurrenz zu bewahren. Statt wie bislang den Freihandel predigt so mancher Ökonom mittlerweile den Vorteil von Schutzzöllen. Chinas Politik sei "merkantilistisch" und schlichtweg "räuberisch", erklärte etwa der US-Nobelpreisträger für Wirtschaft, Paul Krugman. Merkantilismus ist eine Wirtschaftsform im absolutistischen Europa, die durch heftige Staatseingriffe geprägt ist. Schon belegen die Amerikaner die Einfuhr von Autoreifen und Stahlrohren mit hohen Einfuhrzöllen.
China werde "keinerlei Druck in welcher Form auch immer nachgeben", den Yuan aufzuwerten, erklärte Chinas Premier Wen Jiabao zum Jahreswechsel kühl. Dabei streiten die KP-Führer nicht ab, dass die billige chinesische Währung ihnen Vorteile im internationalen Handel verschafft. Sie fühlen sich im Recht, diese Vorteile für sich zu nutzen.
Die "US-Elite" habe ja "keine Ahnung", was es für fatale Folgen haben könne, wenn der Yuan aufgewertet werde, sagt der politische Kommentator Liang Jing. Dann nämlich würden Chinas Exporte wegsacken und sich die "interne Einkommensverteilung verschlechtern".
Pekings Politiker wollen in den internationalen Gremien mitreden
Im Klartext: Die chinesischen Fabriken müssten viele Arbeitskräfte entlassen, die Kluft zwischen Arm und Reich würde schon bald weiter auseinanderklaffen - und China womöglich in sozialen Unruhen versinken.
Und wenn die chinesische Regierung erst einmal, wie Washington ebenfalls fordert,
Als Pekings Zentralbankchef Zhou Xiaochuan dafür warb, den Dollar langfristig durch eine andere Leitwährung zu ersetzen, leistete er deshalb nicht nur einen Beitrag zur Diskussion über die globale Finanzkrise. Er setzte auch ein Signal: In Gremien wie dem Internationalen Währungsfonds planen Pekings Politiker, kräftiger als bisher mitzureden - schon um dem großen Konkurrenten jenseits des Pazifik nicht allein das Feld zu überlassen.
Vor allem wollen die Chinesen verhindern, dass die Amerikaner zu viel Geld drucken, um ihre Wirtschaft anzukurbeln. Eine Inflation würde den Wert von Chinas in Amerika angelegten Dollar zum Schmelzen bringen wie Eis in der Sonne.
Auflösungserscheinungen einer Vernunftehe
Militärische Konkurrenz im Pazifik, ein drohender Handelskrieg, der Streit um den Yuan, und ein mögliches Treffen von US-Präsident Obama mit dem in Peking verhassten Dalai Lama: Es scheint, dass den USA und China schwere Zeiten bevorstehen. Einen Vorgeschmack bekam die Welt als Obama Ende Januar dem Kongress den - alten - Plan vorlegte, Waffen im Wert von über sechs Milliarden Dollar an das verbündete Taiwan zu verkaufen. Peking, das die Insel als abtrünnige Provinz ansieht, reagierte wütend, brach, wieder einmal, die militärischen Kontakte ab und drohte an, jene Unternehmen zu boykottieren, die an dem Rüstungsdeal beteiligt sind.
Was wird also aus der wirtschaftlichen Vernunftehe "Chimerica"? In der KP verbreitet sich das Gefühl, dass man sich lieber früher als später aus der Zwangsgemeinschaft lösen müsse. Schon tauschen die kommunistischen Finanzmanager langfristige US-Schatzbriefe in kurzfristige Papiere um.
"Chimerica" dürfte früher oder später am Ende sein. Fragt sich nur, ob die ehemaligen Partner danach in Frieden miteinander leben oder einen Rosenkrieg anzetteln.
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