• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Chimerica Zwei gegen den Rest der Welt

2. Teil: Argwöhnisch beäugen beide Seiten den neuen Partner

Zweimal stoppten chinesische Fischkutter ein amerikanisches Spionageschiff in der Nähe des U-Boot-Stützpunktes auf der Insel Hainan. Befeuert wurde das Misstrauen auch durch die jüngste Ankündigung eines Pekinger Generals, Peking werde künftig feste Marinebasen im Pazifik benötigen.

Der alte Fuchs der asiatischen Politik, Singapurs "Minister Mentor" Lee Kuan Yew, brachte es denn auch auf den Punkt: "Die Größe Chinas macht es für den Rest Asiens, Indien und Japan eingeschlossen, unmöglich, ein Gegengewicht zu bilden." Schlussfolgerung Lees: "Also brauchen wir die Amerikaner, die Balance zu halten."

Die Warnung Lees angesichts Chinas wachsender wirtschaftlicher und militärischer Stärke drückte aus, was viele Asiaten denken: Amerika muss ein Gegengewicht zum aufsteigenden China bleiben.

In China riefen Lees Äußerungen Zorn hervor. Chinesische Politiker haben allerdings ebenfalls Gründe, misstrauisch zu sein: Die Amerikaner, so ihr Verdacht, haben nur eines im Sinn: China in seinem "friedfertigen Aufstieg " zu behindern und ihm westliche Werte wie die Demokratie aufdrängen zu wollen.

Skepsis und Rufe nach Einfuhrzöllen

Alles, was aus den USA kommt, wird in Peking daraufhin geprüft, ob es dem Ziel dienen soll, "China kleinzuhalten". Drängt Washington deshalb so hartnäckig darauf, den Yuan aufzuwerten? Die chinesische Regierung halte den Wechselkurs seiner Währung - auch Renminbi genannt - nur deshalb so niedrig, um Importe aus den USA künstlich zu verteuern und chinesische Exporte besonders billig zu machen, erklären US-Ökonomen. Dies koste eine Menge amerikanischer Arbeitsplätze.

Der Vorwurf ist ungerecht, heißt es in Peking: Schließlich lassen auch viele amerikanische Firmen ihre Waren in chinesischen Fabriken produzieren. Wenn die Preise wegen eines stärkeren Yuan steigen, leiden auch sie.

Doch die Rufe in den USA werden lauter, die heimischen Unternehmen vor der chinesischen Konkurrenz zu bewahren. Statt wie bislang den Freihandel predigt so mancher Ökonom mittlerweile den Vorteil von Schutzzöllen. Chinas Politik sei "merkantilistisch" und schlichtweg "räuberisch", erklärte etwa der US-Nobelpreisträger für Wirtschaft, Paul Krugman. Merkantilismus ist eine Wirtschaftsform im absolutistischen Europa, die durch heftige Staatseingriffe geprägt ist. Schon belegen die Amerikaner die Einfuhr von Autoreifen und Stahlrohren mit hohen Einfuhrzöllen.

China werde "keinerlei Druck in welcher Form auch immer nachgeben", den Yuan aufzuwerten, erklärte Chinas Premier Wen Jiabao zum Jahreswechsel kühl. Dabei streiten die KP-Führer nicht ab, dass die billige chinesische Währung ihnen Vorteile im internationalen Handel verschafft. Sie fühlen sich im Recht, diese Vorteile für sich zu nutzen.

Die "US-Elite" habe ja "keine Ahnung", was es für fatale Folgen haben könne, wenn der Yuan aufgewertet werde, sagt der politische Kommentator Liang Jing. Dann nämlich würden Chinas Exporte wegsacken und sich die "interne Einkommensverteilung verschlechtern".

Pekings Politiker wollen in den internationalen Gremien mitreden

Im Klartext: Die chinesischen Fabriken müssten viele Arbeitskräfte entlassen, die Kluft zwischen Arm und Reich würde schon bald weiter auseinanderklaffen - und China womöglich in sozialen Unruhen versinken.

Und wenn die chinesische Regierung erst einmal, wie Washington ebenfalls fordert,


erlaube, dass Geld frei über die Grenzen fließen darf, würde dies einen "nie da gewesenen Exodus" von Kapital aus dem Lande bedeuten.

Als Pekings Zentralbankchef Zhou Xiaochuan dafür warb, den Dollar langfristig durch eine andere Leitwährung zu ersetzen, leistete er deshalb nicht nur einen Beitrag zur Diskussion über die globale Finanzkrise. Er setzte auch ein Signal: In Gremien wie dem Internationalen Währungsfonds planen Pekings Politiker, kräftiger als bisher mitzureden - schon um dem großen Konkurrenten jenseits des Pazifik nicht allein das Feld zu überlassen.

Vor allem wollen die Chinesen verhindern, dass die Amerikaner zu viel Geld drucken, um ihre Wirtschaft anzukurbeln. Eine Inflation würde den Wert von Chinas in Amerika angelegten Dollar zum Schmelzen bringen wie Eis in der Sonne.

Auflösungserscheinungen einer Vernunftehe

Militärische Konkurrenz im Pazifik, ein drohender Handelskrieg, der Streit um den Yuan, und ein mögliches Treffen von US-Präsident Obama mit dem in Peking verhassten Dalai Lama: Es scheint, dass den USA und China schwere Zeiten bevorstehen. Einen Vorgeschmack bekam die Welt als Obama Ende Januar dem Kongress den - alten - Plan vorlegte, Waffen im Wert von über sechs Milliarden Dollar an das verbündete Taiwan zu verkaufen. Peking, das die Insel als abtrünnige Provinz ansieht, reagierte wütend, brach, wieder einmal, die militärischen Kontakte ab und drohte an, jene Unternehmen zu boykottieren, die an dem Rüstungsdeal beteiligt sind.

Was wird also aus der wirtschaftlichen Vernunftehe "Chimerica"? In der KP verbreitet sich das Gefühl, dass man sich lieber früher als später aus der Zwangsgemeinschaft lösen müsse. Schon tauschen die kommunistischen Finanzmanager langfristige US-Schatzbriefe in kurzfristige Papiere um.

"Chimerica" dürfte früher oder später am Ende sein. Fragt sich nur, ob die ehemaligen Partner danach in Frieden miteinander leben oder einen Rosenkrieg anzetteln.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 1307 Beiträge
Panslawist 12.11.2009
Welche Allianz? Die amerikanischen Sicherheitsdoktrin besagt u.a., dass jedes Land, dass sich anschickt militärisch oder wirtschaftlich mit den USA gleichzuziehen, eine Gefahr für die nationale Sicherheit sei.
Zitat von sysopDie aktuelle Reise von US-Präsident Obama nach China ist mehr als nur sein Antrittsbesuch: Beim Treffen mit Staatschef Hu Jintao geht es um das grundsätzliche Verhältnis der beiden Supermächte. Bei allem Misstrauen sind sie aufeinander angewiesen wie nie zuvor. Eine heikle Allianz?
Welche Allianz? Die amerikanischen Sicherheitsdoktrin besagt u.a., dass jedes Land, dass sich anschickt militärisch oder wirtschaftlich mit den USA gleichzuziehen, eine Gefahr für die nationale Sicherheit sei.
Sumerer 12.11.2009
Die asiatischen Staaten haben die höchsten Leistungsbilanzüberschüsse und das stärkste Wirtschaftswachstum der Welt. Sie haben sich in den letzten Jahren gigantische Währungsreserven zugelegt. Wer an wessen Tropf mittlerweile [...]
Zitat von sysopDie aktuelle Reise von US-Präsident Obama nach China ist mehr als nur sein Antrittsbesuch: Beim Treffen mit Staatschef Hu Jintao geht es um das grundsätzliche Verhältnis der beiden Supermächte. Bei allem Misstrauen sind sie aufeinander angewiesen wie nie zuvor. Eine heikle Allianz?
Die asiatischen Staaten haben die höchsten Leistungsbilanzüberschüsse und das stärkste Wirtschaftswachstum der Welt. Sie haben sich in den letzten Jahren gigantische Währungsreserven zugelegt. Wer an wessen Tropf mittlerweile hängt sollte daher einigermaßen verständlich sein.
family 12.11.2009
Mit den Waehrungsreserven kaufen sie US-Stadtsanleihen, um den US-Dollar vor der Hyperinflation zu bewahren. Hoffe dass es keine Forderungen seitens der USA um Afrika gibt. China ist dort schon zu lange am Druecker. China baut [...]
Zitat von SumererDie asiatischen Staaten haben die höchsten Leistungsbilanzüberschüsse und das stärkste Wirtschaftswachstum der Welt. Sie haben sich in den letzten Jahren gigantische Währungsreserven zugelegt. Wer an wessen Tropf mittlerweile hängt sollte daher einigermaßen verständlich sein.
Mit den Waehrungsreserven kaufen sie US-Stadtsanleihen, um den US-Dollar vor der Hyperinflation zu bewahren. Hoffe dass es keine Forderungen seitens der USA um Afrika gibt. China ist dort schon zu lange am Druecker. China baut ja dort nicht nur Rohstoffe ab ohne Gegenleistung. Sie investieren auch viel in die Infrastruktur und verleihen Milliarden zu super guenstigen Zinsen, fuer moderne Energiegewinnung auf diesem Kontinent. Amerika soll die Haende von Afrika lassen, auch wenn sie jetzt einen schwarzen Presidenten haben.
nr6527 12.11.2009
Henry Kissinger sagte 2005 dazu folgendes: [/QUOTE]Conflict is not an option ...As a new century begins, the relations between China and the United States may well determine whether our children will live in turmoil even worse [...]
Zitat von PanslawistWelche Allianz? Die amerikanischen Sicherheitsdoktrin besagt u.a., dass jedes Land, dass sich anschickt militärisch oder wirtschaftlich mit den USA gleichzuziehen, eine Gefahr für die nationale Sicherheit sei.
Henry Kissinger sagte 2005 dazu folgendes: [/QUOTE]Conflict is not an option ...As a new century begins, the relations between China and the United States may well determine whether our children will live in turmoil even worse than the 20th century or whether they will witness a new world order compatible with universal aspirations for peace and progress. ...[/QUOTE]http://www.nytimes.com/2005/06/08/opinion/08iht-edkiss.html In diesem Youtube Video von 2009 sagt er, das man sich mit Chinan im Streit um die verbleibenden Ölreserven ohne Krieg einigen sollte, weil ein Krieg beide Seiten unnötig schwächen würde, mit dem Ergebnis, das dritte Staaten davon profitieren würden. http://www.youtube.com/watch?v=nYAkzoU7TkM Und wenn einer was zu melden hat dann Kissinger, hier eine kleine Übersicht der Organisationen, in denen er "wirkt". http://www.muckety.com/Henry-A-Kissinger/1864.muckety
Sumerer 12.11.2009
Japan, Großbritannien und weitere machen das nicht anders. Sie wollen halt ihre Währungsreserven nicht verbrennen sehen. Sie meinen wahrscheinlich Angola. Inwieweit das nachhaltig wirkt, wird sich noch zeigen müssen. [...]
Zitat von familyMit den Waehrungsreserven kaufen sie US-Stadtsanleihen, um den US-Dollar vor der Hyperinflation zu bewahren.
Japan, Großbritannien und weitere machen das nicht anders. Sie wollen halt ihre Währungsreserven nicht verbrennen sehen. Sie meinen wahrscheinlich Angola. Inwieweit das nachhaltig wirkt, wird sich noch zeigen müssen. Zumindest tut sich jetzt etwas überall in diesem Land. Es gibt Dinge, die mit militärischen Mitteln unerreichbar sind.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Ausland

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Chimerica gegen den Rest der Welt
AP
Auf der Klimakonferenz in Kopenhagen war die Macht dieser unheimlichen Allianz zu beobachten: China und die USA haben sich einem Abkommen verweigert, sie wollten Einschränkungen für die eigene Wirtschaft nicht akzeptieren - und ließen den Gipfel scheitern. Die beiden auf den ersten Blick völlig verschiedenen Supermächte stellen zusammen 25 Prozent der Weltbevölkerung und tragen mehr als ein Drittel zur globalen Wirtschaftsleistung bei. Die Ökonomien der beiden Staaten sind dabei durch gegenseitige Abhängigkeiten bereits so weit miteinander verflochten, dass die beiden Wirtschaftsprofessoren Neill Ferguson und Moritz Schularick sie in der Wortschöpfung "Chimerica" vereinigten. Sie existieren wie in Symbiose - zwei Organismen, die erst gemeinsam ihre wahre Kraft entfalten.

Was bedeutet die Existenz einer solchen Doppelsupermacht für die europäische Konkurrenz? Welche Auswirkungen hat ihre Dominanz auf den Weltfinanzmärkten? Welche strategischen Ziele verfolgt die Allianz?

SPIEGEL ONLINE geht diesen Fragen in einer eigenen Serie auf den Grund: Chimerica gegen den Rest der Welt.


So funktioniert US-Politik
Welche Rolle hat der Präsident genau?
Was macht der Vizepräsident ?
Was versteht man unter dem Weißen Haus ?
Was beinhaltet die State of the Union Address ?
Was ist das Plum Book ?
Der Präsident frühzeitig gefeuert - geht das?
Was bedeutet Impeachment ?





TOP



TOP