Chimerica Zwei gegen den Rest der Welt

Die USA und China sind schon heute die wichtigsten Mächte des Planeten. Als Allianz könnten sie das Weltgeschehen diktieren. Aber: Wollen sie das überhaupt? Beginnt jetzt das Zeitalter einer Doppelsupermacht? In einer neuen Serie analysiert SPIEGEL ONLINE das Phänomen Chimerica.

Von , Peking


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Chimerica: Zwei Weltmächte und die Vernunft
Wenn China niest, fängt sich die Welt einen Schnupfen. Das erkannte bereits Bill Clinton in seinen Tagen als US-Präsident, als er von der "möglichen Herausforderung eines starken für die USA in der Zukunft" sprach - und zugleich vor dem Risiko eines "schwachen China" warnte, weil es große Teile Asiens destabilisieren könnte.

Sein Parteifreund und Nachfolger Barack Obama sucht nun nach einem Weg, enger als bisher mit dem 1,3-Milliarden-Reich zusammenzuarbeiten. "Ohne China geht nichts mehr", lautet sein Credo. Nur, wenn beide an einem Strang zögen, könnten Amerikaner und Chinesen wichtige Ziele erreichen - sei es in der Frage des Klimawandels, der Bewältigung der Wirtschaftskrise oder der Nichtverbreitung von Atomwaffen.

In China geht es Politikern, Militärs und Ökonomen derweil nicht viel anders, wenn sie darüber nachgrübeln, wie sie mit der alten Supermacht USA umgehen sollen. "Im 21. Jahrhundert", sagt Staats- und Parteichef Hu Jintao, "gehören die Beziehungen zwischen China und den USA zu den wichtigsten in der Welt." Dahinter steckt die Erkenntnis, dass die Chinesen ohne Amerikaner lange nicht den "kleinen Wohlstand für alle" erreichen werden, den die KP dem Volk versprochen hat und mit dem sie ihre Herrschaft rechtfertigt.

Noch nie waren die beiden großen Staaten so aufeinander angewiesen wie in diesen Tagen: Ohne den amerikanischen Markt und ohne amerikanische Investitionen ginge es den Chinesen nicht so gut. Ohne billige chinesische Importwaren wiederum kämen viele Amerikaner in diesen Krisenzeiten nicht über die Runden. Wenn Chinas Zentralbank nicht so viele US-Schatzbriefe kaufte, könnte die amerikanische Regierung nicht mehr funktionieren. Im vergangenen Jahr besaßen die Chinesen amerikanische Staatsanleihen im Wert von rund 800 Milliarden Dollar.

China + Amerika = Chimerica

Der frühere US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski sieht daher eine geopolitische Verschiebung vom Atlantik zum Pazifik. Er spricht von China und den USA als "Gruppe der Zwei, die die Welt verändern könnte". Auch von "Chimerica" ist die Rede. Den Begriff hat der US-Wissenschaftler Niall Ferguson geprägt, weil China und Amerika so eng verbunden sind, dass sie längst "eine Wirtschaftseinheit" bildeten.

Der eine gibt, der andere nimmt: Chimerica - eine Ehe, die im Himmel geschlossen wurde?

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Supermächte in Zahlen: China und USA im Statistik-Vergleich

Chinas neue wirtschaftliche Stärke löst in den USA Beklemmungen aus. Für amerikanische Unternehmer und Politiker ist es ein ungewohntes Gefühl, dass ihr Land immer stärker abhängig von Entscheidungen wird, die in einem fernen Welteich gefällt werden, schlimmer noch: von kommunistischen Machthabern. Die Volksrepublik hat die USA nicht nur als Investitionsziel Nummer eins für ausländische Gelder überholt. Mit Pekings 2,3 Billionen Dollar Devisenreserven können sich chinesische Unternehmen in US-Firmen einkaufen, so wie beim Computergiganten IBM geschehen.

System der strategischen Rückversicherung

"Wir fühlen den heißen Atem des Wirtschaftsdrachens in unserem Nacken", schreibt die Professorin und frühere hochrangige Mitarbeiterin des US-Außenministeriums Susan Shirk in ihrem Buch: "China - Fragile Superpower".

Deshalb erfand der stellvertretende Außenminister James Steinberg für das Verhältnis zu China die Formel der "Strategischen Rückversicherung". Der Gedanke, der dahintersteckt: Wenn Washington und seine Alliierten die Chinesen als "wohlhabende und erfolgreiche Macht" auf der internationalen Bühne willkommen heißen, müsse Peking der Welt im Gegenzug beweisen, dass seine "wachsende globale Rolle nicht auf Kosten der Sicherheit und des Wohlstandes anderer" gehe.

Das Pentagon beobachtet unruhig, wie China seine Armee, vor allem die Kriegsmarine, aufrüstet. Die Waffenschau am 60. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik am 1. Oktober vorigen Jahres auf der Straße des Ewigen Friedens hat die Welt beeindruckt - und erschreckt.

China hilft bei der Piratenjagd - um seine Rohstofftransporte zu schützen

Es ist nur eine Frage der Zeit, wann China seinen ersten Flugzeugträger auf Kiel legt. Sehr genau verfolgen US-Militärs und Geheimdienstler, ob es den Chinesen gelingt, eine schlagkräftige Rakete zu entwickeln, die amerikanische Flugzeugträger gefährden könnte. Erst kürzlich testete die Armee nach eigenen Angaben erfolgreich ein Abwehrsystem, das Interkontinental-Raketen zerstören kann.

Womöglich hegen die Chinesen, so der Verdacht, doch nicht so friedliche Absichten wie sie immer beteuern. Häufiger als früher kreuzen als Fischerboote getarnte Marineschiffe durch das Südchinesische Meer, wo sich China mit Taiwan, Vietnam, Malaysia, Brunei und den Philippinen um die tropischen Spratlys und mit Taiwan und Vietnam um die Paracel-Inseln streitet.

Um Rohstofftransporte gegen Piraten zu schützen, patrouillieren Chinas Kriegsschiffe vor der Küste Somalias. US-Experten machten noch nie so viele und so lange Patrouillenfahrten chinesischer U-Boote so weit entfernt vom Festland aus wie in den letzten Monaten.



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Seite 1
Panslawist 12.11.2009
1.
Zitat von sysopDie aktuelle Reise von US-Präsident Obama nach China ist mehr als nur sein Antrittsbesuch: Beim Treffen mit Staatschef Hu Jintao geht es um das grundsätzliche Verhältnis der beiden Supermächte. Bei allem Misstrauen sind sie aufeinander angewiesen wie nie zuvor. Eine heikle Allianz?
Welche Allianz? Die amerikanischen Sicherheitsdoktrin besagt u.a., dass jedes Land, dass sich anschickt militärisch oder wirtschaftlich mit den USA gleichzuziehen, eine Gefahr für die nationale Sicherheit sei.
Sumerer 12.11.2009
2.
Zitat von sysopDie aktuelle Reise von US-Präsident Obama nach China ist mehr als nur sein Antrittsbesuch: Beim Treffen mit Staatschef Hu Jintao geht es um das grundsätzliche Verhältnis der beiden Supermächte. Bei allem Misstrauen sind sie aufeinander angewiesen wie nie zuvor. Eine heikle Allianz?
Die asiatischen Staaten haben die höchsten Leistungsbilanzüberschüsse und das stärkste Wirtschaftswachstum der Welt. Sie haben sich in den letzten Jahren gigantische Währungsreserven zugelegt. Wer an wessen Tropf mittlerweile hängt sollte daher einigermaßen verständlich sein.
family, 12.11.2009
3. Was will die USA von China denn noch mehr erwarten?
Zitat von SumererDie asiatischen Staaten haben die höchsten Leistungsbilanzüberschüsse und das stärkste Wirtschaftswachstum der Welt. Sie haben sich in den letzten Jahren gigantische Währungsreserven zugelegt. Wer an wessen Tropf mittlerweile hängt sollte daher einigermaßen verständlich sein.
Mit den Waehrungsreserven kaufen sie US-Stadtsanleihen, um den US-Dollar vor der Hyperinflation zu bewahren. Hoffe dass es keine Forderungen seitens der USA um Afrika gibt. China ist dort schon zu lange am Druecker. China baut ja dort nicht nur Rohstoffe ab ohne Gegenleistung. Sie investieren auch viel in die Infrastruktur und verleihen Milliarden zu super guenstigen Zinsen, fuer moderne Energiegewinnung auf diesem Kontinent. Amerika soll die Haende von Afrika lassen, auch wenn sie jetzt einen schwarzen Presidenten haben.
nr6527 12.11.2009
4. Die Offenbarung
Zitat von PanslawistWelche Allianz? Die amerikanischen Sicherheitsdoktrin besagt u.a., dass jedes Land, dass sich anschickt militärisch oder wirtschaftlich mit den USA gleichzuziehen, eine Gefahr für die nationale Sicherheit sei.
Henry Kissinger sagte 2005 dazu folgendes: [/QUOTE]Conflict is not an option ...As a new century begins, the relations between China and the United States may well determine whether our children will live in turmoil even worse than the 20th century or whether they will witness a new world order compatible with universal aspirations for peace and progress. ...[/QUOTE]http://www.nytimes.com/2005/06/08/opinion/08iht-edkiss.html In diesem Youtube Video von 2009 sagt er, das man sich mit Chinan im Streit um die verbleibenden Ölreserven ohne Krieg einigen sollte, weil ein Krieg beide Seiten unnötig schwächen würde, mit dem Ergebnis, das dritte Staaten davon profitieren würden. http://www.youtube.com/watch?v=nYAkzoU7TkM Und wenn einer was zu melden hat dann Kissinger, hier eine kleine Übersicht der Organisationen, in denen er "wirkt". http://www.muckety.com/Henry-A-Kissinger/1864.muckety
Sumerer 12.11.2009
5.
Zitat von familyMit den Waehrungsreserven kaufen sie US-Stadtsanleihen, um den US-Dollar vor der Hyperinflation zu bewahren. Hoffe dass es keine Forderungen seitens der USA um Afrika gibt. China ist dort schon zu lange am Druecker. China baut ja dort nicht nur Rohstoffe ab ohne Gegenleistung. Sie investieren auch viel in die Infrastruktur und verleihen Milliarden zu super guenstigen Zinsen, fuer moderne Energiegewinnung auf diesem Kontinent. Amerika soll die Haende von Afrika lassen, auch wenn sie jetzt einen schwarzen Presidenten haben.
Japan, Großbritannien und weitere machen das nicht anders. Sie wollen halt ihre Währungsreserven nicht verbrennen sehen. Sie meinen wahrscheinlich Angola. Inwieweit das nachhaltig wirkt, wird sich noch zeigen müssen. Zumindest tut sich jetzt etwas überall in diesem Land. Es gibt Dinge, die mit militärischen Mitteln unerreichbar sind.
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