Merkel in China Li Keqiang und die Zipfelmütze

China wird zur technologischen Übermacht, und China beutet Rohstoffe in Afrika aus. China ist effizient, und China missachtet Menschenrechte. Über all das müssten die Deutschen reden und streiten. Aber sie verkriechen sich lieber.

Angela Merkel, chinesischer Ministerpräsident Li Keqiang
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Angela Merkel, chinesischer Ministerpräsident Li Keqiang

Ein Kommentar von  


Die Deutschen müssen China lieben und hassen lernen wie die USA. Bundeskanzlerin Angela Merkel hilft dabei auf ihrer Reise durch China leider nicht.

Im Jahr 1967 erschien der historische Bestseller des französischen Journalisten Jean-Jacques Servan-Schreiber mit dem Titel "Die amerikanische Herausforderung". Das Buch kam in Paris mit einer Auflage von 15.000 Exemplaren auf den Markt, das war für ein Sachbuch hoch und nur dem in Frankreich damals schon hohen Ansehen des Autors zu verdanken. Doch dann gingen in zwei Jahren weltweit 10 Millionen Exemplare über den Ladentisch, und der ganze Westen stritt über das Buch. So ein Unruhe stiftendes Pamphlet bräuchte es heute über China, während sich Bundeskanzlerin Angela Merkel geschmeidig und lautlos wie immer durch die Volkrepublik bewegt.

Servan-Schreiber diagnostizierte damals einen versteckten Wirtschaftskrieg zwischen den USA und Europa. Er rief Europa zu einer föderalen Kehrtwende und der Einführung einer gemeinsamen Währung auf. Nur so könne sich Europa gegen die technologische, militärische und wirtschaftliche Übermacht der USA behaupten. Doch die 68er-Linken nahmen Anstoß: Ihnen war der Autor zu proamerikanisch. Die Konservativen dagegen sahen in Servan-Schreiber den Agenten einer verwerflichen Industriepolitik. Niemand im ganzen politischen Spektrum des Westens war mit Servan-Schreiber einverstanden.

Was noch heute von seiner Weitsicht zeugt. Nicht zuletzt Donald Trumps wirtschafts- und außenpolitischer Alleingang lässt einen Teil von Servan-Schreibers Thesen dieser Tage aktueller denn je erscheinen. Die Debatte von damals war nützlich, so nützlich, dass sie in unser Unterbewusstsein eingegangen ist: Das Ja oder Nein zu den USA erscheint uns immer relevant.

So weit müssen wir heute auch in unserem Verhältnis zu China kommen.

Ohne Japan wäre Deutschland keine Exportnation mehr

Noch vor zwei Jahrzehnten war Japan die große Herausforderung für den Westen. Im Jahr 1990 erschien die berühmte MIT-Studie "Die zweite Revolution in der Autoindustrie" der US-Autoren James Womack, Daniel Jones und Daniel Roos. Der streng wissenschaftliche Bericht erzielte eine weltweite Auflage von über 600.000 Exemplaren. Darin erfuhr man, warum die japanische Produktionstechnik der westlichen so überlegen vor. Die Autoren erfanden dafür den Begriff der schlanken Produktion mit ihren Qualitätszirkeln und ihrer Just-in-time-Zulieferung. Heute wird in der ganzen Hochtechnologie-Welt kaum noch anders hergestellt. Weshalb sich das Thema für die Öffentlichkeit zwar weitgehend erledigt hat. Aber wehe, VW und alle anderen wären dem japanischen Beispiel damals nicht gefolgt! Deutschland wäre längst keine Exportnation mehr.

Darauf folgt heute die chinesische Herausforderung. Die Einsicht fällt nicht schwer. Der Anteil der G7-Länder am Weltbruttoinlandsprodukt lag 1995 bei 45 Prozent, heute liegt er bei 31 Prozent und 2050 vorrausichtlich bei 20 Prozent. Umgekehrt steigt der chinesische Anteil fast in gleichem Maße, wie jener der G7 sinkt. Auch ist längst von einem versteckten, wenn nicht gar offenen Wirtschaftskrieg zwischen China und dem Westen die Rede.

Viele Argumente, die Servan-Schreiber einst für die Übermacht der USA geltend machte, zum Beispiel der unschlagbar große Heimatmarkt, treffen heute auch auf China zu. Und doch findet eine hitzige Debatte zwischen China-Gegnern und -Befürwortern nirgendwo statt. Als wäre das Land einfach noch zu weit weg, kulturell, sprachlich, politisch. Das aber ist wohl die Falle von 500 Jahren zivilisatorischer Dominanz des Westens. Wir glauben, es geht ohne China-Wissen und China-Streit. Nur 500 deutsche Studenten schreiben sich pro Wintersemester für das Fach Sinologie ein. So tappen wir mitten in die Falle.

Zurück zur Zipfelmütze

Wie viel besser es laufen kann, zeigt die Auseinandersetzung mit Japan. Alle lieben heute Sushi, obwohl die Deutschen bis in die Neunzigerjahre über rohen Fisch allenfalls Witze machten. Geschwunden ist auch die Angst vor Toyota und Sony, weil man sie in Wolfsburg und bei Samsung in Südkorea erfolgreich kopierte. Aber Japan war seit dem Zweiten Weltkrieg immer Demokratie, später auch Teil der G7, also nie ein politischer Gegner. Und es ist viel kleiner. Andererseits ermöglicht das Internet heute trotz aller Zensur in China eine viel größere Nähe im täglichen Umgang mit Chinesen, als sie früher mit Japanern je vorstellbar war.

Warum zögern wir also noch? Warum traut sich nach dem Tod von Helmut Schmidt niemand mehr, öffentlich die chinesische KP zu verteidigen? Warum hat die große weltpolitische Debatte um konfuzianische Pflichten wider westlichen Rechten, die Lee Kuan Yew, der Staatsgründer Singapurs, einst anstieß, bis heute nie stattgefunden? Gerade hat die US-Zeitschrift "Foreign Affairs" den unsichtbaren, weil inhärent demokratischen Charakter der chinesischen Reformpolitik gewürdigt. Wann diskutieren endlich auch wir, warum der chinesische Staat so funktioniert, wie er es tut: jedenfalls nicht ineffizient?

Die Gegner Chinas sind genauso gefragt. Schließlich hat uns der Anti-Amerikanismus der 68er auch nicht geschadet. Wie einst gegen den Vietnamkrieg ließe sich heute gegen Chinas Vormarsch in Afrika demonstrieren. Oder für die Freiheit der heldenhaften chinesischen Dissidenten.

Die Merkel-Jahre hätten zu einer gewollten Lähmung der deutschen Debattenkultur geführt, argumentierte kürzlich der Philosoph Jürgen Habermas. Und Ex-Außenminister Joschka Fischer spricht neuerdings von einer zweiten deutschen Biedermeier-Epoche: zurück zur Zipfelmütze. Beide sehen das mit Blick auf die Europa-Debatte so. Nirgendwo aber birgt dieser Trend so große Gefahr wie in unserem Verhältnis zu China. Wir müssen das Land lieben und hassen lernen wie die USA. Erst dann kommen wir in der Welt von heute an.

insgesamt 54 Beiträge
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spon_4_me 24.05.2018
1. Sehr interessante Sicht
auf das Thema China. Aber eine Frage geht mir durch den Kopf: Was sollen wir con China lernen? Das Land ist groß jnd mächtig, aber wo sind die gesellschaftlichen Vorbilder, die fortschrittlichen Geschäftsprozesse, das progressive Weltbild? China holt sich seinen Platz unter den Weltmäxhten zurück, ok - aber wo weist ws uns den Weg?
heinrich.busch 24.05.2018
2. Was heisst überall muss Deutschland reden?!
Deutschland hat ausreichend eigene Probleme, welche dringend zu lösen sind. Unsere Beamten, nicht nur bei der Bamf , sondern eigentlich überall. Unsere zunehmend rückläufige Wettbewerbsfähigkeit bei gleichzeitiger überbordender Geldverschwendung für Menschen die in keinster Weise haben und mit grosser Wahrscheinlichkeit nie signifikant Sozialzahlungen generieren werden sollen als Aufgabenbeschreibung für die Gewählten genügen. Aber so wie die Amis der Weltpolizist mit verheerenden Folgen sind die deutschen als Gutmenschen unterwegs.
mina2010 24.05.2018
3. Ist mal wieder typisch deutscher Schäferhund ...
Händchen lecken. Warum ist jetzt das Erstaunen so groß? Erst machen wir einen tollen Technologietransfer nach Fernost anschließend verlagern wir dann z.B. auch noch die gesammte Chipproduktion dorthin. Nennt sich Globalisierung oder Ausverkauf eigener Technologien. Freut sehr, wenn deutsche Panzer mit chinesischen Chips laufen, vermutlich können sie dann auch von Peking deaktiviert werden. Ach die Chinesen beuten afrikanische Rohstoffe aus, solle auch Unternehmen geben die das ohne Rücksicht auf die Bevölkerung machen. Aber bleiben wir bei Afrika, China beutet aus, wir nehmen die Flüchtlinge und zahlen Entwicklungshife. Ist doch gut verteilt. Ähnliches findet wohl auch im Agrarbereich statt, dass China riesige Flächen in Afrika für die Agrarproduktion kauft oder pachtet. Die Hilfslieferungen für die hungernde Bevölkerung kommen vermutlich nicht auch China. Menschenrechtverletzung klingt gut und würde erstmal mindestens pauschal 2/3 der Welt betreffen. Sicher ist das immer abhängig vom Blickwinkel. Stellt sich die blöde Frage, ob der Anspruch auf Wohnraum nicht auch eine Menschenrecht ist und wie die Bundesregierung damit umgeht. Und Politiker(innen) in Deutschland, die noch einen Arsch in der Hose hatten, sind eine ausgestorbene Spezies.
tropfstein 24.05.2018
4. Es betrifft nicht nur China
Ein sehr guter Artikel ! Dier deutsche Zipfelmützigkeit betrifft aber nicht nur den Umgang mit China, sondern die politische Debatte allgemein. Ich behaupte, der Aufstieg der AfD ist genau dieser Feigheit in der argumentativen Auseinandersetzung zu verdanken. Es war nicht die Grenzöffnung, nicht die naive Willkommenskultur-Rhetorik. Es war der Umgang mit denen, die skeptisch waren und nicht alles rosarot sehen wollten: die wurden Verleumdet ("alles Nazis", verhöhnt ("Angsthasen") oder für geistig minderwertig erklärt ("dumpf"). All das hängt zusammen. Wir brauchen wieder eine mutige Auseinandersetzung.
SPONU 24.05.2018
5. Wenn kluge und reiche
Chinesen dann erstmal hierzulande Grund und Boden aufgekauft haben und Mehrheiten in Unternehmen besitzen bin ich gespannt wie die Generation der Hausbesetzer, Influencer, Yoga-Klangschalentherapeuten, Gendergerechtigkeitsfreaks für Wetterfronten und Sparkassenformularen, Trans, Bi, Binär und sonstigen Wohlstandswahnsinnigen ihre Ansprüche durchsetzen. Ich hätte da eine Prophezeiung wie das ausgeht :)
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