China Blinder Menschenrechtler aus Haft entlassen

Nach vier Jahren Haft ist der bekannte chinesische Bürgerrechtler Chen Guangcheng wieder in sein Heimatdorf zurückgekehrt. Der blinde Anwalt war wegen seiner Kritik an der Ein-Kind-Politik verurteilt worden. Nun ist er zwar offiziell frei, steht aber de facto unter Hausarrest.

Aktivist Chen Guangcheng (undatiertes Archivbild): Aus der Haft entlassen
AP

Aktivist Chen Guangcheng (undatiertes Archivbild): Aus der Haft entlassen


Peking - Der blinde Bürgerrechtler Chen Guangcheng, der Missstände in der Ein-Kind-Politik in China angeprangert hatte, ist aus dem Gefängnis entlassen worden. Nach Ablauf seiner mehr als vierjährigen Haftzeit durfte der 38-Jährige am Donnerstag in sein Dorf Dongshigu nahe der Stadt Linyi in Ostchina heimkehren, wie internationale Menschenrechtsgruppen berichteten. Er stehe aber unter strenger Beobachtung und praktisch unter Hausarrest. Nach Angaben von Angehörigen stand die gesamte Familie in den vergangenen Wochen unter Beobachtung, einigen seien die Telefonverbindungen gekappt worden. Außerdem dürfe die Familie ihr Haus derzeit nicht verlassen.

Der Rechtsexperte zählt zu den führenden Mitgliedern der kleinen Bürgerrechtsgemeinde in China. Das US-Magazin "Time" wählte ihn 2006 zu einer der "100 führenden Personen, die die Welt verändern". In jenem Jahr war Chen Guangcheng zu vier Jahren und drei Monaten verurteilt worden. Er hatte sich den Zorn der Behörden zugezogen, als er eine Gruppenklage gegen erzwungene Abtreibungen und Sterilisationen bei der Durchsetzung der Ein-Kind-Politik in Linyi eingereicht hatte.

"Ich habe mich kein bisschen geändert", sagte Chen Guangcheng nach Angaben der Organisation China Human Rights Defenders (CHRD) nach seiner Haftentlassung. "Ich möchte allen Freunden danken, die sich Sorgen um mich gemacht haben." Er habe "schwach und dünn" ausgesehen, berichtete CHRD. Sein Gesundheitszustand sei schlecht. Seit Juli 2008 leide er unter chronischer Magen-Darm-Entzündung, habe aber in Haft keine angemessene medizinische Behandlung bekommen.

Trotz seiner Erblindung hatte sich Chen Guangcheng selbst zum Rechtsexperten ausgebildet. Er setzte sich seit 1998 für heikle Fälle ein, half auch Bauern oder Behinderten, zu ihrem Recht zu kommen. In Anlehnung an die "Barfußärzte", die im revolutionären kommunistischen China mit einfacher medizinischer Ausbildung durch China zogen, ist der Aktivist als "Barfußanwalt" auch international bekannt geworden.

"Schandfleck in der rechtlichen Entwicklung in China"

Ein Gericht in Yinan verurteilte Chen Guangcheng 2006 unter anderem wegen "Beschädigung öffentlichen Eigentums". Drei Zeugen der Verteidigung waren daran gehindert worden, an dem Prozess teilzunehmen, beklagte sein Anwalt. Sie hätten aussagen wollen, dass sie misshandelt worden seien, um falsche Aussagen zu machen.

In Haft sei Chen Guangcheng Opfer von Schlägen und anderen Misshandlungen geworden, berichteten Menschenrechtsgruppen. Wiederholt sei er in Hungerstreik getreten. "Die Inhaftierung eines blinden Anwalts, der sich für die Verbesserung des Lebens seiner Landsleute eingesetzt hat, ist ein Schandfleck in der rechtlichen Entwicklung in China", sagte Sharon Home, Exekutivdirektorin der in den USA ansässigen Organisation Human Rights in China (HRiC).

Menschenrechtsgruppen forderten nun ein Ende des "gesetzeswidrigen Hausarrests". Vor seinem Haus sei sogar eine Überwachungskamera installiert worden. "Mit dem Ende der Haft beginnt für einige chinesische Dissidenten nur eine lebenslange Bestrafung durch Polizeiüberwachung und Belästigung", sagte Sophie Richardson von Human Rights Watch aus den USA. "Chen Guangcheng hätte gar nicht erst inhaftiert werden dürfen."

Mit seiner Inhaftierung vor vier Jahren hatten die Behörden begonnen, die Kontrolle über die anwachsende Bürgerrechtsbewegung deutlich zu verschärfen. Juristen, die sich wie Chen Guangcheng für die Belange einfacher Leute einsetzen oder politische Reformen befürworteten, wurden verfolgt, attackiert oder festgenommen, wie Menschenrechtsgruppen berichteten.

ffr/dpa/dapd



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