Menschenrechte: Blinder chinesischer Aktivist flüchtet aus dem Hausarrest

Er setzte sich für arme Bauern ein und für Frauen, die gegen die chinesische Ein-Kind-Politik rebellierten. Dafür musste sich Chen Guangcheng jahrelang einsperren lassen - erst im Gefängnis und dann unter Hausarrest. Nun gelang dem blinden Menschenrechtler die Flucht. 

Aktivist Chen Guangcheng: Vier Jahre in Haft, zwei Jahre unter Hausarrest Zur Großansicht
AFP/ China Aid Association

Aktivist Chen Guangcheng: Vier Jahre in Haft, zwei Jahre unter Hausarrest

Peking - Er ist einer der bekanntesten Menschenrechtsaktivisten Chinas: Chen Guangcheng. Er ist seit seiner Kindheit blind, durfte nie eine Universität besuchen - und vertrat doch mit selbst angeeignetem Wissen viele Landsleute gegen das kommunistische Regime. Jetzt ist ihm die Flucht aus seinem streng bewachten Haus gelungen.

Bis zum späten Freitagabend wurden keine Informationen über seinen aktuellen Aufenthaltsort bekannt. Die US-Regierung hat es abgelehnt, sich zum Verbleib des aus dem Hausarrest geflohenen Bürgerrechtlers zu äußern. Auch auf Fragen von Journalisten zu Spekulationen, dass der blinde Dissident in der US-Botschaft in Peking Unterschlupf gefunden haben könnte, ging die Sprecherin des US-Außenministeriums, Victoria Nuland, am Freitag in Washington nicht ein. Sie verwies auf frühere Mitteilungen der Regierung: "Wir haben uns immer Sorgen um diesen Fall gemacht", sagte sie.

Chen habe sein Haus vor knapp einer Woche verlassen und sei von Freunden an einen sicheren Ort außerhalb seiner Heimatprovinz Shandong gebracht worden, teilte der in den USA lebende Menschenrechtsaktivist Bob Fu früher am Freitag mit. Chens Frau, seine Mutter und seine Tochter hielten sich weiterhin im Haus der Familie auf. "Alle Dorfbewohner und auch die örtlichen Regierungsvertreter waren fassungslos, als Chen nicht gefunden wurde. Das Haus ist nun eng umstellt, und alle warten vermutlich auf Befehle, was zu tun ist", sagte er. Gerüchte, wonach Chen in der US-Botschaft in Peking sei, konnte Fu nicht bestätigen. Ein in China ansässiger Menschenrechtsaktivist bestätigte die Angaben.

Die Aktivistin He Peirong berichtete, sie habe Chen geholfen. Der britischen Zeitung "The Times" sagte sie, er sei am Sonntagabend über eine Mauer seines Hauses geklettert. Ohne Hilfe sei der Blinde stundenlang zu Fuß gelaufen, bevor er Kontakt zu ihr aufgenommen habe. Mit Hilfe von Freunden habe sie ihn dann aufgegriffen und an einen sicheren Ort gebracht.

Von offizieller Seite gibt es bisher keine Bestätigung für die Flucht Chens.

Chen ist einer von zahlreichen autodidaktischen "Rechtsanwälten", die sich in China in Menschenrechtsfragen engagieren und Betroffene beraten. Er zog vor allem mit Kritik an der rigiden Ein-Kind-Politik den Zorn Pekings auf sich, nachdem er zahlreiche erzwungene, späte Abtreibungen und Sterilisierungen von Frauen in seiner Provinz Shandong aufgedeckt hatte. Er war 2006 offiziell wegen Verkehrsblockaden verurteilt worden. Nach vier Jahren in Haft war Chen im September 2010 aus dem Gefängnis entlassen worden und stand seither unter Hausarrest.

Menschenrechtler berichteten in der Vergangenheit über ein brutales Vorgehen gegen Chen. Der Aktivist und seine Frau seien von den örtlichen Behörden im vergangenen Juli vier Stunden lang verprügelt worden, berichtete ChinaAid. Im vergangenen Jahr wurden Dutzende von Unterstützern daran gehindert, den blinden Mann zu besuchen. Viele von ihnen wurden von Männern in Zivil geschlagen, so ChinaAid.

ler/bos/AFP/Reutersdpa

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Gelang die Flucht
Wilhelm Klaus 27.04.2012
Zitat von sysopNun gelang dem blinden Menschenrechtler die Flucht. Menschenrechte: Blinder chinesischer Aktivist flüchtet aus dem Hausarrest - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830069,00.html)
Könnt ihr auf diese subtile Ideologisierung auch verzichten?
2. Immer wieder interessant, wie
michaelslo 27.04.2012
Zitat von sysopEr setzte sich für arme Bauern ein und für Frauen, die gegen die chinesische Ein-Kind-Politik rebellierten. Dafür musste sich Chen Guangcheng jahrelang einsperren lassen - erst im Gefängnis und dann unter Hausarrest. Nun gelang dem blinden Menschenrechtler die Flucht. Menschenrechte: Blinder chinesischer Aktivist flüchtet aus dem Hausarrest - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,830069,00.html)
uns SPON und andere deutsche Medien mit den "wichtigsten Ereignissen" des 1,3 -Mrd-Volkes versorgen. Wieso gibt es eigentlich für uns Deutsche keine Medien mehr, die nicht in trauter Eintracht einseitig mit der allgemeinen Hetze gegen China (Russland, Ungarn, Ukraine, Syrien,) neutral berichten würden. >>> Toll: "Nun gelang dem blinden Menschenrechtler die Flucht. " China wackelt nun?
3. Re: Immer wieder interessant, wie
Hamberliner 27.04.2012
Zitat von michaelsloImmer wieder interessant, wie uns SPON und andere deutsche Medien mit den "wichtigsten Ereignissen" des 1,3 -Mrd-Volkes versorgen. Wieso gibt es eigentlich für uns Deutsche keine Medien mehr, die nicht in trauter Eintracht einseitig mit der allgemeinen Hetze gegen China (Russland, Ungarn, Ukraine, Syrien,) neutral berichten würden.
Wenn Demokratie, Menschenrechte, Freiheit und territoriale Souveränität der Nachbarländer von Großmächten Dir ein Dorn im Auge sind kannst Du gerne mit Google nach den offiziellen Parteiorganen der KP Chinas, übersetzt ins Englische, suchen und Dich an Meldungen erfreuen, dass schon wieder in China ein Sack Reis umgefallen ist.
4. Menschenreichte
wanniii 27.04.2012
Zitat von michaelslouns SPON und andere deutsche Medien mit den "wichtigsten Ereignissen" des 1,3 -Mrd-Volkes versorgen. Wieso gibt es eigentlich für uns Deutsche keine Medien mehr, die nicht in trauter Eintracht einseitig mit der allgemeinen Hetze gegen China (Russland, Ungarn, Ukraine, Syrien,) neutral berichten würden. >>> Toll: "Nun gelang dem blinden Menschenrechtler die Flucht. " China wackelt nun?
Als Menschenrechte werden subjektive Rechte bezeichnet, die jedem Menschen gleichermaßen zustehen. Das Konzept der Menschenrechte geht davon aus, dass alle Menschen allein aufgrund ihres Menschseins mit gleichen Rechten ausgestattet und dass diese egalitär begründeten Rechte universell, unveräußerlich und unteilbar sind. Die Idee der Menschenrechte ist eng verbunden mit dem Humanismus und der im Zeitalter der Aufklärung entwickelten Idee des Naturrechtes. Wenn Ihnen Menschrechte gleichgültig sind, sind Ihnen solche Mitteilungen sicher egal, hauptsache Sie haben das Menschenrecht, andere zu ignorieren. Die Presse hat die Pflicht, auf diesbezügliche Mißachtungen hinzuweisen! Ich freue mich über diese positive Berichterstattung. Dafür schalte ich "Ich bin ein Star-holt mich hier raus", auch bekannt als das Dschungel-Camp, aus. Sie tun mich schon leid...
5. Arges
autocrator 27.04.2012
Zitat von michaelslouns SPON und andere deutsche Medien mit den "wichtigsten Ereignissen" des 1,3 -Mrd-Volkes versorgen. Wieso gibt es eigentlich für uns Deutsche keine Medien mehr, die nicht in trauter Eintracht einseitig mit der allgemeinen Hetze gegen China (Russland, Ungarn, Ukraine, Syrien,) neutral berichten würden. >>> Toll: "Nun gelang dem blinden Menschenrechtler die Flucht. " China wackelt nun?
richtig ist: gerade in letzter Zeit häufen sich die China-kritischen, negativen berichte, auch hier bei SpOn, in einem maße, dass von einer gezielten und organisierten kampagne auszugehen ist. richtig ist aber auch: bei aller begeisterung für China muss man auch einmal ganz neutral feststellen, dass dort unter anderem in hinblick auf "die" menschenrechte einiges im argen liegt. Wobei auch zu berücksichtigen ist, dass vieles vom standpunkt und der betrachtungsweise abhängt. Die allermeisten leute wissen schlicht nicht, was menschenrechte sind. In einer zweiten stufe gibt es eine höchst selektive wahrnehmung und interpretation von menschenrechten. und in einem dritten schritt wird häufig nicht mal vor der eigenen haustüre gekehrt. Der chinesischen Führung würde es ganz leicht fallen, den spieß umzudrehen: Art 13 AEMR: "Jeder Mensch hat das Recht auf Freizügigkeit und freie Wahl seines Wohnsitzes innerhalb eines [nicht "seines" (sic!) ... sprich jeden] Staates. Jeder Mensch hat das Recht, jedes Land, einschliesslich seines eigenen, zu verlassen [...][was bedeutet, dass wer wo weggeht, zwangsläufig irgendwo hingehen muss, und da es kaum gebiete ohne "Staat" auf der welt gibt, er zwangsläufig in einen anderen staat einreisen können muss]. ... tja, wieviel millionen Chinesen hätten wir hier eigentlich gerne? - und nichtvergessen: China stellt mit begeisterung jedem seiner bürger einen pass aus! Es sind nicht die bösen Chinesen, die ihre Leute nicht ausreisen lassen, wir sind diejenigen, die sie nicht einreisen lassen! Oder wie sieht es mit der sog. 3. generation der menschenrechte aus, wo China wirklich überaus achtbare erfolge erzielt hat? Wo steht eigentlich geschrieben, in welcher reihenfolge die menschenrechte in einem land zu verbessern sind? Wie war das nochmal mit dem EU-menschenrecht auf arbeit und angemessene bezahlung dafür? - befragen wir doch mal die zu 50% arbeitslosen jugendlichen Spanier hierzu ... Es werden leider gerade in der China-berichterstattung viel zu häufig blendgranaten gezündet - was nicht heisst, dass es nicht auch wirklich kritikwürdige umstände, über die zu berichten ist, in China gibt. Konkret bleibt zu hoffen, dass dem aktivisten wirklich die flucht gelungen ist, und nicht anderes, schlimmeres geschehen ist.
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