Gerüchte über Chinas künftigen Präsidenten Der große Abwesende

Seit zehn Tagen ist er einfach weg - Chinas neuer starker Mann, der designierte Präsident Xi Jinping, zeigt sich nicht mehr in der Öffentlichkeit. Die Zensoren versuchen, die Berichterstattung zu unterbinden. Doch das Schweigen der KP-Führung sorgt erst recht für Unruhe.

Von , Peking


"Es gibt Speku--", sagt der Moderator von CNBC, da wird plötzlich der Bildschirm schwarz. "Wo ist der chinesi--", hebt der Mann von BBC World zu einer Frage an, da ist er auch schon weg vom Fenster. "Wie die Financial Times beri---", weiter kommt auch seine Kollegin von Bloomberg TV nicht.

Seit die Börse in Tokio an diesem Dienstagmorgen den Handel eröffnet hat und die globalen Wirtschaftsdienste aus Singapur und Hongkong berichten, haben Chinas Zensoren ein Problem. Zehn Tage ist es her, dass Xi Jinping zuletzt gesehen wurde - der Mann, der auf dem Parteitag der chinesischen KP im Oktober zum neuen Führer der zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt gekürt werden soll. Vier ausländische Delegationen hat er bereits versetzt, darunter vergangene Woche die der US-Außenministerin Hillary Clinton und am Montag die der dänischen Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt. Sogar einen wichtigen Parteitermin hat er sausen lassen. Das ist ungewöhnlich, selbst für chinesische Spitzenpolitiker, die oft tagelang nicht öffentlich auftreten.

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Chinas neuer starker Mann: Xi Jinping ist abgetaucht
Chinas Staatsmedien schweigen, aber die Menschen reden, die Blogger bloggen, die Märkte werden unruhig - und die internationalen Medien haben das Thema natürlich aufgenommen. Und so reicht es an diesem Tag nicht, dass die Suchmaschinen im chinesischen Netz unter "Xi" und "Jinping" nichts mehr finden; diesmal sitzt irgendwo in Peking ein bedauernswerter Zensor vor ein paar Bildschirmen und schaltet abwechselnd die auch in China ausgestrahlten globalen Nachrichtenkanäle ab - wann immer ein Wort darauf hindeutet, dass es gleich um den Großen Abwesenden gehen könnte.

Wo also ist Xi Jinping?

Niemand weiß etwas, und die Ehrlichen unter den China-Experten räumen das auch offen ein. Ob ihn ein Bandscheibenvorfall ans Bett fesselt, ob er einen Autounfall oder einen leichten Herzinfarkt erlitten hat, ob es vor dem Machtwechsel zu einem Zerwürfnis in der Führung gekommen ist oder ob der designierte Staatspräsident derzeit einfach keine Lust hat auf ausländische Würdenträger - bislang ist alles Spekulation.

"Es geht ihm nicht gut, aber es ist kein großes Problem"

Der letzte ausländische Gast, der Xi gesehen hat, ist ausgerechnet die deutsche Kanzlerin, und Angela Merkel hat nach ihrem Treffen mit ihm Ende August öffentlich nichts durchblicken lassen, was auf eine Verstimmung oder Erkrankung Xis hindeutete. Als er vergangene Woche einen Termin mit dem Premier von Singapur absagte, sprachen anonyme Quellen in Peking von einer Rückenverletzung, die er sich beim Schwimmen zugezogen habe; am Dienstagmorgen zitieren Agenturen eine andere anonyme Quelle mit der Aussage: "Es geht ihm nicht gut, aber es ist kein großes Problem."

Für Xis Gesundheit mag das sogar zutreffen. Für Chinas Führung ist der Fall am Vorabend eines nur alle zehn Jahre stattfindenden Generationswechsels allerdings ein großes Problem. Denn was immer an den Gerüchten stimmt oder nicht - dass die Führung sie durch ihr Kreml-haftes Schweigen geradezu herausfordert und anheizt, läuft einem ihrer immer wieder erklärten Ziele zuwider: Stabilität schaffen, vorhersagbar sein, für eine harmonische Ordnung der Dinge sorgen. Gerüchte sorgen für Unruhe und Disharmonie.

Chinas Führung lenkt die Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema

An die Möglichkeit, den Chinesen wie in alten Zeiten das Spekulieren durch Zensur einfach unmöglich zu machen, glaubt gewiss auch in der chinesischen Führung niemand mehr. Dafür ist die Welt - nicht zuletzt dank chinesischer Errungenschaften - zu eng vernetzt und Chinas Jugend zu smart und kreativ. Die dreht auf den Microblogs bereits die nächste Runde. Xis Lieblingsfilm, das wisse man ja aus den WikiLeaks-Veröffentlichungen, sei Steven Spielbergs Weltkriegsdrama "Der Soldat James Ryan". Da falle doch genau das Wort, das nun auch für den Verschollenen von Peking gelte: "Findet ihn. Bringt ihn zurück."

Im Augenblick sieht es eher so aus, als nutze die Führung ein Mittel, das seit Jahrhunderten probat ist, wenn eine Regierung ein Problem hat: Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf ein anderes Problem - in Pekings Fall auf den seit Jahren latenten und seit ein paar Wochen akuten Streit mit Japan um ein paar unbewohnte Felseninseln weit draußen im Pazifik.

Pünktlich am Dienstagfrüh trafen Beobachtungsboote der chinesischen Marine vor den Inseln ein, die auf Chinesisch Diaoyu und auf Japanisch Senkaku heißen. Tokio spielt mit und hat, wovor Peking seit Tagen warnte, die Inseln soeben von privaten Besitzern "gekauft".

Das - und nicht Xis Verbleib - ist die Geschichte, die Chinas Medien am Dienstagmorgen erzählen. Und wenn sie es geschickt anstellen, beschäftigt sie bis zum Abend auch die Blogs.

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autocrator 11.09.2012
1. Xi ≠ Mao
Selbst wenn Xi tot oder amtsunfähig erkrankt wäre ... es wäre nicht dramatisch. Xiu ist nicht Mao oder Deng Xiaoping. Nichts, aber rein gar nichts deutet darauf hin, dass ein Paradigmenwechsel, in der VR-chinesischen Staatstheorie die Begründung eines neuen sog. "Hauptwiderspruchs", unter Xi bevorstünde. Seit Jiang Zemin, dem neuen Typus von KP-Führer, der nicht mehr den glorreiche-revolutionären Langen Marsch mitgemacht hat, versteht sich die chinesische Staatsführung als Kollektiv, das auch sehr fein tariert ausgewogen besetzt ist. Ob Hu Jintao traditionsgemäß eine neue Staatsdoktrin hinterlassen wird, ist i.m.h.o. in diesem Zusammenhang fast unwahrscheinlich, zumal Jiangs "Dreifache Vertretung" sowieso schon 'recht bemüht' sind. Quintessenz ist: Aktuell spielt eine einzelne Person in der chinesischen Staatsführung nicht die herausragende Rolle, wie z.B. bei uns im Westen. Richtig ist, dass Xi's Probleme (welche diese nun auch immer sein mögen, peinlich wäre natürlich irgend ein Skandal) zu Unzeiten, ausgerechnet in der heißen Phase der noch nicht ganz routinemäßigen Machttransition auftauchen. Weil aber eben die Machttransition in dieser Jiang'schen Kollektivführung eben noch nicht so routiniert eingeübt ist, und weil das Ganze natürlich eine ungewöhnliche Situation ist (man stelle sich vor, Kanzlerin Merkel bekäme mitten in der heißen Phase des Wahlkampfes einen leichten Herzinfarkt ... soweit ich mich erinnere, ist soetwas ähnliches bisher nur einmal, im Falle Barschel passiert), - fällt der chinesischen Führung derzeit nichts intelligenteres ein, als das gute erprobte Mittel der Zensur zu dem Thema einzusetzen - nach dem Prinzip "das kennen wir, das können wir, da machen wir auf alle Fälle nix falsch". Wie aber zu lesen ist, sickert nunmal doch immer etwas durch - und die Geheimdienste der Welt haben sicher noch ganz andere Informationsmöglichkeiten. I.m.h.o. also alles kein wirkliches Drama. (Sofern man die chinesischen Verhältnisse nicht grundsätzlich als ein solches ansieht, aber das ist ein anderes Thema.)
fatherted98 11.09.2012
2. Oh Mann.....
Zitat von sysopDPAChinas Zensoren haben gerade viel zu tun: Weil internationale Medien ausführlich über das mysteriöse Abtauchen des künftigen Präsidenten Xi Jinping berichten, blendet Peking entsprechende TV-Beiträge aus. Doch das Schweigen der KP-Führung sorgt erst recht für Unruhe. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,855075,00.html
...vielleicht ist der Mann einfach mal für 3 Wochen nach Thailand um mal richtig zu feiern...was soll denn das Gewese nur weil der mal 10 Tage nicht durchs China-TV hüpft?
darthmax 11.09.2012
3. Felseninseln
Eigentlich ganz interessant einen Besitzanspruch daraus abzuleiten, dass diese Inseln auf chinesischen Karten der Ming-Dynastie verzeichnet waren. ( Ming Dynastie 13 bis 17tes Jahrhundert.) Mit dieser Begründung könnte man die Welt wohl ganz neu ordnen. Wem gehört dann nur der Mond ? Ob das nun aber auf den fehlendenXi zurückzuführen ist, bleibt auch Spekulation.
Mitch 11.09.2012
4. Interessant
Zitat von autocratorSelbst wenn Xi tot oder amtsunfähig erkrankt wäre ... es wäre nicht dramatisch. Xiu ist nicht Mao oder Deng Xiaoping. Nichts, aber rein gar nichts deutet darauf hin, dass ein Paradigmenwechsel, in der VR-chinesischen Staatstheorie die Begründung eines neuen sog. "Hauptwiderspruchs", unter Xi bevorstünde. Seit Jiang Zemin, dem neuen Typus von KP-Führer, der nicht mehr den glorreiche-revolutionären Langen Marsch mitgemacht hat, versteht sich die chinesische Staatsführung als Kollektiv, das auch sehr fein tariert ausgewogen besetzt ist. Ob Hu Jintao traditionsgemäß eine neue Staatsdoktrin hinterlassen wird, ist i.m.h.o. in diesem Zusammenhang fast unwahrscheinlich, zumal Jiangs "Dreifache Vertretung" sowieso schon 'recht bemüht' sind. Quintessenz ist: Aktuell spielt eine einzelne Person in der chinesischen Staatsführung nicht die herausragende Rolle, wie z.B. bei uns im Westen. Richtig ist, dass Xi's Probleme (welche diese nun auch immer sein mögen, peinlich wäre natürlich irgend ein Skandal) zu Unzeiten, ausgerechnet in der heißen Phase der noch nicht ganz routinemäßigen Machttransition auftauchen. Weil aber eben die Machttransition in dieser Jiang'schen Kollektivführung eben noch nicht so routiniert eingeübt ist, und weil das Ganze natürlich eine ungewöhnliche Situation ist (man stelle sich vor, Kanzlerin Merkel bekäme mitten in der heißen Phase des Wahlkampfes einen leichten Herzinfarkt ... soweit ich mich erinnere, ist soetwas ähnliches bisher nur einmal, im Falle Barschel passiert), - fällt der chinesischen Führung derzeit nichts intelligenteres ein, als das gute erprobte Mittel der Zensur zu dem Thema einzusetzen - nach dem Prinzip "das kennen wir, das können wir, da machen wir auf alle Fälle nix falsch". Wie aber zu lesen ist, sickert nunmal doch immer etwas durch - und die Geheimdienste der Welt haben sicher noch ganz andere Informationsmöglichkeiten. I.m.h.o. also alles kein wirkliches Drama. (Sofern man die chinesischen Verhältnisse nicht grundsätzlich als ein solches ansieht, aber das ist ein anderes Thema.)
Das nenne ich mal einen interessanten und informativen Beitrag. +1
adal_ 11.09.2012
5. Die anachronistische Partei hinter dem Nanbusvorhang
Zitat von autocratorSelbst wenn Xi tot oder amtsunfähig erkrankt wäre ... es wäre nicht dramatisch. Xiu ist nicht Mao oder Deng Xiaoping. Nichts, aber rein gar nichts deutet darauf hin, dass ein Paradigmenwechsel, in der VR-chinesischen Staatstheorie die Begründung eines neuen sog. "Hauptwiderspruchs", unter Xi bevorstünde. Seit Jiang Zemin, dem neuen Typus von KP-Führer, der nicht mehr den glorreiche-revolutionären Langen Marsch mitgemacht hat, versteht sich die chinesische Staatsführung als Kollektiv, das auch sehr fein tariert ausgewogen besetzt ist. Ob Hu Jintao traditionsgemäß eine neue Staatsdoktrin hinterlassen wird, ist i.m.h.o. in diesem Zusammenhang fast unwahrscheinlich, zumal Jiangs "Dreifache Vertretung" sowieso schon 'recht bemüht' sind. Quintessenz ist: Aktuell spielt eine einzelne Person in der chinesischen Staatsführung nicht die herausragende Rolle, wie z.B. bei uns im Westen. Richtig ist, dass Xi's Probleme (welche diese nun auch immer sein mögen, peinlich wäre natürlich irgend ein Skandal) zu Unzeiten, ausgerechnet in der heißen Phase der noch nicht ganz routinemäßigen Machttransition auftauchen. Weil aber eben die Machttransition in dieser Jiang'schen Kollektivführung eben noch nicht so routiniert eingeübt ist, und weil das Ganze natürlich eine ungewöhnliche Situation ist (man stelle sich vor, Kanzlerin Merkel bekäme mitten in der heißen Phase des Wahlkampfes einen leichten Herzinfarkt ... soweit ich mich erinnere, ist soetwas ähnliches bisher nur einmal, im Falle Barschel passiert), - fällt der chinesischen Führung derzeit nichts intelligenteres ein, als das gute erprobte Mittel der Zensur zu dem Thema einzusetzen - nach dem Prinzip "das kennen wir, das können wir, da machen wir auf alle Fälle nix falsch". Wie aber zu lesen ist, sickert nunmal doch immer etwas durch - und die Geheimdienste der Welt haben sicher noch ganz andere Informationsmöglichkeiten. I.m.h.o. also alles kein wirkliches Drama. (Sofern man die chinesischen Verhältnisse nicht grundsätzlich als ein solches ansieht, aber das ist ein anderes Thema.)
Offensichtlich. Die chinesische Einheitspartei wähnt sich immer noch hinter dem Bambusvorhang. Sie hat immer noch nicht gerafft, dass sie im Zeitalter des Internet lebt und wabernde Gerüchte die Finanzmärkte ebenso negativ beeinflussen können, wie die internationale Vertrauenswürdigkeit der chinesischen Führung.
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