Prozess gegen Bo Xilai "1,1 Millionen - und das nennt ihr Bestechung?"

In zerknittertem Hemd steht Bo Xilai vor seinem Richter: Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen wird Chinas gefallenem Politstar wegen Korruption der Prozess gemacht, nach einem Jahr in Untersuchungshaft. Seine Anhänger beobachten das Verfahren online und sorgen sich um seine Gesundheit.

Von , Peking


Am Donnerstagmorgen um halb neun Uhr früh zählt der Mikroblog-Account des Mittleren Volksgerichts von Jinan 61.280 Follower. 20 Minuten später sind es 85.000, ein halbe Stunde später 100.000, und um 10.30 Uhr, als die Verhandlung kurz unterbrochen wird, sind es 176.000.

Vor Gericht steht Bo Xilai, bis vor einem Jahr einer der mächtigsten Politiker Chinas, zuerst Bürgermeister der Hafenstadt Dalian, dann Handelsminister, dann Gouverneur der Stadt-Provinz Chongqing und Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei. Die Mehrheit der Chinesen interessiert sich nicht besonders für ihre politischen Führer, aber wenn sie einer interessiert, dann ist es der charmante, kaltblütige, rasch aufgestiegene und tief gefallene Bo. Vor einem Jahr war seine Frau Gu Kailai für den Mord an einem britischen Geschäftsmann zum Tode verurteilt worden, nun muss sich, nach einem knappen Jahr Untersuchungshaft, ihr Mann wegen Korruption, Bestechung und Machtmissbrauch verantworten.

"Sekretär, wie geht es dir?" fragt Cao Tu Gong auf dem Kurznachrichtendienst SinaWeibo, "Sekretär, hattest du ein Frühstück?" Bo war immer populär, auch nach seinem Sturz, seine Fans sorgen sich um ihn. "Hat er abgenommen?", "Trägt er einen Bart?" "Bilder, verdammt noch mal, zeigt endlich Bilder!" rufen sie den diensthabenden Gerichts-Blogger auf. Das Gericht lässt sie warten. Um halb neun wird der Angeklagte in den Saal geführt, kurz darauf wird sein Name, der seiner Richter, der Staatsanwälte und der Verteidiger verlesen - kein Bild.

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Bo Xilai: Der tiefe Fall eines Spitzenpolitikers

Das Verfahren sei reich an Daten, Fakten und Zeugenaussagen, deshalb habe es am 14. August bereits eine Vorverhandlung gegeben. Dann beginnen die Staatsanwälte, die Anklage vorzutragen.

"Seit wann nehmt ihr es mit diesen Zahlen so genau?"

Zuerst Bestechung und Korruption: 1,1 Millionen Yuan (etwa 140.000 Euro) habe er als Bürgermeister von Dalian von Tang Xiao Ling, dem Chef der Dalian International Development Ltd., angenommen; insgesamt rund 21.790.587 Millionen (2,75 Millionen Euro) von dem Unternehmer Xu Ming, dem Präsidenten des Fußballclubs Dalian Shide, in den Jahren 2000 bis 2012. Ob darin auch die fünf Millionen Yuan enthalten sind, die er zusammen mit seiner Frau Gu auf ein Konto von deren Anwaltskanzlei verschoben haben soll, ist zunächst unklar.

Das Gericht fragt den Angeklagten, ob er eine Aussage machen wolle, Bo bejaht. Er kenne Herrn Tang, mit dem er als junger Mann während der Kulturrevolution im selben Betrieb gearbeitet habe. Tang habe ihn als Bürgermeister von Dalian tatsächlich aufgesucht, der Vorwurf der Bestechung aber treffe nicht zu. Auf schuldig, wie vielfach erwartet, wird Bo Xilai offensichtlich nicht plädieren, bis ins Detail abgesprochen scheint das Verfahren nicht zu sein.

Die Kommentare der Blogger sind zahlreich und sarkastisch, die Zensoren kommen kaum damit nach, die Einträge wieder zu löschen. "Seit wann nehmt ihr es mit diesen Zahlen so genau?" fragt einer, "1,1 Millionen - und das nennt ihr Bestechung?" ein anderer.

Zweiter Punkt der Anklage: Machtmissbrauch. Von Januar bis Februar 2012, wenige Monate nach dem Mord an dem Briten Neil Heywood im November 2011, habe Bo seine Position als Parteichef und Gouverneur von Chongqing benutzt, um die Aufklärung dieses Mordes zu behindern.

In zerknittertem Hemd vor dem Richter

Kurz nachdem es sich für eine Viertelstunde zurückzieht, veröffentlicht das Gericht das erste Foto des Angeklagten. Bo Xilai, berühmt dafür, dass er stets in Maßanzügen und mit perfekt gebundener Krawatte auftrat, steht in einem zerknitterten weißen Hemd vor seinem Richter. Er trägt keine Handschellen, doch links und rechts von dem großgewachsenen Mann stehen zwei Polizisten, die ihn deutlich überragen - nicht nur Bo wusste, wie man optische Akzente setzt, das Gericht weiß das offensichtlich auch.

Es hatte Gerüchte gegeben, Bo habe sich in Untersuchungshaft einen Bart wachsen lassen und sei in einen Hungerstreik getreten. Davon ist nichts zu erkennen, Bo ist rasiert und hat zumindest nicht sichtbar an Gewicht verloren. Auf dem Bild, das ihn stehend zeigt, liegt ein resigniertes Lächeln auf seinem Gesicht, und er scheint sich mit drei Fingern auf dem Tischchen vor ihm abzustützen; auf einem anderen Bild sitzt er, die Beine lässig übereinandergeschlagen, auf der Anklagebank.

Das Verfahren gegen Bo, so vermuten Beobachter auf ihren Mikroblogs, werde nicht so rasch zu Ende sein wie die beiden Prozesse gegen seine Frau und seinen ehemaligen Polizeichef Wang Lijun, dessen Flucht in ein US-Konsulat Bos Sturz ausgelöst hatte. Es werde mindestens zwei Tage lang dauern. Um 13 Uhr zog sich das Gericht zur Mittagspause zurück, um 14 Uhr Ortszeit geht das Verfahren weiter. Der Gerichtsblog hat inzwischen 240.000 Follower.

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