China Bürgerrechtler-Tod löst Wutwelle im Web aus

Fotos vom grausamen Tod eines Bürgerrechtlers bringen Chinas Behörden in Erklärungsnot. Immer mehr empörte Untertanen prangern im Internet Willkür, Korruption und Exzesse vieler Funktionäre an. Die Zensoren kommen mit dem Löschen gar nicht mehr nach.

Foto des überfahrenen Qian Yunhui: Empörte Kommentare im Internet

Foto des überfahrenen Qian Yunhui: Empörte Kommentare im Internet


Peking - Qian Yunhui starb auf grausame Weise: Sein Körper wurde am vergangenen Samstag unter dem Rad eines Lastwagens zermalmt - jetzt hat der Tod des 53-jährigen Chinesen eine Protestwelle im chinesischsprachigen Internet ausgelöst. Fotos von dem Vorfall kursieren auf zahlreichen Websites. Sie zeigen, wie das Opfer, von einem Reifen des Lkw überrollt, auf dem Bauch im Dreck liegt, seine Schulter ist zerfetzt, sein Kopf widernatürlich verdreht (SPIEGEL ONLINE zeigt nur einen Ausschnitt eines dieser Bilder). Qians Schicksal erzürnt viele seiner Landsleute - und Tausende schreiben sich ihre Wut in Blogs und Foren von der Seele. Viele dieser Online-Autoren, berichtet die "New York Times", seien überzeugt, dass Mitarbeiter der Regierung für den Tod des Mannes verantwortlich seien.

Seit sechs Jahren unterstützte Qian Dorfbewohner in der südöstlichen Provinz Zhejiang in einem Streit mit Offiziellen um Grundstücke für ein Kraftwerk. Die Menschen sollen für ihr Land keine Entschädigung bekommen haben. Landraub ist in China weit verbreitet. Kritiker glauben, dass Regierungsmitarbeiter Qian zum Schweigen brachten, da er sich mit seiner Beschwerde bis nach Peking wagte. Zudem soll er bei einer anstehenden Lokalwahl beste Chancen gehabt haben, Dorfvorsteher zu werden.

Die chinesische Führung bemüht sich, den Tod des Mannes als tragisches Unglück abzutun. Doch selbst den Zensoren in der Volksrepublik gelingt es nicht, die Weiterverbreitung von Informationen und Meinungen über das Internet komplett zu kontrollieren.

Zeugen und Angehörige wurden festgenommen

So sahen sich lokale Parteigrößen in der Provinz Zhejiang gezwungen, in einer Pressekonferenz Stellung zu Qians Tod zu nehmen. Sie bügelten zwar kritische Fragen ab - doch Polizisten aus einer anderen Stadt sollen den Fall nun mit aufklären.

Der Fahrer des Lasters wurde festgenommen, doch Dorfbewohner und Verwandte des Opfers sehen einige Fragen ungeklärt: So soll Qian laut seiner Frau kurz vor seinem Tod einen Anruf erhalten haben. Ein Zeuge berichtete Journalisten, er habe gesehen, dass Männer in Uniformen Qian auf die Straße drückten und ihn dann von dem Lastwagen überfahren ließen. Der Zeuge und auch einige Familienmitglieder des Toten sollen festgenommen worden sein. Auf einer Internetseite wurden Tausende Kommentare zu dem Fall gelöscht.

Doch im Netz kursieren weiter Fotos vom Unglücksort - und es werden kritische Fragen gestellt: Warum war eine neue Überwachungskamera an der Kreuzung ausgeschaltet? Warum weist der Lastwagen keine Beschädigung vom Zusammenprall mit dem Opfer auf?

Berichte über Sex- und Alkoholexzesse von Funktionären

Bereits in anderen Fällen zeigte sich, dass die chinesische Führung Kritik im Internet nicht völlig unterbinden kann. So wurde im Oktober ein Vorfall aus Zentralchina bekannt. Der Sohn eines stellvertretenden Polizeichefs soll betrunken zwei junge Leute überfahren haben. Als er vom Unfallort davonraste, soll er gerufen haben: "Zeigt mich an, wenn ihr euch traut. Mein Vater ist Li Gang!"

Auch Exzesse von Funktionären wurden über das Internet publik. Ein Mitglied der Kommunistischen Partei (KP) wurde festgenommen, nachdem angebliche Tagebucheinträge von ihm im Internet veröffentlicht worden waren, in denen er über freizügigen Sex, Trinkgelage und Schwarzgeldzahlungen auf Partys berichtet hatte. Ein anderer Funktionär betrank sich bei mehreren Banketten so heftig, dass er schließlich starb.

Weil Berichte über Sex- und Alkoholexzesse, teure Lustreisen und verschwenderische Partys kommunistischer Parteifunktionäre auf Kosten des Steuerzahlers in der chinesischen Bevölkerung für Unmut sorgen, sieht sich die KP-Spitze zum Handeln gezwungen. Sie kündigte nun eine Kampagne an, um "das Phänomen der Extravaganz und der Verschwendung auszumerzen".

In einem Jahr 113.000 Funktionäre wegen Korruption bestraft

Der oberste Korruptionsbekämpfer der Partei, Wu Yuliang, verwies vor Journalisten auf jüngste Erfolge. So seien in diesem Jahr 113.000 Funktionäre wegen Korruption bestraft worden. 4300 Fälle wurden zu weiteren Ermittlungen an die Justizbehörden übergeben.

Luxuriöse Dienstreisen von Funktionären kosten den chinesischen Steuerzahler jedes Jahr umgerechnet rund 44 Milliarden Euro, wie der staatliche Fernsehsender CCTV ausgerechnet hat. Bei einer dieser Reisen buchten Funktionäre vor zwei Jahren Hotelzimmer für umgerechnet 530 Euro pro Nacht in einem Hotel in Las Vegas und besuchten zudem eine Sexshow in San Francisco.

Die chinesische Führung demonstrierte bereits in der Vergangenheit Härte gegen einzelne korrupte Mitarbeiter: So wurde der Leiter der Behörde für Gesundheit- und Lebensmittelsicherheit hingerichtet, weil er sich dafür schmieren ließ, gefälschte Medikamente amtlich zu erlauben.

Doch ob die nun angekündigte Anti-Korruptions-Kampagne wirklich Erfolg hat, ist zweifelhaft. Maßnahmen in den vergangenen Jahren verliefen oft im Sand. Korruptionsjäger wurden teils dabei erwischt, wie sie Geld in ihre eigenen Taschen stopften.

Strafe für Berichte über Korruption

Am Dienstag wurde zudem der mysteriöse Tod eines Journalisten bekannt. Sun Hongjie war Chefreporter der Zeitung "Beijing Morning Post" in der Provinz Xinjiang gewesen. Er wurde am 17. Dezember in der Stadt Kuitun von sechs Männern angegriffen und starb Tage später an seinen Verletzungen. Die Polizei führte die Tat auf einen Streit im persönlichen Umfeld zurück. Viele chinesische Journalisten bezweifeln dies aber.

Die Zeitung "Global Times" berichtete, Sun habe kürzlich über den erzwungenen Abriss eines Firmengebäudes berichtet. Damit habe Platz für den Bau von Wohnungen für Regierungsmitarbeiter geschaffen werden sollen. In China werden Journalisten bestraft, wenn sie über Korruption bei den Behörden berichten. Das Komitee für den Schutz von Journalisten mit Sitz in New York äußerte deshalb Zweifel an der offiziellen Version des Angriffs auf den Reporter.

Die Angehörigen des überfahrenen Qian hatten schon seit längerem Angst, dass er sich mit seiner Kritik an den Offiziellen in Gefahr begebe. Einige der früheren Mitstreiter seines Vaters hätten Schweigegeld bekommen oder sich aus Angst zurückgezogen, berichtete ein Sohn Qians. "Wir sagten ihm: Nimm einfach Geld an und lass es. Was, wenn dir etwas zustößt? Doch mein Vater wollte nicht hören."

mmq/dapd

insgesamt 217 Beiträge
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Seite 1
Sabi 29.12.2010
1. Hoffnung
Zitat von sysopFotos vom grausamen Tod eines Bürgerechtlers bringen Chinas Behörden in Erklärungsnot.*Immer mehr empörte Untertanen prangern im Internet Willkür, Korruption und Exzesse vieler Funktionäre an.*Die Zensoren kommen mit dem Löschen gar nicht mehr nach. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,737005,00.html
Ich hoffe , daß auch China wie der Moloch UdSSR auseinander fällt . Dann wäre nach dem blutrünstigen Bär auch der hungrige Drache außer Gefecht gesetzt ! Millionen unterdrückte Tibeter, und andere Minderheiten wären dann endlich von Joch des Kommnusmus befreit !
Sapientia 29.12.2010
2. Was halten wir uns hier im Lande eigentlich für.....
Zitat von sysopFotos vom grausamen Tod eines Bürgerechtlers bringen Chinas Behörden in Erklärungsnot.*Immer mehr empörte Untertanen prangern im Internet Willkür, Korruption und Exzesse vieler Funktionäre an.*Die Zensoren kommen mit dem Löschen gar nicht mehr nach. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,737005,00.html
kompetent, unsere Gemüter über den staatlichen Umgang mit Bürgerrechtlern in fernen Ländern zu erhitzen, während wir hier im Lande zu dekadent und vollgefressen sind, gemeinsam auf die Straße zu gehen, um die vom Staat verordnete Armut zu bekämpfen? Geht es nur noch um theoretische Ansätze, das Gelaber, das sich Sonnen in den ach so wertvollen Denkansätzen, die hoffentlich überall auf standing ovations stoßen, den Hintern aber hoch zu bekommen, um Armutsfakten in eigenen Lande zu bekämpfen, ist schon wieder jenseits des Computers und somit zu mühsam?
bilder_rahmen 29.12.2010
3. .
immer wieder erschreckend
lowmanruchti 29.12.2010
4. ...
Zitat von Sapientiakompetent, unsere Gemüter über den staatlichen Umgang mit Bürgerrechtlern in fernen Ländern zu erhitzen, während wir hier im Lande zu dekadent und vollgefressen sind, gemeinsam auf die Straße zu gehen, um die vom Staat verordnete Armut zu bekämpfen? Geht es nur noch um theoretische Ansätze, das Gelaber, das sich Sonnen in den ach so wertvollen Denkansätzen, die hoffentlich überall auf standing ovations stoßen, den Hintern aber hoch zu bekommen, um Armutsfakten in eigenen Lande zu bekämpfen, ist schon wieder jenseits des Computers und somit zu mühsam?
welche vom staat verordnete armut? hat außerdem nichts mit dem thema zu tun. wie der erstschreiber freue ich mich schon darauf, wenn nach und nach in china die KP zusammenbrechen wird.
Walther Kempinski, 29.12.2010
5. Stuttgart21
Und hier im Lande regen sich die Leute auf, weil ein Wasserstrahler zu hart eingestellt war und der Wutbürger auch noch mit gestreckten Armen absichtlich direkt und zu nah vor den Strahl gelaufen ist. Wenn die Parkschützer hier in Deutschland versuchen, durch pathetisch-rhetorische Kniffe (die Opfer des 30. September), die Polizei als brutale Staatsgewalt hinzustellen (um bei den nächsten Wahlen möglichst viele Stimmen von vorher aufgekochten Wutbürgern einheimsen zu können), dann ist dieser Versuch zum Scheitern verurteilt. Denn wir wissen, dass das was in China so geschieht, genau das ist, was die Parkschützer hier in Deutschland zu skizzieren versuchen. Es trifft jedoch nicht auf Deutschland zu. Wer versucht, Deutschland und China auf eine Stufe zu stellen, der ist entweder ziemlich verzweifelt oder auch einfach nur schamlos und verzogen.
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