Kampf um chinesische Dichterin Liu Xia "Der Westen muss so viel Lärm machen wie möglich"

Liu Xia, Witwe des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo, sitzt in China in Hausarrest. Deutschland würde die kranke Dichterin gern aufnehmen - wie stehen die Chancen? Ihr Freund Hu Jia appelliert an den Westen.

Liu Xia (Archivbild)
Shenyang Municipal Information Office/ AP/ DPA

Liu Xia (Archivbild)

Ein Interview von , Peking


Im Juli 2017 starb der chinesische Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, Hauptautor des Demokratie- und Menschenrechtsmanifests Charta 08. Liu war 2009 wegen "Untergrabung der Staatsgewalt" zu elf Jahren Haft verurteilt und erst kurz vor seinem Tod in ein Krankenhaus entlassen worden. Obwohl sich Berlin für ihn einsetzte, schlug die chinesische Regierung seinen Wunsch aus, zusammen mit seiner Frau, der Künstlerin Liu Xia, nach Deutschland auszureisen. Sie wird bis heute streng abgeschirmt.

Seit damals bemühen sich deutsche Diplomaten, seiner Witwe die Ausreise zu ermöglichen - bislang ohne Erfolg. Vergangene Woche forderte der deutsche Botschafter Michael Clauß Peking erneut zu einer "raschen, positiven Lösung ihres Falles" auf: "Wir hoffen, dass Liu Xia endlich ihre Freiheit genießen und reisen kann, wohin sie mag." Wolle sie nach Deutschland kommen, sei sie dort willkommen.

Die Zeit dränge. Liu Xia ist seit dem Tod ihres Mannes seelisch schwer angeschlagen. "Wenn ich nicht gehen darf, dann sterbe ich zu Hause. Xiaobo ist gegangen, es gibt nichts mehr auf dieser Welt für mich. Es ist leichter zu sterben als zu leben", sagte sie laut einem Gesprächsprotokoll, das über Umwege auf Facebook veröffentlicht wurde.

(Lesen Sie hier ein Porträt von Liu Xia aus dem Jahr 2010 - "Widerstand aus Liebe".)

Auch Washington und Paris setzen sich seit Monaten für Liu Xia ein. Die französische Regierung, so eine Mitteilung der Botschaft in Peking, habe "die chinesische Regierung wiederholt aufgefordert, die Freizügigkeit von Frau Liu Xia und ihrer Familie sicherzustellen".

Der Aktivist Hu Jia ist mit Liu Xia befreundet - und hat sich in der Vergangenheit immer wieder um ihre Freilassung bemüht. Der 44-Jährige ist wegen seines Kampfes für die Menschenrechte in China immer wieder in den Fokus der Behörden geraten. Mehrere Jahre saß er in Haft. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über die Aussichten für Liu Xia - und die Verantwortung, die westliche Staaten bei der Verteidigung der Bürgerrechte auch in China übernehmen können.


SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass Ihre Freundin Liu Xia China verlassen kann?

Hu: Die chinesische Regierung hatte zugesagt, dass sie den Hausarrest aufheben und Liu Xia freilassen werde. Also haben wir alle stillgehalten, um der Regierung keinen Vorwand zu geben. Doch nun ist das Jahr 2018 zu einem Drittel um, und nichts ist passiert. Es war ein falsches Versprechen.

SPIEGEL ONLINE: Der im Berliner Exil lebende Schriftsteller Liao Yiwu hat sie nun telefonisch erreicht und den Wortlaut des Gesprächs veröffentlicht: Liu Xia ist verzweifelt und trägt sich mit Todesgedanken.

Hu Jia
DPA

Hu Jia

Hu: Warum hat er das gerade jetzt gemacht? Weil uns nun allen klar geworden ist, dass wir einer Illusion aufgesessen sind.

SPIEGEL ONLINE: Wer kann Liu Xia helfen?

Hu: Berlin und Washington setzen sich am stärksten für sie ein. Aber weder Deutschland, die USA, Frankreich noch Kanada verhandeln wirklich ernsthaft über Liu Xia. Immer wieder heißt es, ihre Freilassung stehe unmittelbar bevor. Wir geben uns jedes Mal solche Mühe herauszufinden, ob das stimmt. Aber es stimmt nie.

SPIEGEL ONLINE: Liu Xia hat nie ein Gesetz gebrochen, saß nie für eine Straftat im Gefängnis. Wie begründet die Regierung diesen Hausarrest?

Hu: Auch meiner Ex-Frau Zeng Jinyan ist das geschehen. Den Menschenrechtler Chen Guangcheng haben sie nach seiner über vierjährigen Haftzeit unter Hausarrest gehalten und misshandelt. Heute lebt er in den USA und ist ein freier Mann. Liu Xia hat noch nicht einmal eine Verwaltungsstrafe erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Wer wird am Ende über Liu Xias Schicksal entscheiden?

Hu: Das Außenministerium behauptet, sie sei eine freie Bürgerin - aber das ist eine Täuschung. In Wahrheit sind es das Sicherheitsministerium, der "Ausschuss für Politik und Recht" des Zentralkommittees der KP und der Nationale Sicherheitsrat, die über sie entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Hilft es Liu Xia, wenn ihr Fall öffentlich gemacht wird?

Hu: Diese Frage stellen mir europäische Diplomaten immer wieder. Meine Antwort lautet eindeutig: Macht euch darüber keine Gedanken, wenn es um politische Gefangene und ihre Familien geht. Unterwerft euch nicht der Logik der chinesischen Regierung. Macht so viel Lärm wie möglich - wann immer ihr das könnt.



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