China im Zwielicht Tibet-Krise heizt Debatte um Olympia-Boykott an

Die Unruhen in Tibet bringen Olympia-Ausrichter China in die Bredouille. IOC-Präsident Rogge ist "sehr besorgt", Politiker fordern eine rasche Lösung des Konflikts. Einige drohen mit einem Boykott der Spiele, aber Menschenrechtler halten das für falsch.


Stuttgart/Berlin - Boykott? Oder mehr Dialog? Die Debatte um die Rolle Chinas bei den Unruhen in China hat die Vorbereitungen für die Olympischen Spiele erreicht. Kritiker fordern einen Boykott der Veranstaltung, andere wiederum halten das für kontraproduktiv.

Der Sportpolitiker der Grünen etwa, Winfried Hermann, schließt einen Boykott der Olympischen Spiele in Peking als Konsequenz aus den blutigen Unruhen in Tibet nicht aus. Sollte es zu einem Bürgerkrieg kommen, müsse über eine Absage der Olympischen Spiele nachgedacht werden, sagte Hermann der "Berliner Zeitung". Er forderte eine schnelle Aufklärung der Unruhen in Tibet. "Die Uno sollte ein internationales Komitee einsetzen und nach Tibet senden." Die chinesische Regierung müsse ein Interesse daran haben, dass die Vorgänge aufgeklärt werden, sagte Hermann.

Die Proteste gegen die chinesische Besetzung Tibets waren am Freitag in Gewalt umgeschlagen. Nach Medienberichten kam es in der Hauptstadt Lhasa zu Straßenschlachten, bei denen mehrere Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Die tibetische Exilregierung sprach Medienberichten zufolge von etwa 100 Opfern. Anlass der Proteste ist der 49. Jahrestag eines Aufstandes in Lhasa gegen die chinesischen Besatzer.

Der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, Andreas Schockenhoff, sprach sich gegen einen Boykott der Olympischen Spiele aus. "Von einem solchen Boykott haben die Menschen in Tibet keinerlei Nutzen", sagte er der "Berliner Zeitung". Ein Boykott diene lediglich den eigenen Erwartungen derjenigen, die den Boykott betreiben.

Schockenhoff, der dem Auswärtigen Ausschuss angehört, rief die chinesische Regierung dazu auf, auf jede Gewalt zu verzichten, die Menschenrechte einzuhalten und rechtsstaatliche Standards zu wahren. "Jetzt ist ein Dialog mit dem Dalai Lama zwingend erforderlich", betonte der CDU-Politiker. Er sprach sich für ein gemeinsames Vorgehen der Internationalen Gemeinschaft aus.

"Wir sind sehr besorgt"

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte bereits am Wochenende deutlich gemacht, dass es einen Boykott der Pekinger Sommerspiele ablehnt. Gleichwohl beobachten die Funktionäre um IOC-Präsident Rogge die Entwicklung in Tibet genau. "Wir sind sehr besorgt", sagte Rogge. Ob das Komitee auf dem Standpunkt bleibt, dass ein Boykott nichts bringt, ist unklar. "Das IOC hofft, dass die Situation sich so bald wie möglich entspannt", sagte Rogge.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck, appellierte an das IOC, sich in den Tibet-Konflikt einzuschalten. Beck verlangte die Entsendung internationaler Beobachter in Tibet. Es müsse Druck ausgeübt werden, damit die Volksrepublik China endlich direkte Verhandlungen mit dem Dalai Lama aufnehme. Er könne sich schlecht vorstellen, dass "wir fröhliche Spiele in Peking haben und gleichzeitig Tibeter in den Gefängnissen sitzen oder unmittelbar zuvor reihenweise umgebracht werden".

Der stellvertretende Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Peter Rauen (CDU), sagte, das Streben Chinas nach erfolgreichen Spielen sei eine Chance, konkrete Verbesserungen zu erreichen. Den Menschen in Tibet nütze es am meisten, wenn ihre Situation weltweit öffentlich bekannt werde, etwa durch ein Eingreifen des IOC. "Die chinesische Führung wird alles tun, damit die Olympischen Spiele erfolgreich sind und China sich vor der Welt gut darstellt", sagte Rauen. Das sei eine große Möglichkeit, konkrete Verbesserungen zu erreichen. "Ein Boykott der Spiele würde die Lage der Menschenrechte nur verschlechtern", so seine Einschätzung. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich bereits am Wochenende gegen einen Olympia-Boykott ausgesprochen.

Razzien in Lhasa, Proteste in Gansu

Von einer Beruhigung der Lage in Tibet kann derzeit keine Rede sein. Bei Razzien in der tibetischen Hauptstadt Lhasa haben chinesische Sicherheitskräfte nach exiltibetischen Angaben Hunderte von Tibetern festgenommen. Wie das exiltibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie (TCHRD) heute aus Indien berichtete, gibt es solche Razzien seit gestern. Die Sicherheitskräfte gingen von Haus zu Haus und nähmen alle verdächtigen Tibeter, insbesondere junge Leute, fest. Dabei würden die Delinquenten auch geschlagen. Es seien bereits alle früheren politischen Häftlinge aufgegriffen und wieder in Haft genommen worden.

Die Proteste hatten am Wochenende von Lhasa auch auf andere Orte sowie auf Klöster in anderen Regionen des alten tibetischen Territoriums in den angrenzenden Provinzen Gansu, Sichuan und Qinghai übergegriffen. Nach einer Demonstration in Aba (Ngaba) in Sichuan seien acht Tote in das Ngaba Kirti Kloster gebracht worden, berichtete das TCHRD-Zentrum. Bewaffnete Sicherheitskräfte hätten "wahllos in die friedlich protestierenden Tibeter geschossen".

Auch in der Provinz Gansu sei es zu weiteren Protesten gekommen, wie erst heute bekannt wurde. Rund 500 tibetische Studenten an der North Western Nationality University in der Provinzhauptstadt Lanzhou hätten auf dem Universitätsgelände demonstriert und Flugblätter verteilt, berichtete das exiltibetische Zentrum. Sicherheitskräfte seien gegen die Demonstranten vorgegangen und hielten 300 von ihnen auf dem Gelände fest.

Von Zwischenfällen berichtete die Organisation auch aus zwei Orten im Kreis Maqu in Gansu. 1500 Tibeter hätten gestern in der Kreisstadt Maqu für Unabhängigkeit demonstriert und ein Auto in Brand gesetzt. In Nyurla zerstörten 250 Tibeter die Türen von Amtsstuben, holten die chinesische Nationalfahne ein und hissten dafür die tibetische Flagge. Paramilitärische Polizei sei auf Lastwagen in die Gegend gebracht worden, um Proteste zu unterbinden.

ffr/AP/dpa

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