China-Krise Antifranzösische Proteste - Sarkozy schickt Vermittler nach Peking

Tausende aufgebrachte Demonstranten gegen Hunderte Polizisten: In mehreren chinesischen Städten ist es zu antifranzösischen Protesten gekommen, der Zorn richtet sich gegen die Supermarktkette Carrefour, der eine Nähe zum Dalai Lama unterstellt wird. Jetzt schickt Präsident Sarkozy zwei Top-Vermittler nach Peking.


Paris/Peking - Die Lage sei ernst, sagte Jose Luis Duran, Chef der französischen Supermarktkette Carrefour, der Zeitung "Le Journal du Dimanche". Bereits seit Tagen demonstrieren wütende Menschen vor Carrefour-Läden in China, weil sie gegen Frankreichs angebliche Unterstützung des Dalai Lama protestieren wollen. Längst sind die Demonstrationen in offene Randale umgeschlagen, so dass die chinesische Regierung ihre Bürger zu gesittetem Protestverhalten mahnte. Bislang, so Duran, habe das Unternehmen immerhin keine nennenswerten Umsatzeinbußen hinnehmen müssen.

Carrefour steht für die protestierenden Chinesen stellvertretend für Frankreich, wie McDonald's in der Vergangenheit Ziel von Protesten gegen die USA geworden ist. Die Versicherung der Einzelhandelskette, Carrefour unterstütze keine Freiheitsbewegungen für Tibet, erscheint da hilflos.

Hilfe naht: Sarkozy schickt Top-Vermittler

Immerhin darf Jose Luis Duran nun auf Hilfe aus der Politik hoffen: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy schickt zwei hochkarätige Gesandte in die Volksrepublik, um die angespannten Beziehungen zu kitten. Der frühere Premierminister Jean-Pierre Raffarin wird am Mittwoch mit einer Botschaft Sarkozys und dessen Vorgänger Jacques Chirac in Peking erwartet, wie Raffarin-Mitarbeiter am Sonntag mitteilten. Raffarin, der in den vergangenen zwei Jahrzehnten häufig in China war, wird am Donnerstag mit Regierungschef Wen Jiabao zusammentreffen. Sarkozys wichtigster Berater in diplomatischen Fragen, Jean-David Levitte, wird amtlichen Angaben zufolge am kommenden Wochenende nach China reisen, ebenfalls mit einer Botschaft des Präsidenten.

Ob das die wachsende Abneigung mancher Chinesen gegen die bis dahin populären Carrefour-Supermärkte bremsen wird, bleibt abzuwarten. Trotz Regens in weiten Teilen Chinas und eines massiven Polizeiaufgebots versammelten sich am Wochenende in Xian im Nordwesten des Landes rund Tausend Menschen vor einer Carrefour-Filiale. Auch in Harbin im Nordosten und Jinan im Osten Chinas gab es Demonstrationen. In der ostchinesischen Stadt Qingdao zählte ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP mehr als 50 Polizeifahrzeuge auf einem Parkdeck eines Carrefour-Marktes sowie Dutzende Fahrzeuge der Sicherheitskräfte in den Straßen ringsum. Zusätzlich seien mehrere Hundert Polizisten auf dem Großmarkt und in den umliegenden Straßen patrouilliert.

Supermarkt als politisches Ziel

In Wuhan in der Provinz Hubei versammelten sich mehrere Hundert Menschen vor einem Laden der Kette. Sie trugen chinesische Flaggen und Bilder von Mao Tse Tung. Augenzeugen sprachen von rund tausend Teilnehmern, die Transparente mit Forderungen wie "Gegen eine Unabhängigkeit Tibets, für Olympia" und "Sagt Nein zu französischen Waren" gezeigt hätten.

Nachdem Demonstranten in einem Kaufhaus in Hefei (Provinz Anhui) randaliert hatten, verbreitete die Staatsagentur Xinhua Aufrufe zur Mäßigung und Vernunft. Politische Demonstrationen sind in China nicht zugelassen. In der Vergangenheit haben die Behörden Proteste geduldet, die auf Regierungslinie liegen.

Wörtlich hatte es in dem über staatliche Agenturen verteilten Aufruf an die Protestierenden geheißen: "Als Bürger müssen wir unseren Patriotismus mit Ruhe sowie Verantwortung zeigen und auf legale wie geordnete Weise." Pro-chinesische Demonstrationen hatte es in Paris, London, Berlin, Wien und Los Angeles gegeben. Auch in China weiteten sich am Sonntag die Proteste auf die Städte Harbin und Jinan aus, auch in Xian wurde weiter demonstriert. In Peking lösten die Behörden kleinere Protestaktionen vor einem Carrefour-Markt und nahe der französischen Botschaft auf. Der französische Botschafter in China sagte einer Zeitung, er bedaure die Vorgänge beim Olympischen Fackellauf in Paris, die als Auslöser für die anti-französische Protestwelle gelten.

Carrefour ist nach Walmart das zweitgrößte Einzelhandelsunternehmen der Welt. Die Firma betreibt rund 15.000 Filialen in mehr als 30 Nationen, beschäftigt weltweit über 450.000 Menschen. Deutsche Kunden kennen die Marken des Konzerns nur aus dem angrenzenden Ausland: In Deutschland ist der Konzern nicht mit eigenen Läden aktiv.

pat/AFP/AP/rts



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