Aussteiger in China Maos neue Bio-Jünger

Chinas Turbokapitalismus erschöpft die junge Mittelschicht. Manche fliehen vor dem Erfolgsdruck aufs Land - und wollen dort den Geist Mao Zedongs wiederbeleben. Ein Tag in der Kommune "Zum rechtschaffenen Pfad".

Jonah M. Kessel

Aus Gaobeidian berichtet


Der Jurist leitet jetzt die Hühnerbrigade. Im Sonnenuntergang streut er noch einmal Körner aus, sein Blaumann ist verschmiert, die Gläser der Hornbrille sind matt vom Staub.

Zhang Peng ist 23 Jahre alt, im Sommer erst hat er das Jurastudium abgeschlossen - seine Eintrittskarte für die große chinesische Jagd nach Wohlstand. Doch Zhang ist gleich nach dem Abschluss aufs Land gezogen. Er steht vor Sonnenaufgang auf, teilt sich ein Zimmer mit neun anderen. "Ich diene jetzt dem Volk", sagt Zhang, "genau wie Mao es will."

China befindet sich im Aufstiegsrausch. Quer durchs Land sprießen neue Millionenstädte aus dem Boden, verbunden durch Hochgeschwindigkeitszüge und Superhighways. Dutzende Millionen zieht es in diese Instant-Metropolen, wo sie es schaffen können, der Armut zu entwischen. Und es auch schaffen müssen. Denn der Druck auf die Generation Zhangs ist enorm.

Sie sind Einzelkinder, für deren Aufstieg ihre Eltern nahezu alles opfern. Sie sind Konkurrenten seit der Schulzeit, spätestens dann, wenn ein einziger Test entscheidet, wer an welcher Uni was studieren darf. Sie verdienen wenig, aber die Männer müssen schnell eine überteuerte Stadtwohnung kaufen, um überhaupt eine Frau heiraten zu dürfen.

Viele wollen da nicht mehr mitstrampeln. Sie inszenieren sich im Netz halbironisch als Generation der "diaosi", was in etwa "Schlappschwänze" bedeutet. Oder sie fliehen vor den Zumutungen der chinesischen Moderne; etwa auf den Bauernhof "Zum rechtschaffenen Pfad" in Gaobeidian, eine Stunde südwestlich von Peking.

Der Jurist Zhang Peng leitet die Hühnerbrigade
Fabian Reinbold

Der Jurist Zhang Peng leitet die Hühnerbrigade

Dort, in der staubigen Industrieregion Hebei, versucht eine Kommune aus jungen BWLern, Ingenieuren, Lehrern der entfesselten Marktwirtschaft im modernen China, die sich als Kommunismus tarnt, zu entkommen.

Sie wollen einen Öko-Bauernhof führen, gestützt auf die Lehre Mao Zedongs und angeführt von ihrem Guru, einem glühenden Mao-Verehrer namens Meister Han.

Sie feiern ein Mao-Revival in Zeiten des Turbokapitalismus. Zhang, der Hühnerbeauftragte mit Juradiplom, sagt: "Da draußen gehst du unter dem Druck kaputt."

Seine Kommilitonen würden doch verrückt beim Kampf um Jobs im Staatsdienst. Er wollte raus. Seinen Eltern hat er nach ein paar Wochen vom Bauernhof erzählt, nicht jedoch, dass er hier die Hühner füttert. "So denken sie vielleicht, ich wäre hier ein Manager", sagt Zhang. Er hat Angst, sie zu enttäuschen. Sie haben gespart, damit er die Provinz hinter sich lassen kann. Jetzt ist er zurück auf dem Land.

Sein Tag beginnt im Winter mit dem Morgenappell um 6 Uhr. Eine Stunde Übungen: Liegestütze, chinesische Klassiker und Weisheiten von Meister Han rezitieren. Frühstück, dann Feldarbeit von acht bis zwölf. Nach dem Mittag entweder Feldarbeit oder Selbststudium, abends ein wenig Freizeit, um 22 Uhr geht das Licht aus.

Die Produktionsbrigade übt ein Lied über das schöne Farmleben ein
Fabian Reinbold

Die Produktionsbrigade übt ein Lied über das schöne Farmleben ein

"Wir sind kein Bauernhof, wir sind eine harmonische Gemeinschaft", sagt Luo Shaoxuan, der in Outdoorkleidung Gäste durch die Kommune führt. Er war einer der ersten hier, mittlerweile sind sie gut 60 Leute. Luo zeigt auf die Felder mit Kohl und Melonen, die Birnen- und Aprikosenbäume: "Alles bio."

Sie verkaufen bei Taobao, der Handelsplattform des Onlineriesen Alibaba, an eben jene Mittelschicht, aus der sie geflüchtet sind.

Luo hat Chinesisch als Fremdsprache studiert, auch ihm stünden reichlich Jobs offen. Aber der 24-Jährige hat keinen einzigen Tag gelehrt, ging sofort auf die Farm. "Draußen liefern sich die Leute ein Wettrennen", sagt er, "hier ist man Teil einer Gruppe."

Das Gefühl von Gemeinschaft ist China abhandengekommen. Die Chinesen, deren Volksrepublik offiziell sozialistisch ist, haben eine neue Sehnsucht nach Schlichtheit und nach Gleichheit. Die Jungen vom Bauernhof "Zum rechtschaffenen Pfad" suchen das bei Mao Zedong.

Luo Shaoxuan ist so etwas wie der Pressesprecher der Kommune
Fabian Reinbold

Luo Shaoxuan ist so etwas wie der Pressesprecher der Kommune

Jener Mao, der im Westen als gnadenloser Diktator bekannt ist und dessen Ideologie und Machtpolitik Dutzende Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Maos Ideologie liest sich auf dem Bauernhof wie eine Anleitung zum Ausstieg aus der Immer-mehr-Gesellschaft. Mao ist jetzt bio.

Gehuldigt wird Mao, dem Gründer der Volksrepublik, schon immer. Sein Porträt hängt in Peking am Haupttor zur Verbotenen Stadt, sein Leichnam liegt aufgebahrt nebenan auf dem Tiananmen-Platz. Mao ist das Aushängeschild der herrschenden Kommunistischen Partei, auch wenn die sich längst der Marktwirtschaft verschrieben hat.

Die Jungen in Gaobeidian stören sich an dem, was sie als leere Mao-Rhetorik sehen. "Wir wollen Maos Ideen auch wirklich leben", sagt der 24-jährige Luo. Der Große Vorsitzende schickte einst die "intellektuelle Jugend" aufs Land, Millionen Schüler und Studenten sollten sich in der Landwirtschaft verdingen. Maos neue Jünger gehen freiwillig aufs Land. Lou sagt: "Wir sind die neue intellektuelle Jugend".

Lou sagt nicht: Mao schickte die Jugend der Städte los, nachdem er sie in der Kulturrevolution erst gegen die Funktionäre aufhetzte, das Land damit in einen Bürgerkrieg trieb und dann der Gewalt nicht mehr Herr wurde. Lou sagt nicht: Dass diese Jugend heute als Chinas verlorene Generation gilt, ihrer Bildung und Ideale beraubt.

Ernte auf dem Bauernhof "Zum rechtschaffenen Pfad"
Fabian Reinbold

Ernte auf dem Bauernhof "Zum rechtschaffenen Pfad"

Denn von den Abermillionen Toten während der Kulturrevolution und dem "Großen Sprung nach vorn", einer desaströsen Autarkiepolitik Maos, steht nichts in den Schulbüchern. Als die KP die Verbrechen nach Maos Tod Anfang der Achtzigerjahre untersucht hatte, kam sie zum Schluss: Mao hat zu 70 Prozent recht gehabt und zu 30 Prozent unrecht. Das ist bis heute offizielle Linie.

Fragt man Luo danach, sagt er: Meister Han wisse da sicher mehr.

Der Guru der Kommune sitzt in Daunenjacke auf einem Ledersofa im Verkaufsladen der Farm. Luo setzt sich neben ihn, hört zu. Han Deqiang, Jahrgang 1967, zitiert einen Mao-Spruch aus der Zeit der Kulturrevolution: "Die Rebellion ist gerechtfertigt", sagt er.

Aber es brauche auch Harmonie. Harmonie und Revolution, sagt Han, Yin und Yang, halb und halb. Der 47-Jährige selbst ist die Hälfte der Woche BWL-Professor in Peking und verbringt die andere Hälfte unter seinen Jüngern.

Der Guru der Kommune, Han Deqiang, posiert im "Gang der tausend Meter"
Jonah M. Kessel

Der Guru der Kommune, Han Deqiang, posiert im "Gang der tausend Meter"

Han ist einer der glühendsten Maoisten, Nationalisten und "neuen Linken" im Land. Größere Berühmtheit erlangte er, als er 2012 auf dem Höhepunkt antijapanischer Stimmung im Land auf einer Demo dem vergangenen Glanz Chinas unter Mao hinterhertrauerte und einen Rentner ohrfeigte. Der Mann hatte es gewagt, Mao zu kritisieren.

Heute, auf dem Bauernhof, will Han darüber nicht sprechen. Er redet lieber über die Theorie des positiven Feedbacks und über Bio-Lebensmittel. Han ist vorsichtig geworden. Er weiß: Wer Mao zu viel Leben einhauchen will, gerät ins Visier der Parteiführung.

So wurde das Maoisten-Forum namens Utopia, das Han gegründet hatte, dicht gemacht. Und so wurde Bo Xilai entmachtet, der einstige Starpolitiker, der in seiner Stadt Chongqing die Bevölkerung zum Singen von Revolutionsliedern auf den Straßen antreten ließ. Bo sitzt im Gefängnis, Han auf dem Bauernhof. Er führt noch ein paar Tai-Chi-Figuren vor, dann ist es Zeit fürs Mittagessen.

Es gibt Lamm, Sojabohnen, Reis. Hühnerbrigadier Zhang, heute auch im Küchendienst, bringt Dampfbrot. Die Mao-Jünger stehen auf und sagen zusammen ein langes Dankesgedicht auf, geschrieben von Meister Han.

"Sei fleißig und bescheiden", murmeln sie, "vergleiche und wetteifere nicht". In der Ferne schießt auf der neuen Hochgeschwindigkeitstrasse ein Zug vorbei.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
hansmaus 06.02.2015
1. wird spannend
Wird sicher spannend was in China die nächsten 20 Jare passiert. (für den Zensor) Klar ist alles besser als hier und klar ist in china bis auf die Menschenrechte alles toll und suppi. Die Leute so mitte 30 stehen ja noch voll im Futter aber in 10 Jahren fangen bei der Generation die Zipperlein an also Burnout, Bandscheiben etc etc. die Umweltverschmutzung und das Ungleichgewicht des Wohlstands wird äußerst spannend was da bald passiert.
schwarzes_lamm 06.02.2015
2.
"Manche fliehen vor dem Erfolgsdruck aufs Land - und wollen dort den Geist Mao Zedongs wiederbeleben" nach schätzungsweise 60-80 Mio. Ermordeten keine gute Idee.
Kulifumpen 06.02.2015
3.
Zitat von hansmausWird sicher spannend was in China die nächsten 20 Jare passiert. (für den Zensor) Klar ist alles besser als hier und klar ist in china bis auf die Menschenrechte alles toll und suppi. Die Leute so mitte 30 stehen ja noch voll im Futter aber in 10 Jahren fangen bei der Generation die Zipperlein an also Burnout, Bandscheiben etc etc. die Umweltverschmutzung und das Ungleichgewicht des Wohlstands wird äußerst spannend was da bald passiert.
Das wird in China recht einfach gehandhabt: Die werden halt aussortiert. Verrecken elendig. Da es in jeglicher Hinsicht genug Chinesen gibt, wird sich da keiner drum kümmern.
kogno 06.02.2015
4. So war der Kommunismus nie gemeint!
Kessel schreibt: "entfesselten Marktwirtschaft im modernen China, die sich als Kommunismus tarnt". Der Kommunismus war nie ein Rezept der Rückkehr zum einfachen Leben, sondern immer ein Programm forcierter und rücksichtsloser Modernisierung. Dass Mao Partei- und Staatsbeamte regelmäßig zur Handarbeit aufs Land schickte, sollte nur seine Macht sichern. Deng Hsiao Ping Wendung entspricht Lenins NEP, die an Stalins Machtgelüsten, aber eigentlich an ausbleibenden Investitionen des Auslands gescheitert ist.
hansmaus 06.02.2015
5.
Zitat von KulifumpenDas wird in China recht einfach gehandhabt: Die werden halt aussortiert. Verrecken elendig. Da es in jeglicher Hinsicht genug Chinesen gibt, wird sich da keiner drum kümmern.
abwarten, die Bauern, die Wanderarbeiter, die gestressten Bildungsbürger, arme Soldaten, Fabrikarbeiter etc. das summiert sich zu einem ganz hübschen sümmchen. Klar wird sich da keiner drum kümmern, China ist nicht Deutschland wo schon nach dem Staat gerufen wird wenn der Käse im Kühlschrank nicht von allein auf den Tisch hüpft aber DIESE(!) Personen werden sich früher oder später "kümmern" und wie dieses "kümmern" aussieht wird das spannende an der Sache.
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