Chinas Premier Li in Indien: Das Sieger-Lächeln

Von Wieland Wagner, Neu Delhi

Li Keqiang in Indien: Besuch eines Giganten Fotos
AFP/ Rashtrapati Bhavan

Chinas neuer Premier Li hat Indien als Ziel seiner ersten Auslandsreise ausgewählt - ein Besuch unter gleichberechtigten Partnern ist das nicht. Peking hat den Nachbarn mit einem Grenzvorstoß gedemütigt, wirtschaftlich und politisch abgehängt. Das Wettrennen der beiden Großmächte ist entschieden.

Der Besucher aus Peking genoss seinen Auftritte in Neu Delhi in vollen Zügen. Trotz mörderischer Hitze über 45 Grad legte Chinas neuer Premier Li Keqiang, 57, keinen Augenblick sein Siegerlächeln ab. Denn schon bevor er in Indiens Hauptstadt landete, hatte sein Land dem südlichen Nachbarn vorgeführt, wie dramatisch sich das Kräfteverhältnis der rivalisierenden asiatischen Großmächte zu chinesischen Gunsten verändert.

Die Demütigung der Inder durch die Chinesen fand ab Mitte April statt: Fast 20 Kilometer tief drangen etwa fünfzig Soldaten der chinesischen Volksbefreiungsarmee in Ladakh, der nordwestlichen Himalaja-Region, über die von Indien beanspruchte Grenze ein. Dort errichteten sie Zelte und hielten rote Banner in die Höhe, wonach es sich um chinesisches Staatsgebiet handele. Die Aktion war höchst brisant, denn seit dem von China angezettelten blutigen Grenzkrieg 1962 ist es den Nachbarn nicht gelungen, sich über den Verlauf ihrer Staatsgrenze zu einigen.

Zwar bauten die chinesischen Eindringlinge ihre Zelte rechtzeitig vor Lis Besuch wieder ab, doch erst nachdem die Inder den Chinesen offenbar versprechen mussten, ihrerseits Befestigungen in dem umstrittenen Gebiet abzubauen. Denn am Ende - und das dürften die Pekinger Strategen von vornherein einkalkuliert haben - konnte und wollte Neu Delhi es sich nicht leisten, den mächtigen Gast aus dem Norden wieder auszuladen.

Noch vor wenigen Jahren malten vor allem westliche Medien einen künftigen Kampf der aufstrebenden Giganten China und Indien um die Vorherrschaft in Asien aus. Doch der Wettbewerb ist längst entschieden. Daran ändern auch die hilflosen Mahnungen von Premier Manmohan Singh an seinen Gast nichts: Frieden und Ruhe an der Grenze, betonte er, müssten die Grundlage bilden für den Ausbau der Beziehungen beider Länder.

Tatsächlich führte das Treffen der beiden Regierungschefs schon äußerlich vor, wie geschwächt die größte Demokratie derzeit gegenüber der größten Diktatur der Welt dasteht: Der 80-jährige Singh ist nach einer Serie von Korruptionsskandalen seiner Regierung schwer angeschlagen. Dagegen strotzt der im März neu installierte chinesische Premier Li nur so vor Selbstbewusstsein.

Auch in wirtschaftlicher Hinsicht traut Indien derzeit kaum jemand ernsthaft zu, alsbald seinen jahrzehntelangen Rückstand gegenüber China aufzuholen: Der Subkontinent mit seinen 1,2 Milliarden Menschen müsste dringend Reformen voranzutreiben, er müsste die häufig noch von den britischen Kolonialherrn hinterlassene Infrastruktur modernisieren und verstärkt ausländische Investoren ins Land lassen. Stattdessen führen Regierung und Opposition in Delhi der Welt mit täglichem Hickhack vor, wie wenig handlungsfähig ihre Demokratie ist.

Dagegen schwören Chinas Kommunisten ihr Volk unter dem neuen Staats- und Parteichef Xi Jinping auf den "chinesischen Traum" ein: Zwar leidet auch die Weltfabrik unter der globalen Krise vor allem bei seinen wichtigsten Handelspartnern in Europa. Doch die Straßen, Brücken und Flughäfen, die das Riesenreich während der vergangenen fetten Jahre errichtete, stehen fest gemauert in der Landschaft und dienen Chinas Aufstieg zur Supermacht.

Das gilt auch besonders für Tibet. Von dort aus baut das Reich der Mitte die Grenze mit Indien seit Jahren Kilometer um Kilometer nach eigenen Vorstellungen aus. Mit immer neuen Straßen und Flughäfen verschafft es sich in der Himalaja-Region eine überlegene strategische Position gegenüber dem südlichen Nachbarn.

China wächst zum wichtigsten Konkurrenten Indiens im Indischen Ozean heran

Bis vor kurzem hatten indische Strategen noch die Illusion, dass Peking angesichts seiner Inselstreitereien mit Japan und den Nachbarn im Südchinesischen Meer seinen Expansionsdrang an der Westgrenze vernachlässigen könnte. Doch mit der jüngsten Provokation in Ladakh hat Peking das Gegenteil bewiesen.

Denn auch indische Nachbarn wie Burma, Sri Lanka und Pakistan baut die Volksrepublik mit eigenen Häfen und Öl-Pipelines verstärkt zu strategischen Vorposten aus. Mit dieser sogenannten Perlenkette wächst Peking zum wichtigsten Konkurrenten Neu Delhis auch im Indischen Ozean heran.

Eine Schlüsselrolle beim chinesischen Vorstoß nach Südasien spielt Tibet - dessen geistigem Oberhaupt, dem Dalai Lama, Indien Exil gewährt: Die Chinesen nennen Tibet "Xizang" - "westliche Schatzkammer". Um die Rohstoffe der sogenannten Autonomen Region zu erschließen, wollen sie mindestens drei große Staudämme am Zulauf zum Brahmaputra bauen. Für Indien sowie Bangladesch hätte eine mögliche Verringerung der Wasserzufuhr ökologische und ökonomische Folgen von unabsehbarem Ausmaß. Doch Peking denkt nicht daran, seine Baupläne mit den betroffenen Nachbarn abzustimmen.

Gleichwohl sprach Premier Li am Dienstag vor indischen Unternehmern in Delhi viel von Kooperation. Über ihre umstrittene Grenze wollen beide Länder weiter verhandeln.

Indien muss sich mit seinem mächtigen Nachbarn arrangieren

Da haben sich beide Seiten viel vorgenommen, denn nicht einmal auf die Länge der gemeinsamen Grenze konnten sie sich bisher einigen: Auf indischen Landkarten erstreckt sie sich über 3500 Kilometer, aus chinesischen Sicht ist sie dagegen 1500 Kilometer kürzer. Denn Kaschmir, die von Indien kontrollierte mehrheitlich muslimische Nordwest-Provinz, zählt für Peking beispielsweise nicht zum indischen Staatsgebiet.

Gleichwohl bleibt Indien kaum etwas anderes übrig, als sich mit seinem mächtigen Nachbarn zu arrangieren, der auch sein wichtigster Wirtschaftspartner ist. Ihren gemeinsamen Handel wollen beide Länder bis 2015 von knapp 70 Milliarden auf 100 Milliarden US-Dollar ausbauen.

Zwar wird Indien von den USA und ihren westlichen Verbündeten eifrig als strategischer Partner gegen China umworben. Doch trotz des indischen Misstrauens gegen China dürfte Neu Delhi auch künftig auf seine traditionelle Neutralität bedacht sein. Denn in Fragen wie der Klimapolitik decken sich die Interessen des Entwicklungslands eher mit denen von China.

Ohne enge Kooperation mit seinem mächtigen Nachbarn China, das hat Li bei seinem Besuch deutlich gemacht, kann Indien nicht erfolgreich weiterwachsen. Der Chinese versprach Friede und Freundschaft - aber er stellte eben auch klar, wer in diesem Verhältnis der Giganten die Richtung vorzugeben gedenkt.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Kaschmir
auweia 21.05.2013
Zitat von sysopAFP/ Rashtrapati BhavanChinas neuer Premier Li hat Indien als Ziel seiner ersten Auslandsreise ausgewählt - ein Besuch unter gleichberechtigten Partnern ist das nicht. Peking hat den Nachbarn mit einem Grenzvorstoß gedemütigt, wirtschaftlich und politisch abgehängt. Das Wettrennen der beiden Großmächte ist entschieden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/china-neuer-premier-li-keqiang-in-indien-a-900926.html
Der Kaschmirkonflikt kostet Indien sowie Pakistan viel Energie und wird auf dem Rücken der Kaschmiris ausgetragen, die nach meinem Eindruck mehrheitlich die Autonomie wollen. Vielleicht sollten die Inder sich mal ernsthaft mit den Pakistanis über eine Unabhängigkeit Kaschmirs unterhalten um den Rücken frei zu haben für die wahrscheinlich kommenden Auseinandersetzungen mit China, etwa was die Wasserrechte/Staudammpläne oder Einfluß im Indischen Ozean betrifft.
2. entschieden
tento 21.05.2013
Zitat von sysopAFP/ Rashtrapati BhavanChinas neuer Premier Li hat Indien als Ziel seiner ersten Auslandsreise ausgewählt - ein Besuch unter gleichberechtigten Partnern ist das nicht. Peking hat den Nachbarn mit einem Grenzvorstoß gedemütigt, wirtschaftlich und politisch abgehängt. Das Wettrennen der beiden Großmächte ist entschieden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/china-neuer-premier-li-keqiang-in-indien-a-900926.html
china war in den letzten jahren die werkbank der welt. darunter hat das land auch gelitten, nicht nur profitiert. zum beispiel umwelt !!! china ist keine demokratie, sondern eine parteigestützte oligarchie. china hat riesige schulden, trotz des andauernden erfolges. und china hat eine ähneliche alterspyramide wie deutschland, also kommen auch solche probleme, vergreisung der gesellschaft, auf das land zu. nur ohne nennenswerte soziale absicherung. mal sehen, wenn das blaue china, welches den ganzen bimbes erwirtschaftet, mitsprache vom gelben china will, von wo die parteibonzen das land regieren, auf basis einer schrumpfenden kommunistischen wirtschaft, im gegensatz zur florierenden des blauen china. da ist noch nichts entschieden, wenn es mal zu einem craschähnlichen zustand des dollars oder der weltwirtschaft kommt, sind die "vorteile" chinas eh geschichte. die zukunft wird es zeigen.
3. Ich muss immer noch lachen
spiekr 21.05.2013
über die Leute, die vor ein paar Jahren das Aufstiegspotential Indiens so hoch oder höher eingeschätzt haben wie das chinesische - mit dem Hinweis auf Indiens Demokratie versus Chinesischer Diktatur und dessen kurzfristem Scheitern. Sämtliche religiösen und sonstigen ideologischen Hirngespinste können sogar die intelligenten und fleissigen Inder stark behindern - von anderen ganz zu schweigen. Es geht also darum, diesen Ballast abzuwerfen, bevor unbehindert aufgebaut werden kann. Die billigste und beste Entwicklungshilfe besteht in der Entsorgung von guten & bösen Geistern.
4. Journalisten sind nunmal Laien
fd53 21.05.2013
Ähnlich dummes Zeug wird ja von Journalisten noch immer zum Thema indische IT-Spezialisten geschrieben. Nur ist diesen dummen Journalisten völlig unbekannt, dass man in Indien alles mit mehr Bandbreite als ISDN hat als Breitbandinternet bezeichnet. Also alles über 128 kBit/s ist bei denen Breitbandinternet. Und jeder der Outlook oder Word oder Excel nutzen kann, der gilt dort gleich mal als IT-Spezi. Ich habe das in der Umgebung von Delhi erleben dürfen inklusive Turnschuhadministration pur. Image-Server und SMS-Paketverteilung waren dort zwar bekannt, aber niemand besaß die Fähigkeit zur Installation und Nutzung. Und von Deployment hatte man dort bisher nur mal etwas gehört. Die besuchten Einrichtungen waren zwar sehr groß und hatten auch über 10 000 Beschäftigte, aber technologisch absolute Lacher im Vergleich mit China.
5. Nichts ist entschieden ....
harung49 21.05.2013
Zitat von sysopAFP/ Rashtrapati BhavanChinas neuer Premier Li hat Indien als Ziel seiner ersten Auslandsreise ausgewählt - ein Besuch unter gleichberechtigten Partnern ist das nicht. Peking hat den Nachbarn mit einem Grenzvorstoß gedemütigt, wirtschaftlich und politisch abgehängt. Das Wettrennen der beiden Großmächte ist entschieden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/china-neuer-premier-li-keqiang-in-indien-a-900926.html
Jeder Boom geht zu Ende, auch der chinesische. Wenn da die Blase platzt, dann wird sich zeigen, wie stabil die korrupte Partei und ihre verlogene Ideologie im Volk verankert sind. Noch können die Bonzen in Peking den Deckel auf den sozialen und politischen Spannungen in ihrem Reich halten, aber wie lange noch? Noch funktioniert ihre Zensur, aber sie wird löchrig. Noch nehmen die meisten Chinesen die beispiellose Zerstörung ihrer Umwelt hin, - als Preis für den (wenn auch schreiend ungleich verteilten) Wohlstand. Was die Zukunft bringt, kann niemand voraussagen, auch SPON nicht. Entschieden ist da noch lange nichts.
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Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1341,335 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

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