China-Tibet-Krise Tote bei Aufruhr in Lhasa - Dalai Lama in Sorge

Es sind die größten Proteste in Tibet seit fast zwei Jahrzehnten: Geschäfte und Autos brennen, Schüsse fallen, es gibt mehrere Tote - die Straßenkämpfe zwischen Mönchen und chinesischen Sicherheitskräften eskalieren. Das Militär verhaftet Demonstranten, der Dalai Lama reagiert alarmiert.


Peking - Augenzeugen berichten, dass aufgebrachte Tibeter Polizisten und Feuerwehrleute attackiert haben. Wagen wurden umgestürzt und in Brand gesteckt. Mehrere Geschäfte gingen staatlichen chinesischen Medien zufolge in der Hauptstadt Lhasa um den Jokhang-Tempel in Flammen auf. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete Verletzte, einem Krankenhausmitarbeiter zufolge mindestens ein Dutzend - die Nachrichtenagentur AFP berichtet indes unter Berufung auf einen Sprecher der städtischen Notfallrettung von mehreren Toten. Die in Berlin ansässige deutsche Sektion der International Campaign for Tibet (ICT) konnte die Berichte über Todesopfer zunächst nicht bestätigen.

Der Dalai Lama, geistiges Oberhaupt der Tibeter, zeigte sich in einer ersten Reaktion aus dem Exil "tief besorgt" über die Lage in seiner Heimat. Er rief China auf, keine Gewalt mehr einzusetzen und sich im Dialog mit dem tibetanischen Volk mit dessen Verbitterung auseinanderzusetzen. Die Proteste seien Ausdruck einer tief verwurzelten Ablehnung der Tibeter gegenüber der chinesischen Besatzung. Zugleich appellierte der Dalai Lama in seiner Erklärung auch an seine Landsleute, ihrerseits bei den Demonstrationen auf Gewalt zu verzichten.

Bei den Auseinandersetzungen sollen heute auch Schüsse gefallen sein. Das teilte die US-Botschaft in Peking unter Berufung auf die Aussagen von US-Bürgern mit, die sich in Lhasa aufhielten und die Schüsse gehört hatten. Andere Touristen hatten zuvor telefonisch von einem massiven Aufgebot der Sicherheitskräfte gesprochen. Der Flughafen von Lhasa wurde nach Angaben von Reisenden unter Militärkontrolle gestellt worden. Es könnten keine Flugtickets gekauft werden, um Tibet zu verlassen, obwohl nicht alle Sitze in Maschinen ausgebucht seien, berichtete eine Reisende.

Eskalation ausgerechnet vor dem Olympischen Spielen

Für China kommen die Proteste zur Unzeit. Im Jahr der Olympischen Spiele will sich das kommunistische Regime als fortschrittlich und weltoffen präsentieren. Kritik an Menschenrechtsproblemen und Konflikten wie in Tibet soll kleingehalten werden - die Aufstände jetzt durchkreuzen diese Strategie.

Nach Ansicht der deutschen ICT-Sektion sind die bevorstehenden Olympischen Spiele nur ein Grund für die Protestwelle. Die Proteste hätten seit ihrem Beginn am 10. März eine Eigendynamik gewonnen. "Bei den Tibetern herrscht allgemeine Unzufriedenheit, weil sie sich in ihrem eigenen Land wirtschaftlich und sozial benachteiligt fühlen", sagte Chompel Balok, politischer Referent der ICT, SPIEGEL ONLINE. Das olympische Jahr biete der chinesischen Führung eigentlich eine gute Gelegenheit, ein wirkliches Zeichen zu setzen und angesichts der Demonstrationen das Gespräch mit dem Dalai Lama zu suchen, sagte Balok weiter.

Die Proteste gegen die Herrschaft Chinas in Tibet begannen Anfang der Woche. Demonstranten wurden verhaftet, Mönche traten in den Hungerstreik, zwei schnitten sich laut dem US-Radiosender Radio Free Asia (RFA) in einem Selbstmordversuch die Pulsadern auf - sie seien in "kritischem Zustand". Mehrere Klöster wurden von Soldaten abgeriegelt.

Anlass der Proteste ist der 49. Jahrestag eines Aufstandes der Tibeter gegen die chinesischen Besatzer in Lhasa. Tibet wird seit dem Einmarsch der chinesischen Armee 1950 von Peking regiert. Nach dem fehlgeschlagenen Aufstand der Bewohner flüchtete der Dalai Lama nach Indien, wo er seit 1959 in Dharamsala eine Exil-Regierung führt und für die Autonomie Tibets wirbt.

Durch den Einsatz starker Einheiten der Sicherheitskräfte gegen Demonstranten in Lhasa ist das Leben in der tibetischen Hauptstadt heute zum Erliegen gekommen. "In Lhasa ist alles geschlossen - Restaurants, Cafés und Geschäfte", sagte ein deutscher Tourist der Nachrichtenagentur AFP am Telefon. "Man sieht nur noch Soldaten und Polizisten, nichts weiter", fügte der Tourist hinzu. "Man hat uns gesagt, wir sollen das Hotel nicht verlassen." Die Frau des deutschen Touristen sagte unter Hinweis auf die unsichere Lage, sie wolle Lhasa morgen verlassen und nach Peking reisen.

"Wir sind mit allen anderen weggelaufen"

Ein französischer Tourist sagte, er habe auf dem zentralen Platz von Lhasa gestanden, als "jede Menge Polizisten eintrafen". "Wir haben in der Menge der Demonstranten weiße Fahnen gesehen", sagte der Franzose. Bei den Demonstranten handele es sich im wesentlichen nicht um Mönche. Die Protestierenden seien von Polizisten vom Platz vertrieben worden. "Als die Lastwagen mit den Polizisten ankamen, gab es eine gewisse Panik", sagte der Franzose. "Wir sind mit allen anderen weggelaufen, die Händler schlossen ihre Läden."

Entgegen den Anordnungen der chinesischen Behörden und trotz massiver Polizeipräsenz seien 300 bis 400 Einwohner und Mönche in Lhasa auf die Straßen gegangen, hieß es. Zehn Demonstranten seien festgenommen worden. "Draußen ist das Chaos ausgebrochen", sagte ein Einwohner Lhasas. "Überall ist Rauch, und es werden Steine geworfen und Fenster eingeschlagen. Wir haben Angst."

Die chinesische Zensur blockierte derweil alle Fernsehberichte über die Unruhen, die der amerikanische Nachrichtensender CNN und die britische BBC über Satellit nach China ausstrahlten. Sobald der Bericht anfängt, wird der Bildschirm schwarz und ist der Ton weg. Danach geht das Programm normal weiter.

Auch in Nepal und Indien demonstrierten in den vergangenen Tagen zahlreiche Tibeter gegen die chinesische Besetzung ihrer Heimat - es kam auch dort zu Verhaftungen. Möglicherweise übe China Druck auf diese Nachbarländer aus, "Tibeter zum Schweigen zu bringen", sagte Sophie Richardson von der Menschenrechtsorganisation "Human Rights Watch".

hen/dpa/AFP/Reuters



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