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China und Indien: Gipfel der argwöhnischen Giganten

Von Jörg Himmelreich

Dieser Staatsbesuch lässt Beobachter aus Europa staunen: Chinas Premier Wen hat in Indien Handelsverträge in Milliardenhöhe abgeschlossen. Das Verhältnis der beiden Asien-Großmächte bessert sich, doch viel Rivalität bleibt - Peking und Neu-Delhi wetteifern um Wasser, Energie und strittiges Land.

Wen (l.) und Singh: Hotline zwischen den Giganten Zur Großansicht
DPA

Wen (l.) und Singh: Hotline zwischen den Giganten

Drei Tage nimmt sich Chinas Premierminister Wen Jiabao Zeit, um in Neu-Delhi Regierungschef Manmohan Singh zu besuchen. Deutlicher kann China sein strategisches Interesse an Indien kaum zum Ausdruck bringen. Indien wiederum erhofft sich von Wen bei einer Uno-Reform Unterstützung für die Pläne eines ständigen Sitzes im Weltsicherheitsrat. "Eine starke Partnerschaft zwischen Indien und China wird zu Frieden, Stabilität, Wohlstand und Entwicklung in Asien und der Welt beitragen", sagte Singh am Donnerstag, als er sich mit Wen auf einen Ausbau des Handels der beiden Wirtschaftsriesen verständigte. Allein 400 chinesische Geschäftsleute begleiten Wen, um Verträge mit einem Geschäftsvolumen von mindestens 12 Milliarden Dollar zu unterschreiben. Der bilaterale Handel zwischen beiden Staaten floriert also - für China ist Indien ein zukunftsträchtiger Markt.

Hinter der wirtschaftlichen Annäherung verbirgt sich jedoch äußerstes gegenseitiges Misstrauen - allen offiziellen wohlfeilen Erklärungen von Kooperation und Partnerschaft zum Trotz. Die Liste des gegenseitigen Misstrauens ist lang:

  • Die amerikanisch-indische strategische Partnerschaft, die 2005 mit der Unterzeichnung eines Nuklearabkommens ihren Höhepunkt fand, missfällt Peking. China hat bis heute keinen Weg gefunden, damit umzugehen: Diplomatische Avancen an Indien wechseln sich immer wieder mit Konfrontationen ab. Nach einer weiteren strategischen Partnerschaft Indiens mit Japan sieht China sich nun zudem eingekreist von US-Verbündeten. Die Regierung in Delhi wiederum sorgt sich immer vor einer G2, einer sino-amerikanischen Partnerschaft zu Lasten Indiens. Seine endgültige Rolle in diesem neuen globalen Kräftegleichgewicht hat Indien noch nicht gefunden. Es hadert damit, die letzten Ideale einer noch vom ersten Ministerpräsidenten Nehru geprägten Außenpolitik der friedlichen Bündnisfreiheit einer interessen- und wertegeleiteten Weltpolitik einer Weltmacht anzupassen.

  • Noch immer prägen jahrzehntealte Grenzstreitigkeiten das gegenseitige Verhältnis. Seitdem China 1951 Tibet annektiert hat, erkennt es die dortige Grenze zu Indien nicht an und beansprucht die Region Aksai Chin in Kaschmir und den indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh als chinesisches Territorium. Zwar verständigten sich 1993 beide Regierungen darauf, die bestehende Grenze als "Grenzlinie tatsächlicher Kontrolle ("Line of Actual Control", LAC) zu respektieren, seit 2003 verhandeln zudem "Special Representatives" über die endgültige Grenzregelung - ohne Ergebnis. Um eine gewaltsame Eskalation wie 1962 zu verhindern, soll nun eine ständige Telefonverbindung zwischen den Ministerpräsidenten eingerichtet werden. In Indien sorgte kürzlich die chinesische Maßnahme für Aufregung, Indern aus Kaschmir für die Einreise nach China nur gesonderte Visen zu erteilen. Die Verhandlungen über die Grenze erleichtern nicht - wie ursprünglich beabsichtigt - weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit, sondern sorgen für gegenseitiges Misstrauen.
  • Pakistan, das sich im Unabhängigkeitsprozess 1947 von Indien abspaltete, ist westlicher Nachbar und Erzrivale Indiens zugleich. China aber unterstützt Pakistan in einer gemeinsamen strategischen Partnerschaft wirtschaftlich und militärisch - und in dem pakistanischen Konflikt mit Indien um Kaschmir.
  • Indien sieht sich mit einem Handelsbilanzdefizit von 19,2 Milliarden Dollar gegenüber China als Verlierer. Indiens boomender IT-Sektor ist zwar auch in China präsent, hat dort aber nur westliche Unternehmen als Kunden. Die chinesischen Unternehmen aber kaufen chinesische Software, selbst wenn sie schlechter ist als die indische.
  • In ihrer Gier nach fossiler Energie wetteifern Indien und China weltweit um Zugang zu neuen Ölressourcen, von denen die beiden Volkswirtschaften mit ihren hohen Wachstumsraten existentiell abhängig sind. Im Wettrennen in Afrika und Südamerika gewinnen Chinas staatliche Ölfirmen regelmäßig vor den indischen Mitbewerbern. Die chinesische Staatswirtschaft ist hier effizienter als die mit Bürokratieauswüchsen aus Zeiten Nehrus überfrachtete indische Wirtschaft.
  • Auch um die Ressource Wasser konkurrieren China und Indien. Mit Ausnahme des Ganges entspringen alle großen Flüsse Nordindiens im tibetischen Hochplateau in China. Mit großem Argwohn verfolgt Indien, wie China große Staudämme am Brahmaputra in Tibet baut und damit dessen Wassermassen zu sich umleiten könnte. Der indische Sicherheitsexperte Brahmani Chellaney warnt: "Ein größeres Umleiten des Brahmaputra würde der Erklärung eines Wasserkriegs gegenüber den flussabwärts gelegenen Staaten Indien und Bangladesch gleichkommen."
Indien und China ist es noch nicht gelungen, die Territorialstreitigkeiten über tibetisches Wüstenland den mannigfachen Möglichkeiten beidseitiger Kooperation unterzuordnen. Beide Staaten sind von einer die Umwelt zerstörenden Industriepolitik, vom Terrorismus, von Seepiraterie und der Sicherheit der Seewege gleichermaßen betroffen - genauso wie Europa und die USA. Deswegen hat das Gipfeltreffen von Singh und Wen Bedeutung für die Beziehungen Indiens und Chinas - aber eben auch weit darüber hinaus.

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intenso1 16.12.2010
Zitat von sysopDieser Staatsbesuch lässt Beobachter aus Europa staunen: Chinas Premier Wen hat in Indien Handelsverträge in Milliardenhöhe abgeschlossen. Das Verhältnis der beiden Asien-Großmächte bessert sich, doch viel Rivalität bleibt - Peking und Neu-Delhi wetteifern um Wasser, Energie und strittiges Land. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,734971,00.html
Da die EU und vor allem Frau Merkel Russland abgewiesen hat, wird die neue Achse wohl Russland - China - Indien heißen. Damit hat man sich selbst ausgeschlossen (aus Rücksicht gegenüber der USA) und zum Nachteil auch Deutschlands.
2. 2500 Mio Menschen
elbröwer 16.12.2010
Indien ist als einziges, durchweg demokratisches Land eine Rarität in der Gegend. Den Krieg Anfang der 60er hat die Sowjetunion geschlichtet mitten im kalten Krieg und Mao Tse Tung war das eine reife Leistung. Wenn China auf seiten Pakistans steht ist es ein Terrorunterstützer. Dieser Hort des Terrors kann garnicht genug isoliert werden. Startet von dort kein Flugzeug in westliche Länder kommen dort auch keine Terroristen an.
3. noch schlimmer
sysiphus, 16.12.2010
Zitat von elbröwerIndien ist als einziges, durchweg demokratisches Land eine Rarität in der Gegend. Den Krieg Anfang der 60er hat die Sowjetunion geschlichtet mitten im kalten Krieg und Mao Tse Tung war das eine reife Leistung. Wenn China auf seiten Pakistans steht ist es ein Terrorunterstützer. Dieser Hort des Terrors kann garnicht genug isoliert werden. Startet von dort kein Flugzeug in westliche Länder kommen dort auch keine Terroristen an.
Der mit Abstand größte Geldgeber, militärische Beistandleister und Schutzpatron Pakistans sind die USA. Ist Obama dann also der größte Terrorunterstützer?
4. .
markus_wienken 16.12.2010
Zitat von elbröwerIndien ist als einziges, durchweg demokratisches Land eine Rarität in der Gegend. Den Krieg Anfang der 60er hat die Sowjetunion geschlichtet mitten im kalten Krieg und Mao Tse Tung war das eine reife Leistung. Wenn China auf seiten Pakistans steht ist es ein Terrorunterstützer. Dieser Hort des Terrors kann garnicht genug isoliert werden. Startet von dort kein Flugzeug in westliche Länder kommen dort auch keine Terroristen an.
So wie jetzt die USA?
5. jeder
elandy 16.12.2010
Zitat von intenso1Da die EU und vor allem Frau Merkel Russland abgewiesen hat, wird die neue Achse wohl Russland - China - Indien heißen. Damit hat man sich selbst ausgeschlossen (aus Rücksicht gegenüber der USA) und zum Nachteil auch Deutschlands.
Solange Russland eine Autokratie bleibt, kann es kein gleichwertiger Partner zu den USA sein. Solche Kontinentalträume entbehren jeder Grundlage.
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Zum Autor
Jörg Himmelreich ist Senior Transatlantic Fellow des German Marshall Funds, eines US-Thinktanks, der sich mit den transatlantischen Beziehungen beschäftigt. Zuvor war er im Planungsstab des Auswärtigen Amtes für Russland, den Kaukasus und die Schwarzmeerregion zuständig und koordinierte als Vorstandsassistent bei DaimlerChrysler die Beziehungen des Konzerns nach Russland, Zentralasien und Osteuropa.

Vier Risiken für Chinas Wirtschaft

Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1367,820 Mio.

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

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Fläche: 3.166.414 km²

Bevölkerung: 1213,370 Mio.

Hauptstadt: Neu-Delhi

Staatsoberhaupt:
Pranab Mukherjee

Regierungschef: Narendra Modi

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