Chinesisch-japanischer Inselstreit Obamas Machtdemonstration

Die Senkaku-Inseln sind der Zankapfel im Ostchinesischen Meer. Die Luftverteidigungszone der Chinesen über diesem Gebiet haben die Amerikaner jetzt demonstrativ durchbrochen - sie ließen zwei B-52-Bomber hindurchfliegen. Eine "Show of Force", die nicht nur auf den Rivalen China abzielt.

Von , Washington

B-52-Bomber im US-Bundesstaat Louisiana (Archivfoto): "Ohne Zwischenfälle"
AP

B-52-Bomber im US-Bundesstaat Louisiana (Archivfoto): "Ohne Zwischenfälle"


"Ich fürchte ein Sarajevo, Version 21. Jahrhundert", sagt die Politikprofessorin Anne-Marie Slaughter, als sie an diesem Dienstag die Nachricht von den zwei US-Bombern hört, die sich chinesischen Vorgaben widersetzten. Slaughter gehörte zum Planungsstab von Ex-US-Außenministerin Hillary Clinton, sie kennt sich aus mit internationalen Krisen.

Sie nahm Bezug auf den Beginn des Ersten Weltkriegs, der losbrach, ohne dass ihn wirklich jemand gewollt hatte. Zwar war man damals in allerlei Allianzen mit allerlei automatischen Mechanismen verbunden - aber die ganz große Auseinandersetzung würden die Großmächte doch wohl nicht riskieren. So dachten viele bis zum Sommer 1914. Dann wurde ein Thronfolger in Sarajevo ermordet, die über Jahre gelegte Lunte fing Feuer, das Pulverfass ging hoch. Aus einem österreichisch-serbischen Lokalkonflikt wurde ein Weltkrieg.

Großer Krieg wegen einer kleinen Inselgruppe?

Ist bald hundert Jahre später eine solche Gefahr gebannt? Dieses Mal könnte Slaughter zufolge der Brennpunkt nicht in Sarajevo, sondern im Ostchinesischen Meer liegen: auf einer unbewohnten Inselgruppe, die die Japaner Senkaku und die Chinesen Diaoyu nennen. Das Riesenreich macht den Japanern den Anspruch auf die vornehmlich von Ziegen bevölkerten Inseln streitig, in ihrer Umgebung werden große Öl-und Gasvorkommen vermutet. Auch Taiwan und Südkorea reklamieren die Inselgruppe für sich.

Monat für Monat wird der Streit zwischen Japan und China unversöhnlicher. Getrieben von neu erwachtem Nationalismus daheim eskalieren beide Seiten die Situation. Da werden Fischerboote ins umstrittene Gebiet geschickt, Kampfschiffe nähern sich, man nimmt sich demonstrativ ins Visier. China provoziert, auf dass Japan irgendwann nachgebe. Am vergangenen Wochenende richtete Peking eine Luftverteidigungszone ein, weitete damit seine Überwachung auf den Luftraum über den japanisch kontrollierten Senkaku-Inseln aus. Jede durchfliegende Maschine soll sich künftig anmelden. Was aber geschieht, wenn es dort zu Konflikten kommt? Schon hat die Regierung in Tokio heimische Fluglinien aufgerufen, Chinas Regeln zu ignorieren.

Die USA sind de facto Japans Schutzmacht, rund 50.000 US-Soldaten sind heute auf dem Territorium des einstigen Feindes aus dem Zweiten Weltkrieg stationiert. In den sechziger Jahren schlossen Japan und Amerika ein bis heute geltendes Sicherheitsabkommen: Sollte einer der beiden in japanischen Gebieten attackiert werden, würde man sich gegenseitig helfen. Da steckt die Sarajevo-Gefahr.

Inseln der Senkaku-Gruppe im Ostchinesischen Meer
REUTERS

Inseln der Senkaku-Gruppe im Ostchinesischen Meer

Am Wochenende bereits hatten US-Verteidigungsminister Chuck Hagel sowie Außenminister John Kerry bei den Chinesen Protest wegen der Luftverteidigungszone eingelegt - ein ziemlich hochrangiger Protest also -, in der Nacht zum Dienstag dann setzten die USA auf eine Machtdemonstration: Zwei unbewaffnete B-52-Bomber der Air Force flogen ohne Vorwarnung durch das vermeintliche chinesische Sperrgebiet über den Inseln. "Ohne Zwischenfälle", wie es hernach hieß. Zugleich wiegelte Washington ab: Routinemanöver, lange geplant.

Im Klartext: Die US-Regierung von Präsident Barack Obama respektiert die einseitig von China geschaffenen Regeln nicht. Und da also unter diesem Blickwinkel die chinesische Luftverteidigungszone nicht besteht, kann man auch routinemäßig durchfliegen.

"Das war eine Show of Force", sagt Robert Kaplan, einflussreicher Publizist und früherer Berater des Pentagon. Dass die USA zu solch einer Aktion zur Unterstützung Japans griffen, zeige, als wie unsicher die Region mittlerweile eingeschätzt werde. Man sei es gewohnt, Asien als prosperierenden, friedlichen Wirtschaftsraum wahrzunehmen, so Kaplan. Aber dem sei nicht so. Bereits im vergangenen Jahr hatten die USA explizit erklärt, dass ihr Sicherheitsabkommen mit Japan auch für die Senkaku-Inselgruppe gelte.

Ex-Clinton-Beraterin Slaughter bemerkt, dass die USA mit ihrem Bomber-Überflug nicht nur ein Signal an die Chinesen, sondern auch eines der Rückversicherung an die Japaner haben senden wollen: "Eskaliert nicht, wir sind ja da." Denn längst schaut man in den USA mit Sorge auf den wachsenden Nationalismus in Japan, befürchtet überzogene Reaktionen des Partners. Im vergangenen Dezember hatte der nationalistische Shinzo Abe die Parlamentswahl gewonnen; er forciert die Aufrüstung und will am liebsten die pazifistische Verfassung umschreiben. Darin ist festgehalten, dass Japan seine Armee nur zum Zwecke der Selbstverteidigung einsetzen darf. China auf der anderen Seite fühlt sich trotz all seines Machtzuwachses umzingelt von Gegnern, flüchtet sich ebenfalls in wachsenden Nationalismus.

Obamas Sprecher Josh Earnest erklärte am Dienstag, die von China eingerichtete Luftverteidigungszone sei "aufrührerische Politik", Konflikte wie dieser sollten besser durch Diplomatie gelöst werden. Es fügt sich, dass US-Vizepräsident Joe Biden in der nächsten Woche Peking, Tokio und Seoul besuchen wird.

Zurückhaltung aus Peking

Schier unvorstellbar jedenfalls erscheint es, dass die USA über ihren japanischen Verbündeten in eine militärische Konfrontation mit China hineingezogen werden könnten. Fast genauso unvorstellbar wie der Umstand, dass ein österreichisch-serbischer Konflikt den Weltenbrand auslösen konnte.

Das chinesische Verteidigungsministerium reagierte zurückhaltend auf den Überflug amerikanischer Bomber. Chinas Aufklärung habe die US-Militärflugzeuge während ihres zweieinhalbstündigen Fluges "beobachtet, identifiziert und ihren Typ bestimmt", teilte ein Sprecher mit. China folge seinen Regeln für die neu errichtete "Identifikationszone zur Luftverteidigung" (ADIZ) und "ist in der Lage, den betreffenden Luftraum wirksam zu kontrollieren".

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normalo3006 27.11.2013
1. Übertriebene Angstmache - noch handelt das ZK rational
Die einseitig erfundene Lufthoheit durch China ist ein Testballon ob die USA Japan beistehen. Laut Vertrag und sichtbar tatsächlich tun sie das. China will sich Rohstoffe greifen bei den Nachbarn. Aber das ZK der Milliardäre wird keinen unverhältnismäßigen Krieg vom Zaun brechen der in keinem Verhältnis zum Ertrag steht. Gefährlich wirds erst wenn die Allmacht der Kommunisten daheim ins Wanken gerät - dann gelten rationale Regeln nicht mehr ... Aber für solche Fälle stehen 4,000 Schiffe der US-Flotte bereit. Und die sind aus den Erfahrungen gegen die Saddams, Milosevics, Gaddafis, Osamas und Konsorten ja auch bestens im Training ...
Olaf 27.11.2013
2.
Zitat von sysopAPDie Senkaku-Inseln sind der Zankapfel im Ostchinesischen Meer. Die Luftverteidigungszone der Chinesen über diesem Gebiet haben die Amerikaner jetzt demonstrativ durchbrochen - sie ließen zwei B-52-Bomber hindurchfliegen. Eine Machtdemonstration, die nicht nur auf den Konkurrenten China abzielt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/china-und-japan-streiten-um-senkaku-inseln-usa-mischen-sich-ein-a-935844.html
Eine gut ausgewogene Aktion. Man hat gezeigt, dass man die einseitig ausgeweitete Hoheitszone nicht akzeptiert, dass man dem Verbündeten Japan beisteht und, weil die B-52 unbewaffnet waren, dass man an einer Eskalation nicht interessiert ist. Bin gespannt wie Peking reagiert.
barstow 27.11.2013
3. Das es zu dieser Situation kommen wird,...
...war absehbar. China ist nun einmal auf eine Unabhängigkeit in der Rohstoffversorgung angewiesen, um nicht erpressbar zu sein. Dass das Reich der Mitte dabei nicht der sanfte Riese ist, für den es immer (vor allem vom Spiegel) dargestellt wird, ist jedem klar, der regelmäßig mit China zu tun hat. Das Land muß und wird expandieren und die spannenden Frage ist, wie der Westen und auch Russland (trotz aller Verträge) reagieren werden.
auweia 27.11.2013
4. Nicht sooo einfach
Zitat von OlafEine gut ausgewogene Aktion. Man hat gezeigt, dass man die einseitig ausgeweitete Hoheitszone nicht akzeptiert, dass man dem Verbündeten Japan beisteht und, weil die B-52 unbewaffnet waren, dass man an einer Eskalation nicht interessiert ist. Bin gespannt wie Peking reagiert.
Ich persönlich finde diese kleine Show ja auch gut & richtig. Aber die Tatsache, das die BUFFs unbewaffnet waren, kann ein möglicher chinesischer Flugabwehrsoldat nicht ohne weiteres erkennen... Btw: Könnte D überhaupt eine militärische Drohgebärde vollziehen, wenn seine Sicherheitsinteresssen (so denn mal definiert) massiv beeinträchtigt wären?
Chekkos 27.11.2013
5. Südkorea?
Südkorea beansprucht die Senkaku-Inseln keineswegs. Zwischen Südkorea und Japan schwelt ein anderer Territorialkonflikt: Beide Seiten beanspruchen die Takeshima/Dokdo Inseln.
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