US-Bericht über reiche Kommunisten: China schlägt mit Brachial-Zensur zurück

Von Sophia Lee

Chinas KP will beim baldigen Parteitag zum Kampf gegen Korruption aufrufen. Doch nun berichtet die "New York Times" über ein Milliardenvermögen der Familie von Premier Wen. Mit radikaler Zensur hält die Regierung dagegen.

Premier Wen Jiabao: Chinas Führungselite hat ein wachsendes Reputationsproblem Zur Großansicht
REUTERS

Premier Wen Jiabao: Chinas Führungselite hat ein wachsendes Reputationsproblem

Der Zeitpunkt hätte kaum effektvoller gewählt sein können. Rund anderthalb Wochen vor dem 18. Parteikongress veröffentlicht die "New York Times" einen Artikel, der den zweimächtigsten Mann Chinas schwer belastet. Wen Jiabao, seit 1998 Vizepremier und seit 2003 Premier, hat demnach seiner Familie als Spitzenpolitiker exorbitanten Reichtum beschert. Insgesamt kontrolliert der Clan laut "New York Times" ein Vermögen von 2,7 Milliarden Dollar - gut versteckt hinter Scheinfirmen und dubiosen Offshore-Finanzvehikeln.

Der Artikel ist voller erdrückender Beweise - und wurde in Rekordzeit aus dem chinesischen Internet zensiert. Um 4.34 Uhr Pekinger Zeit war der Text auf der amerikanischen Seite der "New York Times" online; als die chinesische Seite der Zeitung drei Stunden später eine Übersetzung ins Netz stellte, waren bereits beide Seiten komplett blockiert - dazu die offiziellen Seiten der Zeitung in den Mikroblogs der Firmen Tencent und Sina.

In den Mikroblogs, die je mehrere Hundert Millionen Nutzer haben, waren obendrein nicht nur, wie üblich, die Namen von Parteigrößen wie Wen geblockt, sondern auch die Namen von Wens Frau, Zhang Beili, seines Sohnes, Wen Yunsong, sowie die Suchwörter "New York Times" und "NYT". Die Suchmaschine Baidu, die in China gut 90 Prozent Marktanteil hat, filtert ebenfalls fleißig Verweise auf die Geschichte, selbst einige Seiten mit allgemeinen Informationen über Wen sind inzwischen verschwunden.

Die Turbozensur wirkte. Die "New York Times"-Geschichte konnte sich auf anderen Web-Seiten kaum verbreiten, ehe sie wieder aus dem Internet verschwand. Die meisten Chinesen werden sie wohl nie zu Gesicht bekommen. Gleichzeitig zeigt die aggressive Reaktion aber auch, wie stark die Kommunistische Partei unter Druck steht.

Chinas Führungselite hat ein wachsendes Reputationsproblem. Und ausgerechnet jetzt, da die Neubesetzung des Politbüros und zahlreicher Spitzenämter ansteht, ein Machtwechsel, wie China ihn nur alle zehn Jahre erlebt, ausgerechnet jetzt, da die Partei nichts dringender braucht als Vertrauen in die Integrität ihrer angehenden Führer, jagt in der ausländischen Presse ein Korruptionsvorwurf den nächsten.

Die Partei als Geiselnehmer der Gesellschaft

Die Skandal-Stafette begann mit Bo Xilai, dem Ex-Parteichef der 32-Millionen-Menschen-Metropole Chongqing. Anfang des Jahres noch hatte der 63-Jährige große Chancen, in den engsten Führungszirkel der Partei einzuziehen: den ständigen Ausschuss des Politbüros, in dem die neun mächtigsten Männer der Landes sitzen, darunter Präsident Hu Jintao und Wen. Mittlerweile hat Bo all seine Ämter verloren und muss sich bald vor Gericht wegen Korruption und Amtsmissbrauchs verantworten.

China-Beobachter sehen hinter Bos Niedergang auch ein Ränkespiel in der Spitze der Partei. Auf jeden Fall muss sich die KP seit Bo dem Vorwurf stellen, bis in ihre Spitze hinein von Politikern durchdrungen zu sein, denen die eigene Karriere und Vorteile wichtiger sind als das Wohl der Bevölkerung. Politiker, denen Intellektuelle wie der Soziologieprofessor Sun Liping von der Tsinghua Universität vorwerfen, sie würden Gesellschaft und Wirtschaft "in Geiselhaft halten", um sich selbst zu bereichern.

Auf dem Parteikongress am 8. November wollte die KP eigentlich reinen Tisch beim Thema Korruption machen, sagen Beobachter. "Sie wollte den Fall Bo zur Erfolgsgeschichte der Selbstdisziplinierung stilisieren", sagt ein PR-Berater, der bisweilen mit dem Presseteam von Hu und Wen zusammenarbeitet. "Bos Bestrafung als Lehrstück, dass die Kontrollprozesse der Partei funktionieren." Gerade hat die KP Bo aus dem Volkskongress geworfen. Die Art, wie man ihn isoliert, wird von manchen als Signal gewertet, dass die Partei alle Korruptionsvorwürfe zusammen mit Bo loswerden will.

Nach der Geschichte der "New York Times" wird das schwieriger. Denn mit Wen muss sich nun nicht nur ein langjähriges Mitglied aus dem ständigen Ausschuss des Politbüros dem Verdacht der Vorteilsannahme stellen - sondern ausgerechnet jener Parteistar, der sich wie kein Zweiter als Mann des Volkes geriert. Wens Mutter war eine einfache Lehrerin, der Vater wurde unter Mao gezwungen, Schweine zu hüten. "Meine Familie war extrem arm", sagte der Premier vergangenes Jahr in einer Rede. Vergangenen Monat hielt er ein flammendes Plädoyer zur Bekämpfung der Armut.

Nun legt die "New York Times" offen, wie die Vermögen von Wens Eltern, seines Sohnes, seiner Tochter, seines jüngeren Bruders und seines Schwagers exorbitant gewachsen sind, seit er an der Macht ist. Allein im Namen von Wens 90-jähriger Mutter Yang Zhiyun wurden demnach Investments in Höhe von insgesamt 120 Millionen Dollar getätigt. Es ist unklar, wie viel Wen von den Deals seiner Familie wusste, doch durch den Artikel steht er nun im Verdacht, zumindest billigend in Kauf genommen zu haben, dass seine Verwandten die Macht des Familienpatriarchen ausnutzen, um sich zu bereichern.

Künftiger Präsident im Zwielicht

Zudem ist es bereits das zweite Mal in kurzer Zeit, dass China wegen Korruptionsvorwürfen zum Zensur-Hammer greifen muss. Erst kürzlich sorgte der Finanzdienst Bloomberg mit einer ganz ähnlichen Geschichte über den künftigen Präsidenten Xi Jinping für Aufsehen.

Auch Xi präsentiert sich gern bescheiden. Als er 2007 Parteichef von Shanghai wurde, verzichtete er auf das Angebot, in eine Villa im französischen Viertel zu ziehen und suchte sich ein bescheidenes Apartement. Und statt im Sonderzug reiste er im Minivan durchs Land. Dann aber berichtete Bloomberg über die Firmenanteile, die Xis Schwester besitzt. Gesamtwert: gut 390 Millionen Dollar. Und über einen 160 Millionen Dollar schweren Auftrag zum Bau einer Brücke, den die Firma von Xis Schwager unter mysteriösen Umständen ergatterte.

Die englischsprachige Webseite von Bloomberg ist bis heute in China gesperrt. Auch diese Geschichte haben die meisten Chinesen wohl nie gelesen. International aber steht die KP nach den Enthüllungen über Xi und Wen äußerst schlecht da. Wie lässt sich erklären, dass die Familien der mächtigsten Männer des Landes regelmäßig große Besitztümer anhäufen? Warum nehmen die Mächtigen zu den Vorwürfen gegen sie nicht Stellung? Warum machen sie problematische Geschäfte nicht selbst transparent?

Zumindest im Ausland ist es nun wohl unmöglich, Bo Xilai als Anomalie in einem sonst funktionierenden System darzustellen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 71 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. optional
KrC 26.10.2012
Tja, da sieht man mal wieder warum bei uns in Deutschland bzw. in der EU die Zensurbestrebungen so massiv vorangetrieben werden. Wer wäre da nicht noch alles im Amt wenn man nur das Internet zensieren könnte! Guttenberg, Wulff und und und und könnten weiter schalten und walten wie sie wollten und kein nerviges Volk würde darüber informiert werden..... Aber keine Angst, irgendwann werden auch hier die Bestrebungen fruchten. Sei der Grund dann Kinderpornographie, Glücksspiel, Jugendschutz oder sonst irgendeine dumme Ausrede für den Wunsch nach der Herrschaft ohne nennenswerten Widerstand.
2. Aufruf ohne Provokation
Random81 26.10.2012
Die restliche Welt ist durch die verbesserte Vernetzung von Informationen und Daten drauf und dran zu erkennen, wie die westliche Welt "deep down inside" über alle anderen "Konkurrenten" denkt und argumentiert. Diese Erkenntniss ist nicht neu in den intellektuellen Zirkeln, jedoch erreicht es einen neuen Grad bei der Aufnahme von Informationen der restlichen Gesellschaft. Im Moment wird es zu deutlich, dass die schulisch-akademischen Erkenntnisse und Lehren bezüglich "Propaganda und mediale Diffarmation" intensiv gerade von "unseren Journalisten" betrieben wird. Die einzige Tatsache, die dazu führt uns selbst als "fortschrittlicher" zu bezeichnen hinsichtlich differenzierter und gehaltvollere Darstellungen zu bezeichnen ist...ACHTUNG...die selbsternannte Verleihung und selbsternannte Bestätigung, dass westliche Medien weniger korrupt und weniger abhängig sind. Ich bin angewidert vor so viel SELBSTbeweihräucherung bei paralellen Fingerzeigen auf andere Problemzustände in weit entfernten Ländern. Ich als junger Mensch Anfang 30 dachte dieser Zustand sei partiell und ausnahmenhaft. Als interessierter genauer Beobachter muss ich gestehen...wenn wir nicht bald aufwachen haben wir bald "Utopia" oder "brave new world" oder womöglich haben wir uns so intensiv selbst verklärt, dass man zu einen zukünftigen Zeitpunkt ganz ganz, ich wiederhole GANZ, dumm aus der Wäsche guckt, wenn man mit Realitäten "face to face" konfrontiert wird. Herzlichen Glückwunsch!!
3. Dieser Bericht...
seoul 26.10.2012
Zitat von sysopChinas KP will beim baldigen Parteitag zum Kampf gegen Korruption aufrufen. Doch nun berichtet die "New York Times" über ein Milliardenvermögen der Familie von Premier Wen. Mit radikaler Zensur hält die Regierung dagegen. China zensiert gegen den Vertrauensverlust an - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/china-zensiert-gegen-den-vertrauensverlust-an-a-863687.html)
müsste von nahezu allen großen Tageszeitungen auch in Chinesisch grdruckt werden, dann müßten die Internet Wachhunde in Peking alle ausländischen Seiten sperren. Wenn das dann so weiter geht, wird China wieder ein eremitendasein führen. Gute Nacht China... Ich glaube auch, dass sicherlich 80% der Bevölkerung erkennt, wie korrupt seine PolitbüroPrinzlinke sind und die KP CHINA dazu.
4.
BlakesWort 26.10.2012
China hat in seiner Geschichte eine Rolle rückwärts gemacht, das war bereits seit längerem ersichtlich. Wie zu Kaisers Zeiten gibt es wieder einige mächtige Familien, die die Städte und Industriezweige untereinander aufteilen und die arme Bevölkerung zum Frondienst zwingen.
5. Die meisten Chinesen
ongduc 26.10.2012
wissen, dass die führenden korrupten Familien so reich sind. Es herrscht aber ein kollektiver Zwang, so zu tun, als wisse man es nicht bzw. als stimme es nicht. Und dem folgen hier die Zensurbehörden. Niemand sagt, dass der Kaiser nackt ist. In abgeschwächter Form gibt es dies auch bei uns z.B. im Zusammenhang mit Religion.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Wen Jiabao
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 71 Kommentare
Fotostrecke
Chinas Premier: "Opa Wen" und die Milliarden

Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1341,335 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | China-Reiseseite

Fotostrecke
Chinas neuer starker Mann: Xi Jinping ist wieder da