Chinas 60. Staatsjubiläum Vorwärts in die Vergangenheit

Atomraketen, Kampfjets und ein Marsch mit Tausenden Soldaten: Mit einer gigantischen Militärparade will die Volksrepublik China ihren 60. Gründungstag feiern. Doch eigentlich blicken die KP-Führer nur 30 Jahre zurück - die erste, dunkle Hälfte klammern sie lieber aus.

REUTERS

Von , Peking


Die Worte sind groß, die Worte sind edel: Dieses Ereignis werde "das positive Image Chinas als ein Land demonstrieren, das eine friedliche Entwicklung anstrebt" und gleichzeitig "das Selbstbewusstsein und den Stolz der chinesischen Nation" fördern.

Das sagt Guo Zhigang. Der Mann ist Senioroberst und mitverantwortlich dafür, dass bei der großen Militärschau am Donnerstag in Peking, dem 60. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China, alles wie am Schnürchen läuft.

Mehr als 5000 Soldaten aller Truppenteile der Volksbefreiungsarmee werden am Morgen über die Straße des Ewigen Friedens marschieren, Panzer und Haubitzen werden an der KP-Führung vorbeirollen, über die Innenstadt 150 Kampfflugzeuge und Hubschrauber donnern.

Wir sind stark, mit uns muss man rechnen, lautet die Botschaft Chinas an die Welt. Die Armee präsentiert unter anderem wohl Langstreckenraketen vom Typ Ostwind 31A, die mit Atomsprengköpfen bis nach Washington fliegen könnten. Zudem wird das Militär Raketen vom Typ Ost-See10 vorführen - jene Geschosse, die an der Küste gegenüber Taiwan stationiert sind.

Fotostrecke

9  Bilder
Im Gleichschritt: Chinas aufwendige Geburtstagsshow
Seit Monaten wird geprobt, der Marsch soll wie eine "Stahlplatte" aussehen, sagt Oberst Guo. Für alle Soldaten, lautet die Devise, ist die Teilnahme eine "heilige Mission". Der Chef der Kommunistischen Partei (KP) Hu Jintao wird die Parade abnehmen. Da Chinas Truppe nicht der Regierung oder dem Parlament untersteht, sondern der KP, ist er als Vorsitzender der Militärkommission auch Oberbefehlshaber. "Dem Volke dienen", werden die Soldaten ihm entgegenrufen. Hinter den Soldaten ziehen rund 100.000 ausgesuchte Bürger, viele davon Schüler und Studenten einiger Pekinger Hochschulen. Die KP hat sie am patriotischen Portepee gepackt, für die Proben mussten sie auf die Semesterferien verzichten.

Die Hauptstadt gleicht einer Festung

Abends tanzen und singen Künstler in einer großen Gala auf dem Platz des Himmlischen Friedens vor ausgesuchten Gästen. Das Feuerwerk wird sogar noch prachtvoller als das bei den Olympischen Spielen, kündigten die Veranstalter an. Kritiker fürchten mittlerweile, dass der große Vorbeimarsch der Soldaten und Massen am Vormittag zu stark an die Paraden im Nachbarland Nordkorea erinnert und nicht das neue China symbolisiert. "Lang leben die Gedanken von Mao Zedong", wird eine Parole lauten.

Die Pekinger Bevölkerung allerdings darf die Straße des Ewigen Friedens nicht säumen. Die Paradestrecke wird am 1. Oktober weiträumig abgesperrt - aus Sicherheitsgründen, wie es heißt.

Feststagsstimmung hat sich unter den Pekingern bislang nicht ausgebreitet, eher Beklommenheit. Viele Bürger wundern sich über die Sicherheitsphobie ihrer Führer. Die KP hat die Hauptstadt in den vergangenen Tagen in eine Art Ausnahmezustand versetzt. Mit Gewehren bewaffnete Polizisten wachen an Straßenkreuzungen im Zentrum Pekings, an einigen Stellen sind Schützenpanzer aufgefahren. Auf Fußgängerbrücken stehen Milizionäre. Zusätzliche Elitetruppen der Bewaffneten Volkspolizei wurden in die Hauptstadt beordert.

Freiwillige, meist Rentner, hocken in gelben Hemden und roten Kappen vor ihren Wohnhäusern, um Verdächtiges sofort melden zu können. Um Demonstranten und Bittsteller abzuwehren, werden die Zufahrtsstraßen streng kontrolliert. Die Nachbarprovinzen Pekings sollen einen "Verteidigungsgraben" um die Hauptstadt bilden, lautet der Befehl. Wie schon zu den Olympischen Spielen im vorigen Jahr liefert die Post keine Flüssigkeiten wie Shampoos aus.

Terroristische Angriffe werden befürchtet

Ausländische Diplomaten und Journalisten wurden in ihren Wohnvierteln angewiesen, vom Nachmittag des 30. September bis nach dem Ende der Parade am 1. Oktober keine Gäste zu empfangen. Das gilt sogar für Quartiere, die weit von der Paradestrecke entfernt liegen. Anwohner dürfen das Spektakel nur durch das geschlossene Fenster beobachten, das Betreten der Balkone ist verboten. In einigen Gebäuden wurden die Fenster versiegelt.

Während der Parade dürfen keine Drachen und Luftballons in den Himmel steigen. Der Flugverkehr über der Hauptstadt wird am Donnerstagmorgen für einige Stunden eingestellt. Dafür werden 60.000 Friedenstauben der offiziellen Taubenvereine freigelassen. Mehr als tausend Kilometer entfernt auf dem Jangtse müssen Schiffe mit explosiver Fracht vor Anker gehen: Sie dürfen den Drei-Schluchten-Damm nicht passieren.

Der Befehl der Führung an Polizei und Militär lautet, ein "stabiles und friedvolles Umfeld" für das Fest zu schaffen und sich gleichzeitig auf das "Schlimmste vorzubereiten". Nach den Unruhen in der muslimischen Region Urumqi fürchtet die KP offenkundig Angriffe von Terroristen.

Schon in den vergangenen Wochen bestimmte der Jahrestag Pekings Alltag und die Kultur des ganzen Landes. Dabei übte sich die Partei-Propaganda im Jubel über die Errungenschaften, Selbstreflexion war nicht erwünscht. Tenor: Unter der KP geht es den Chinesen so gut wie nie zuvor. Millionen Menschen wurden aus der Armut geholt, noch nie hätten die Bürger so viele Freiheiten genossen. Über die Misserfolge schweigen die Regenten lieber, vor allem über die blutigen Kampagnen Mao Zedongs, die in den ersten drei Jahrzehnten der Volksrepublik Millionen Menschen das Leben kosteten.

Die Geschichte aus Sicht der Mächtigen

Den Feiertag will die KP nutzen, um dem Volk zu zeigen, dass nur sie und keine andere politische Kraft China zu neuer Größe und den Bürgern zu einem "kleinen Wohlstand" verhelfen kann.

Das bewies zum Beispiel die Ausstellung "60 Jahre chinesische schöne Künste " in der Pekinger Nationalgalerie. Sie zeigte viel Mao, viele glückliche Arbeiter und Bauern, viele Stillleben und noch mehr Landschaft. Sozialkritische oder gar jene Werke, mit denen Chinas Künstler in jüngster Zeit auf internationalen Auktionen Millionen verdienten, präsentieren die Veranstalter nur wenige.

Immerhin: Zwei Gemälde mit Motiven aus der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 (Losung: "Bombardiert das Hauptquartier") hingen an der Wand: Gao Xiaohua malte erschöpfte und verwundete Rotgardisten neben einem Maschinengewehr, Patronenhülsen liegen auf den Asphalt. Titel: "Warum?" Sein Kollege Cheng Conglin brachte die Szenerie nach einer Kampfsitzung auf die Leinwand. Barfuß müssen die blutig geschlagenen und gedemütigten jungen Opfer in den Schnee, einige ihrer Rivalen lachen. Bürger schauen entsetzt auf das Geschehen. Der Künstler nannte sein Bild "1968, ein Monat, ein Schneetag".

Der große Film zum Fest darf selbstverständlich auch nicht fehlen: "Aufbau der Republik" heißt das Werk, das derzeit in fast allen Kinos läuft. Es zeigt den Bürgerkrieg zwischen Kommunisten Maos und den Nationalisten Chiang Kai-sheks. Dutzende von Stars, darunter Diva Zhang Ziyi, haben sich angeblich danach gedrängt, ihre patriotische Pflicht erfüllen und mitwirken zu dürfen, sei es nur für wenige Sekunden.

Gleichwohl ist der Streifen eine dröge Angelegenheit, denn er erzählt die Geschichte nur aus der Sicht der Mächtigen - und die haben viel zu reden und nachzudenken. Eine kleine Sensation enthält er aber doch: In einer Szene lehnt Mao völlig betrunken an einer Wand, während seine Genossen die "Internationale" grölen - so haben die Chinesen ihren Führer noch nie gesehen. Am Donnerstag werden sie an ihm vorbei defilieren. Maos Bild hängt an der Mauer der Verbotenen Stadt. Vor wenigen Tagen wurde es erneuert.



insgesamt 624 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
R.Socke 04.06.2009
1.
Zitat von sysopAuch 20 Jahre nach dem Tiananmen-Massaker haben die Bemühungen um Demokratie in China wenig Fortschritte gemacht. Sollte der Westen mehr Druck ausüben?
Womit soll "der Westen" denn Druck ausüben ? Sollen die USA drohen, daß China keine US Staatsanleihen mehr kaufen darf ?
kdshp 04.06.2009
2.
Zitat von sysopAuch 20 Jahre nach dem Tiananmen-Massaker haben die Bemühungen um Demokratie in China wenig Fortschritte gemacht. Sollte der Westen mehr Druck ausüben?
Hallo, was für eine frage ! JA natürlich muss hier mehr druck gemacht werden und das nicht nur wegen des Tiananmen-Massakers. Also da wo möglich ist boykottiere ich solche länder die massiv gegen menschenrechte verstoßen.
Medman 04.06.2009
3. Was für eine Frage
ja natürlich muss mehr Druck auf China ausgeübt werden. Hut ab vor den USA, die sich "trauen" gegen die Regierung des "so wichtigen chinesischen Marktes" endlich mal die Wahrheit auszusprechen. In Deutschland ist dazu ja niemand im Stande. Auf der anderen Seite ist es schon etwas zu spät dafür. Nachdem das Olympische Komitee in dieser Diktatur Olympische Spiele ausrichten lies, mit der Hoffnung in China würde "vieles besser", hat man letzten Endes diese Diktatur geadelt. Das schlimme daran ist - es gibt kaum Wege privat gegen China Druck auszuüben, in dem man z.b. keine Produkte kauft, die in China gefertigt wurden - nahezu alle Komponenten in modernen PC's haben ihre Fertigungslinien in China, also bleibt nur das die führenden Politiker der Welt aufstehen und an diesen Tag erinnern - wenn es schon die UN nicht fertig bringt (zumindest die Generalversammlung könnte entsprechend reagieren, den Sicherheitsrat können die Chinesen ja jederzeit blockieren). Schöne Grüße Medman
eigentlicher_Schwan 04.06.2009
4.
Zitat von sysopAuch 20 Jahre nach dem Tiananmen-Massaker haben die Bemühungen um Demokratie in China wenig Fortschritte gemacht. Sollte der Westen mehr Druck ausüben?
Jetzt wird den Chinesen auch die Email blockiert. Neben Youtube und vielen anderen wird auch das bei Chinesen sehr beliebte Portal hotmail.com geblockt. Das ist ein tiefgreifender Eingriff in das Leben Chinas Bürger. Anscheinend will die Regierung ihre Untertanen mit Haut und Haar. Die Zivilgesellschaft sollte sicher mehr Druck ausüben, auch auf die, die hüben die Dinge schönreden. Aber letztendlich ist es die Sache der Chinesen selbst. Staatsanleihen sollte man ihnen nicht verkaufen. Höchstens zinslose... ;-)
viceman 04.06.2009
5. oh, das kann ja
Zitat von kdshpHallo, was für eine frage ! JA natürlich muss hier mehr druck gemacht werden und das nicht nur wegen des Tiananmen-Massakers. Also da wo möglich ist boykottiere ich solche länder die massiv gegen menschenrechte verstoßen.
jeder machen wie er will, aber dann gibt es wenig sachen, die sie kaufen können.....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.