Chinesischer Dissident: Chen beklagt Festnahme von Familienmitgliedern

"Sie haben angefangen, Rache zu nehmen": Die Sicherheitskräfte in China gehen nun gegen Angehörige und Helfer von Chen Guangcheng vor. Der blinde Bürgerrechtler erklärte, sein Neffe, eine Schwägerin und ein Helfer seien festgenommen worden. 

Blinder Dissident Chen (mit Sonnenbrille, am 2. Mai): "Familie in größter Sorge" Zur Großansicht
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Blinder Dissident Chen (mit Sonnenbrille, am 2. Mai): "Familie in größter Sorge"

Peking - In der Affäre um Chen Guangcheng hat das chinesische Regime Vergeltungsaktionen gegen Angehörige und Helfer des blinden Bürgerrechtlers gestartet. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters erklärte Chen, zwei Familienmitglieder seien festgenommen worden. "Sie haben angefangen, Rache zu nehmen", so Chen.

Sicherheitskräfte hätten einen seiner Neffen und eine Schwägerin verhaftet, erklärte Chen zusammen mit seinem Anwalt in einem Krankenhaus in der Hauptstadt Peking. Allerdings könnte die Schwägerin inzwischen bereits wieder auf freiem Fuß sein. Genaue Informationen erhalte er kaum.

"Meine Familie ist in größter Sorge", sagte der Freiheitskämpfer, der nur sporadisch Kontakt zu den Angehörigen in der Shandong-Region herstellen kann. Vor allem das Schicksal seines Neffen Chen Kegui sei ungeklärt. Dieser soll ein Küchenbeil erhoben haben, als Sicherheitskräfte auf der Suche nach dem geflohenen Chen Guangcheng sein Haus gestürmt hatten.

Die restlichen Mitglieder seiner Familie seien zwar frei, würden aber immer wieder bedroht und eingeschüchtert, so Chen Guangcheng. Von den Behörden gibt es derzeit keine Stellungnahme.

Doch nicht nur Angehörige, sondern auch Unterstützer Chens geraten in das Visier der chinesischen Sicherheitsbehörden. You Minglei, ein Helfer des Bürgerrechtlers, ist ebenfalls festgenommen worden. Der Vorwurf gegen ihn lautet "Untergrabung der Staatsgewalt", wie sein Vater am Donnerstag telefonisch der Nachrichtenagentur dpa in Peking berichtete.

Vater: Haftbefehl kommt später

You Minglei habe Flugblätter unter anderem mit der Aufschrift "Lehne Kommunismus ab und liebe dein Land" sowie Forderungen nach Demokratie und Freiheit verteilt. Die Polizei kündigte an, dem Vater den formellen Haftbefehl später geben zu wollen.

Die Flugblattaktion geschah Ende April an einer Universität in Nanchang, der Hauptstadt der Provinz Jiangxi, wie die in den USA ansässige Menschenrechtsorganisation Human Rights in China (HRiC) berichtete. Darin wurde auch auf das Gedicht "Es ist an der Zeit" des Bürgerrechtlers Zhu Yufu verwiesen, der vor einem Jahr als Reaktion auf den Arabischen Frühling zu Demonstrationen für demokratische Reformen in China aufgerufen hatte. Er wurde im Februar zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Der festgenommene You Minglei ist ein ehemaliger Soldat, der zuletzt als Bankangestellter in Nanchang arbeitete. Er engagiert sich für soziale Anliegen wie die Rechte von HIV-Infizierten und plädiert für politische Reformen. Nach Angaben von HRiC hatte er selbst ebenfalls Flugblätter verteilt, um Unterstützung für den damals noch unter Hausarrest stehenden blinden Aktivisten Chen Guangcheng zu sammeln.

"Ich bin nicht frei"

Chen war vor zwei Wochen aus dem Hausarrest entkommen und hatte in der Pekinger US-Botschaft Zuflucht gesucht. Am Mittwoch hatte er die Botschaft verlassen, seitdem hält er sich in einem Pekinger Krankenhaus auf. Er verkündete, in die USA ausreisen zu wollen.

Nachdem der Dissident die Obhut der Amerikaner verlassen hatte, stellte die Führung in Peking Chen Garantien aus, er würde als normaler Bürger behandelt. Im Interview mit dem SPIEGEL sagte Chen, er vertraue den Garantien seiner Regierung nicht: "Es gibt so viele Unsicherheiten für mich", sagt er, "ich bin nicht frei."

Der Fall Chen hat eine diplomatische Krise zwischen den USA und China ausgelöst. Die Regierung in Peking kritisierte mit scharfen Worten, dass die Amerikaner Chen sechs Tage lang in der Botschaft aufgenommen hatten. Das Vorgehen der USA bedeute eine Einmischung in Chinas innere Angelegenheiten, hieß es in Peking.

jok/Reuters/dpa

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Ein Chinese
Hinrich7 10.05.2012
mehr oder weniger. Chinesische Staatsführung ohne Skrupel, ihren Versprechungen glauben nur die Narren. Der Glaube an die unbeschränkte Macht ist ungebrochen, empfehle mal tibet.net zu lesen. Unsere westlichen Politiker glauben ja mehr an das Geld und Wirtschaft - noch.
2. ...
deus-Lo-vult 10.05.2012
Zitat von sysopAP"Sie haben angefangen, Rache zu nehmen": Die Sicherheitskräfte in China gehen nun gegen Angehörige und Helfer von Chen Guangcheng vor. Der blinde Bürgerrechtler erklärte, sein Neffe, eine Schwägerin und ein Helfer seien festgenommen worden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,832396,00.html
Na, die Regierung versprach ihm doch, ihn wie jeden normalen Bürger auch zu behandeln! Sie hat ihr Versprechen gehalten. Oder hat irgendjemand geglaubt, dass Herr Chen im Sinne rechtsstaatlicher Kriterien behandelt werden würde?
3. ..........
janne2109 10.05.2012
Zitat von Hinrich7mehr oder weniger. Chinesische Staatsführung ohne Skrupel, ihren Versprechungen glauben nur die Narren. Der Glaube an die unbeschränkte Macht ist ungebrochen, empfehle mal tibet.net zu lesen. Unsere westlichen Politiker glauben ja mehr an das Geld und Wirtschaft - noch.
wer hat Ihnen denn gesagt an was die westlichen Politiker wirklich glauben???
4. Und wöchentlich grüßt das Murmeltier
Litajao 10.05.2012
Zitat von sysopAP"Sie haben angefangen, Rache zu nehmen": Die Sicherheitskräfte in China gehen nun gegen Angehörige und Helfer von Chen Guangcheng vor. Der blinde Bürgerrechtler erklärte, sein Neffe, eine Schwägerin und ein Helfer seien festgenommen worden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,832396,00.html
Chen meldet sich wieder und weiß alles, was so bei den Sicherheitskräften und Geheimdiensten passiert. Die Sicherheitskräfte haben bestimmt eine On-Line-Verbindung zu Chen und/oder seinen Beratern, um ihn über Alles zu informieren, auch dass sie die Schwägerin wieder frei gelassen haben, usw. usw. Chen, der "Freiheitskämpfer" der vor kurzem noch ein Anwalt, dann ein Barfuss-Anwalt, denn ein Bürgerrechtler war, hat wohl lange nichts mehr von sich gehört und gibt nun neue Interviews, vor allem wenn er mitbekommt, dass ihm der "Bandscheibenvorfall von der Ukraine, Timoschenko," das Wasser abgräbt, viel mehr wie er in den Medien erscheint. Also wem diese Farce hilft, wer sich einen Nutzen davon verspricht, weiß ich nicht. Auch würde mich mal interessieren, wer denn die korrekt gekleideten westlichen Herren im Hintergrund sind. Sind diese Herren von der Botschaft der USA, oder sind das nur seinePR-Berater?
5. Recht und Gerechtigkeit
MiniDragon 10.05.2012
Zitat von deus-Lo-vultNa, die Regierung versprach ihm doch, ihn wie jeden normalen Bürger auch zu behandeln! Sie hat ihr Versprechen gehalten. Oder hat irgendjemand geglaubt, dass Herr Chen im Sinne rechtsstaatlicher Kriterien behandelt werden würde?
"rechtsstaatliche Kriterien" Ein sehr dehnbarer Begriff . Es kommt immer darauf an was wo rechtens ist. Und die Tatsache dass Recht überall und schon immer herzlich wenig mit Gerechtigkeit zu tun hat, macht die Sache auch nicht einfacher.
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