Chinas Rolle in Burma "Lieber den bekannten Teufel als den unbekannten Beelzebub"

Ohne China geht in Burma nichts - aber Peking möchte am Status quo im Nachbarland nichts geändert haben. Welche Interessen die KP-Führung dort wahren möchte, beschreibt China-Experte Eberhard Sandschneider im Interview mit SPIEGEL ONLINE.


SPIEGEL ONLINE: Ist eine Lösung des Burma-Konflikts ohne China möglich?

Sandschneider: Nein, mit Sicherheit nicht. Burma ist für China sicherheitspolitisch und ökonomisch von zentraler Bedeutung. Natürlich haben auch Indien und Thailand Interessen in der Region, aber die sind nicht mit denen Pekings zu vergleichen.

SPIEGEL ONLINE: Welches politische Interesse hat China in seinem Nachbarland?

Sandschneider: In erster Linie braucht Peking Stabilität in Burma. Burma ist das chinesische Tor zum Indischen Ozean, das ist militärisch wie ökonomisch relevant. Dann gibt es die Energiequellen. Und gerade für die südwestlichen chinesischen Provinzen, die vom wirtschaftlichen Aufschwung im Land abgehängt zu werden drohen, ist Burma als Handelspartner enorm wichtig. Auf der anderen Seite kann Peking die negativen Schlagzeilen aus Burma nicht gebrauchen, weil die auf China zurückfallen. Das ist ein Dilemma.

SPIEGEL ONLINE: China fürchtet um seinen Ruf?

Sandschneider: In gewisser Weise schon. Als Ausrichter der Olympischen Spiele möchte China nicht ein weiteres Mal mit einem Unrechtsregime assoziiert werden, so wie es zuletzt mit dem Sudan geschah.

SPIEGEL ONLINE: Was könnte China schlimmstenfalls passieren?

Sandschneider: Ein Boykottaufruf der Olympischen Spiele wäre ein erheblicher Imageschaden für China …

SPIEGEL ONLINE: … aber ernsthaft scheint den niemand zu erwägen - und das weiß man in Peking auch. Fühlt sich China nicht ziemlich unangreifbar?

Sandschneider: Das kann man so sehen, ja. Ganz egal ist der Staatsführung Chinas Bild in der westlichen Welt dennoch nicht. Dazu kommt noch etwas anderes: Bilder von protestierenden Mönchen will man in Peking nicht haben, insbesondere mit Blick auf die Probleme mit Tibet. Deshalb ist die aktuelle Berichterstattung aus Burma in den chinesischen Medien auch minimal.

SPIEGEL ONLINE: Steuert Peking die Politik der Militärjunta?

Sandschneider: Da wäre ich vorsichtig. Der Einfluss ist groß, aber ähnlich wie in Nordkorea heißt das noch lange nicht, dass China alle Fäden in der Hand hält. Das ist sehr undurchsichtig. Klar scheint aber angesichts der Politik der vergangenen Jahrzehnte, dass man lieber weiter mit der Militärjunta zu tun hat als mit irgendwelchen demokratischen Kräften. Nach dem Motto: Lieber den bekannten Teufel als den unbekannten Beelzebub.

SPIEGEL ONLINE: Der Westen fordert neue Sanktionen. Abgesehen von der Wirksamkeit - sind die denn wasserfest?

Sandschneider: Die Antwort ist wie immer: Nein. Weil sich neben China auch Indien und Thailand nicht daran halten. Und es gibt offenbar auch das eine oder andere westliche Unternehmen, das über bestimmte Kanäle Beziehungen nach Burma pflegt. Und deshalb ist die Uno da sehr hilflos. Von der Symbolik abgesehen hat das Thema in den letzten Jahren doch auch niemanden ernsthaft interessiert. Das einzig wirklich Wirksame wäre wohl eine militärische Intervention, aber über die redet keiner und in der Sache ist sie auch ausgeschlossen. Dazu kommt: Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die Militärjunta Burmas irgendwie immer noch in der Lage ist, genügend aus ihrer Bevölkerung herauszupressen. Und das Volk leidet umso mehr.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Prognose für die nächsten Tage?

Sandschneider: China hofft darauf, dass sich die Lage in Burma rasch klärt, ohne großes Blutvergießen. Und dass sich die Welt dann schnell wieder einem anderen Thema zuwendet und Burma vergisst.

Das Gespräch führte Florian Gathmann



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