Chinas neue Bosse: Xi, Li und viele Zungenbrecher

Von Andreas Lorenz

China läutet mit dem Parteitag der KP den Machtwechsel ein. Auf Generalsekretär Hu soll sein bisheriger Vize Xi Jinping folgen, und auch andere Mitglieder an der Spitze der Kommunisten werden ausgetauscht. Doch wie spricht man die Namen der neuen Bosse aus? Ein kleiner Kurs in Phonetik.

KP-Parteitag: Chinas neue Machtelite Fotos
REUTERS/ Xinhua/ Wu Xiaoling

Man stelle sich vor, US-Präsident Barack Obama würde von einem chinesischen Staatsgast wie ein ehemaliger deutscher Fußballstar angeredet werden: "Ballack". Oder aus Kanzlerin Angela Merkel würde eine Angela "Murkel" oder gar Angela "Ferkel" werden.

Chinesische Funktionäre, und nicht nur die, erleben dies bei ihren Reisen nach Deutschland und anderswohin ständig: Ihre Namen werden falsch ausgesprochen, weil Ausländer nicht mit der chinesischen Phonetik klarkommen. Scharen von Politikern auf Besuch im Reich der Mitte stapfen durch Fettnäpfe, die Gastgeber nehmen es lächelnd hin. Wer kann schon chinesische Zeichen lesen, von denen es rund 50.000 gibt? Die Umschrift ins Lateinische verwirrt ebenso.

Am Ende des 18. Parteitags der KP wird das Zentralkomitee jene Männer und Frauen (wenn es denn eine schafft) bestimmen, die im Politbüro und seinem Ständigen Ausschuss sitzen werden, dem Zentrum der Macht in China. Entschieden wird die Vergabe der Posten hinter verschlossenen Türen, das Volk darf nur das Ergebnis wissen. Aber soviel scheint festzustehen: Von den derzeit neun Mitgliedern des Ständigen Ausschusses werden sieben Funktionäre ausscheiden, nur Vizepräsident Xi Jinping und Vizepremier Li Keqiang bleiben.

Ausflug ins Reich der phonetischen Peinlichkeiten

Deshalb ein wenig Aussprache-Nachhilfe, damit aus dem "X" im Namen des künftigen Parteichefs nicht ein "icks" wird. Etwas Grundsätzliches vorweg: Die Chinesen nennen ihren Nachnamen zuerst: Der bisherige Staats- und Parteichef heißt also mit Nachnamen Hu und mit Vornamen Jintao.

Zurück zur Aussprache. Fangen wir mit Hus Nachfolger Xi Jinping an. Das "X" am Anfang ist verwirrend, darf aber nicht so gesprochen werden, wie wir Deutschen es gewöhnt sind. Um auf die richtige Version zu kommen, ist das deutsche Wort "ich" hilfreich. Streichen wir den ersten Buchstaben, bleibt ein weiches "ch" - und das ist die richtige Aussprache des "X". Sein Familienname Xi klingt also wie "Chi".

Auch das "J" am Anfang des Vornamens unterscheidet sich von unserem "J". Wollen wir den neuen Obermandarin richtig nennen, muss aus dem "J" ein "Dsch" werden. Also: "Chi Dschinping". Damit kommen wir der richtigen Aussprache vom künftig mächtigsten Chinesen sehr nahe.

Neben dem verflixten "X" ist da noch das vermaledeite "Q", das des Chinesischen Unkundige ins Reich der phonetischen Peinlichkeiten treibt. Beispiel ist der vermutlich künftige Premierminister Li Keqiang: Das Li geht uns leicht über die Lippen, aber was machen wir mit dem "Q" in seinem Vornamen?

Das "Q" in der chinesischen Umschrift klingt wie das deutsche "tj". Chinas künftiger Premier wird mithin so genannt: "Li Ketjiang".

Problematisch ist auch der Name eines weiteren Funktionärs, der mit aller Wahrscheinlichkeit in den Ständigen Ausschuss aufrückt: Wang Qishan. Er wird "Wang Tjischan" ausgesprochen.

Ein Kandidat für den inneren Zirkel ist ein Mann namens Li Yuanchao. Das "Y" in seinem Vornamen sprechen wir wie "Yokohama" aus, das "ch" klingt wie ein "tsch". Demnach heißt der Mann richtig ausgesprochen: "Li Yuantschao".

Und was ist mit dem möglichen Aufsteiger Yu Zhengsheng? Aus dem "Yu" wird ein deutsches "ü", aus dem "Zh" ein "Dsch", und das "sh" kennen wir schon. Also: "Ü Dschengscheng".

Mit Wang Yang haben wir keine Probleme. Aber der Parteichef der südlichen Provinz Kanton, ursprünglich eine sichere Bank, rückt vielleicht gar nicht auf, weil er den Konservativen in der Partei mittlerweile zu reformfreudig gelten soll.

Übrigens: Den Namen "Kanton" würde in China niemand verstehen, denn die Provinz heißt auf Chinesisch "Guangdong". Damit nicht genug: Das "o" sollte wie eine Mischung aus "o" und "u" klingen, damit wären wir bei: "Guangdung".

Aber auch den Ort des 18. Parteitags Peking nennen die Chinesen anders: "Beijing", demnach - siehe oben - ausgesprochen "Beidsching". Übersetzt heißt dies "Nördliche Hauptstadt". Das alte Wort Peking stammt aus einer nicht mehr gebräuchlichen Umschrift.

Alles klar? Das neue Politbüro kann kommen.

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1.
h4n5p3t0r 13.11.2012
zungenbrecher?! na wenn das mal nicht rassismus vom allerfeinsten ist.. wäre ich chinese (oder rösler), würden mir doch glatt die stäbchen aus der hand fallen... ...vielen dank übrigens für die kommentarfunktion bei der spon-app! :)
2. Danke für diesen Artikel!
Alfons Emsig 13.11.2012
Informativ, verständlich, kurz und (hoffentlich) sachlich korrekt - und längst fällig, denn die halbwegs korrekte Aussprache von Orts- und Personennamen ist ein notwendiger erster Schritt, sich mit dieser neuen Weltmacht zu beschäftigen, meine ich. Weiterführende Links zur Vertiefung stünden diesem Online-Artikel allerdings gut zu Gesicht.
3. optional
radbab 13.11.2012
noch einfacher, aber nicht 100% korrekt - was aber fuer auslaender meist egal ist, weil selbst innerhalb Chinas werden sch laute manchmal zu s lauten, je nach region: x = sch, zh, q, ch = dsch. Damit liegt man in den meisten faellen richtig, besonders wenn der Taxi fahrer mal nicht weiss wo's hingeht weil man die Chinesische lautschrift Pinyin nicht beherrscht. Wer aber nach Hong Kong, Macau oder Taiwan reist kann das ganze wieder vergessen, dort wird das ganze wieder anders in die lateinische schrift uebersetzt.
4. Wenig hilfreich
MDen 13.11.2012
Es hat schon etwas Aberwitziges, wenn man hier mühsam die Aussprache der Übertragung in lateinische Buchstaben erklären muss. Mir ist keine Sprache bekannt, in der das genannte x wie ein "ch" ausgesprochen wird, alle größeren europäischen Sprachen sprechen es wie ein "ks" (im Portugisieschen ist es ein "sch"). Ich bin sehr dafür, dass man sich bemüht, Namen richtig auszusprechen. Und ich sehe auch einen Vorteil, wenn die Übertragung in lateinische Buchstaben international abgestimmt ist. Diese Umschrift führt aber zu zusätzlichen Problemen.
5. Na dann...
Sam M. 13.11.2012
...muessen wir nur noch drauf warten, dass deutsche Politiker und Wirtschaftsgroessen das fleissig lernen und dann auch beherrschen, wenn's drauf ankommt. Das ist die einfache Art, "goodwill" oder Verdruss bei den Asiaten zu ernten, und das kann schnell mal groessere (auch finanzielle) Ausmasse annehmen. Die Chinesen moegen laecheln, wenn ihr Name wieder einmal verhunzt wird, aber weh tut es ihnen trotzdem... Sam M. (in Asien)
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Umbruch im Riesenreich: Chinas neue Selbstbewusste

Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1341,335 Mio. Einwohner

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

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