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Grenzstreit: Chinas Attacke gegen Indien

Von , Islamabad

Es ist eine gefährliche Situation zwischen den asiatischen Großmächten China und Indien: Pekings Soldaten sind auf indisches Gebiet vorgedrungen und haben dort Posten bezogen. Schon fordern Hardliner in Neu-Delhi eine Gegenattacke.

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Protest in Indien: Forderung nach militärischer Antwort an China

Die indischen Grenzpolizisten staunten nicht schlecht, als sie in Ladakh, mehrere Kilometer von der chinesischen Grenze entfernt, auf eine Einheit chinesischer Soldaten stießen. Die Chinesen waren ein paar Tage zuvor, am 15. April, vom chinesischen Teil Kaschmirs (Aksai Chin) auf indisches Gebiet vorgedrungen und hatten dort ihre Zelte aufgeschlagen.

Die Reaktionen in Indien reichen von vorsichtiger Kritik bis zur Kriegsdrohung. "Wir setzen auf diplomatische Mechanismen zur Lösung des Problems", sagt Außenminister Salman Khurshid. "Wir werden alle Schritte unternehmen, um unsere Interessen zu schützen", sagt Verteidigungsminister Arackaparambil Kurien Antony.

China ist Indien militärisch weitaus überlegen, und auch die Hoffnung Indiens, den Konkurrenten ökonomisch bald zu überholen, ist erloschen, seitdem die indische Wirtschaft langsamer wächst als noch vor ein paar Jahren. Das einst gegenüber China vor Selbstbewusstsein strotzende Indien verfällt jetzt in eine eher unterwürfige Haltung. Die Regierung zögert, eine Eskalation des Streits zu riskieren. Diesen Monat steht ein Besuch des neuen chinesischen Premierministers Li Keqiang an. Indien ist sein erstes Auslandsziel, und diese Reise mit Symbolkraft will man nicht gefährden.

Kritikern der Regierung in Neu-Delhi passt diese Nachgiebigkeit nicht. "Indien sollte nicht der Illusion erliegen, dass Diplomatie allein die Chinesen davon überzeugen wird, die Soldaten wieder abzuziehen", sagt der indische Geostratege Brahma Chellaney aus Neu-Delhi. Eine angemessene Antwort auf die Grenzverletzung wäre, dass die indische Armee umgekehrt auf chinesisches Gebiet vordringe, strategisch wichtige Regionen besetze und Indien diese als Verhandlungsmasse nutze. Tausende Demonstranten fordern diesen indischen Gegenschlag.

Suppendosen und Zigarettenpackungen als Signal

Nach indischen Angaben haben chinesische Soldaten die gut 4000 Kilometer lange Grenze zwischen den beiden asiatischen Großmächten in den vergangenen drei Jahren mehr als 500-mal unerlaubt überschritten. Mal hinterließen sie leere Suppendosen, mal Zigarettenpackungen, gelegentlich schrieben sie auch chinesische Sprüche an die Felswände, um zu demonstrieren: Wir waren hier, wir beanspruchen dieses Gebiet! Aber dass sie Posten beziehen auf indischem Territorium, ist neu.

Indiens Armeechef General Bikram Singh erläuterte jetzt seiner Regierung die Lage. Demnach seien "30 bis 40 chinesische Soldaten 19 Kilometer in indisches Gebiet eingedrungen", und zwar im östlichen Teil von Ladakh. Indien beansprucht den chinesisch kontrollierten Teil Kaschmirs für sich, ebenso wie den pakistanischen Teil der Krisenprovinz. Aber auch andere Grenzfragen zwischen Indien und China sind noch offen. 2006 wiederholte Peking seine Forderung, der ostindische Bundesstaat Arunachal Pradesh gehöre China. 1962 hatten beide Staaten schon einen Krieg um den Grenzverlauf geführt. Chinas damaliger Premier Zhou Enlai erteilte Indien "eine Lektion", wie er erklärte.

Heute behauptet Peking steif und fest, die Einheit befände sich nicht auf indischem Territorium. "Chinesische Truppen haben keineswegs die Grenzlinie übertreten", behauptet Hua Chunying, die Sprecherin des chinesischen Außenministeriums. Den Ärger mit Indien erklärt sie damit, dass die endgültige Grenze zwischen Indien und China noch nicht festgelegt sei. "Deshalb ist es unausweichlich, dass in diesen Gebieten Probleme auftauchen."

Drei Krisentreffen zwischen Offizieren und Diplomaten blieben ohne Ergebnis. Die chinesische Seite verlangt von den Indern, Bunkeranlagen und andere militärische Bauten in der Region abzubauen und sich ebenfalls zurückzuziehen. Peking demonstriere seine Macht, sagen mehrere Quellen in der indischen Regierung. "Sie wollen uns demütigen und vor dem Besuch ihres Premierministers zeigen, wer der Stärkere ist", deutet ein hochrangiger Beamter im Außenministerium in Neu-Delhi die Lage. "Und uns bleibt kaum etwas anderes übrig als einzugestehen: Ja, China ist uns meilenweit voraus, in militärischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht. Deren Armee ist größer und besser ausgestattet, deren Handelsbilanz mit uns fällt zu ihren Gunsten aus. Da können wir tausendmal sagen: Aber wir sind eine Demokratie."

China versucht, seine Macht in Asien auszubauen. Mit Japan liefert es sich einen gefährlichen Streit um eine Inselgruppe im ostchinesischen Meer, den Zugang zum indischen Ozean versucht es sich zu sichern, indem es Indiens Erzfeind Pakistan eng an sich bindet. Jegliche Tendenzen in Tibet, sich von China zu lösen, schlägt es brutal nieder. Und mit enormem wirtschaftlichen Aufwand und diplomatischem Geschick stärkt es seinen Einfluss in benachbarten Ländern wie Afghanistan, Nepal und Burma. Pekings Ziel ist es, Neu-Delhi vom ersten Platz in Asien fernzuhalten. Es geht um Macht und um den Zugang zu Wasser und anderen Rohstoffen.

Gleichzeitig hat Indien derzeit eine Regierung, die monatelang Protesten wegen mehrerer Korruptionsskandale ausgesetzt war. Nun erschüttern auch noch grausige Vergewaltigungsfälle das Land und Studien belegen, dass sexuelle Gewalt dort in den vergangenen Jahren zugenommen hat. China nutzt diese Schwäche, Indien mal wieder eine Lektion zu erteilen, nämlich wer die Nummer eins in Asien ist.

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Fläche: 3.166.414 km²

Bevölkerung: 1213,370 Mio.

Hauptstadt: Neu-Delhi

Staatsoberhaupt:
Pranab Mukherjee

Regierungschef: Narendra Modi

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Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1367,820 Mio.

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

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