Interview mit Bürgerrechtler Chen: "Sie schlugen mich und meine Frau"
Den Zusagen Pekings an US-Außenministerin Clinton traut er nicht: "So schnell wie möglich" will der Bürgerrechtler Chen Guangcheng seine Heimat verlassen, sagt er im Interview mit dem SPIEGEL. Chinas Staatssicherheit habe ihn schikaniert, misshandelt und seine Familie massiv bedroht.
Hamburg - Der blinde chinesische Menschenrechtsaktivist Chen Guangcheng möchte sein Land bald verlassen. Er wolle "so schnell wie möglich raus aus China, mit meiner ganzen Familie", sagte Chen in einem SPIEGEL-Interview: "In China gibt es keine Garantien für Bürgerrechte."
Chen war vor zwei Wochen aus dem Hausarrest entkommen und hatte in der Pekinger US-Botschaft Zuflucht gesucht. Am Mittwoch hatte er die Botschaft verlassen, seitdem hält er sich in einem Pekinger Krankenhaus auf. Er verkündete, in die USA ausreisen zu wollen.
Im Krankenhaus sprach der Dissident über die Schikanen gegen sich und seine Familie während des 18-monatigen Hausarrests. "Die Wächter hinderten uns gewaltsam daran, nach draußen zu gehen, sie folgten uns auf Schritt und Tritt", sagte Chen dem SPIEGEL. "Die Leute von der Staatssicherheit brachen in unser Haus ein, sie schlugen mich und meine Frau. Sie schleppten alles aus dem Haus, sogar Fieberthermometer und Taschenlampen."
Zuvor hatte der blinde Bürgerrechtler von massiven Drohungen gegen seine Familie berichtet. Seine Frau und seine beiden Kinder seien als Druckmittel benutzt worden, um ihn zum Verlassen der US-Botschaft zu zwingen.
Chen misstraut Pekings Sicherheitsgarantien
Nachdem der Dissident die Obhut der Amerikaner verlassen hatte, stellte die Führung in Peking Chen Garantien aus, er würde als normaler Bürger behandelt. Im Interview mit dem SPIEGEL sagte Chen, er vertraue den Garantien seiner Regierung nicht: "Es gibt so viele Unsicherheiten für mich", sagt er, "ich bin nicht frei."
Das Interesse an einem Studium in seinem Heimatland, das ihm Peking anbot, hat er verloren. "Vergessen wir das, es ist sinnlos", sagt Chen im SPIEGEL-Interview.
Er fürchte um die Sicherheit seiner Mutter und seiner Brüder. Chen hat angekündigt, in den USA studieren zu wollen. China hat ihm die Ausreise in Aussicht gestellt.
Der Fall Chen hat eine diplomatische Krise zwischen den USA und China ausgelöst. Die Regierung in Peking kritisierte mit scharfen Worten, dass die Amerikaner Chen sechs Tage lang in der Botschaft aufgenommen hatten. Das Vorgehen der USA bedeute eine Einmischung in Chinas innere Angelegenheiten, hieß es in Peking.
Chen ist einer von zahlreichen autodidaktischen Anwälten, die sich in China in Menschenrechtsfragen engagieren und Betroffene beraten. Er zog vor allem mit Kritik an der Ein-Kind-Politik den Zorn der chinesischen Führung auf sich.
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