Syrien Beobachter berichten von neuem Chlorgas-Angriff

Grün-gelber Rauch, brennende Augen, Atemnot: In Syrien soll es erneut einen Angriff mit Chlorgas gegeben haben. Der Opposition zufolge haben Regierungstruppen Fassbomben aus Helikoptern abgeworfen. Die Führung in Damaskus bestreitet die Vorwürfe.

Frauen werden am Donnerstag im syrischen Ort Kafr Zita behandelt, zuvor soll es einen Chlorgas-Angriff gegeben haben.
REUTERS

Frauen werden am Donnerstag im syrischen Ort Kafr Zita behandelt, zuvor soll es einen Chlorgas-Angriff gegeben haben.


Beirut - Rebellen, Ärzte und Beobachter werfen der syrischen Armee erneut vor, Chemiewaffen eingesetzt zu haben. Ein Vertreter der Aufständischen sagte der Nachrichtenagentur AFP, in der westlichen Provinz Hama hätten Regierungstruppen am Donnerstag aus Hubschraubern Fassbomben mit Chlorgas abgeworfen.

Der Ort Kafr Sita soll im Mittelpunkt des Angriffs gestanden haben. Der Rebellenvertreter sagte weiter, es habe sich um einen Vergeltungsangriff gehandelt; die Einwohner des Ortes hätten zuvor den Aufständischen erlaubt, den Ort als Basis für ihre Einsätze in der Region zu nutzen. Aus der ebenfalls im Westen liegenden Provinz Idlib wurden Videos verbreitet, in denen zu sehen war, wie Patienten, unter ihnen Kinder, wegen Atemwegsbeschwerden behandelt wurden. "Wir sind sicher, dass Chlorgas eingesetzt wurde", sagte ein Arzt.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete ebenfalls von einem Video, das von Oppositionellen veröffentlicht wurde und ihren Angaben zufolge grün-gelbe Chlorgas-Schwaden in den Straßen von Kafr Sita zeigt. Das Video, dessen Echtheit von unabhängigen Quellen nicht überprüft werden kann, sei am Donnerstag aufgenommen worden. Ein Fotograf berichtete Reuters von 70 Verletzten. "Der Chlorgeruch war klar zu erkennen. Ich begann zu husten und zu hyperventilieren. Meine Augen brannten", so der Fotograf.

Human Rights Watch: Starke Hinweise auf Chlorgas-Einsätze

Regierungsgegner werfen dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad vor, einen Chemiewaffen-Kampf zu führen. Entsprechende Vorwürfe gegen die syrische Führung hatten sich zuletzt gehäuft. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sprach in der vergangenen Woche von "starken Hinweisen" auf Einsätze von Chlorgas durch Regierungstruppen bei fünf verschiedenen Angriffen im Norden des Landes.

Unter der Führung der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen wird Syriens Chemiewaffenarsenal derzeit unschädlich gemacht. Eine Vernichtung von Chlorgas, das vor allem in der Industrie eingesetzt wird, ist jedoch nicht vorgesehen. Die Organisation teilte nun mit, mutmaßliche Chlorgas-Angriffe zu untersuchen.

Die Führung in Damaskus bestreitet die Vorwürfe, wonach Regierungstruppen Chlor oder andere tödliche Giftgase einsetzt hätten. Angriffe mit Chemiewaffen sind demnach von den Rebellen selbst durchgeführt worden. Die Führung in Damaskus spricht im Zusammenhang mit den Aufständischen regelmäßig von "Terroristen".

Erst am Donnerstag hatten Mitglieder des Uno-Sicherheitsrates in New York für einen von Frankreich eingebrachten Text gestimmt, wonach der Internationale Strafgerichtshof Menschenrechtsverletzungen in Syrien untersuchen solle. Die Veto-Mitglieder Russland und China stimmten jedoch dagegen. Damit stoppten die beiden Länder bereits zum vierten Mal einen vom Westen vorgelegten Resolutionsentwurf zu Syrien.

In Syrien tobt seit mehr als drei Jahren ein Bürgerkrieg, der einst mit regierungskritischen Protesten begann. Seit dem Beginn des Konflikts Mitte März 2011 wurden Schätzungen zufolge bereits mehr als 160.000 Menschen getötet. Zudem sind Millionen im In- und Ausland auf der Flucht. Staatschef Assad will sich am 3. Juni wiederwählen lassen. Die Wahl, bei der er im Amt bestätigt werden dürfte, soll nur in den von der Regierung kontrollierten Gebieten stattfinden.

lgr/Reuters/AFP

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.