Chodorkowskis Ziele "Ich werde nicht um politische Macht kämpfen"

Was fängt Michail Chodorkowski mit seiner Freiheit an? In Berlin hat er nun erstmals seine Pläne genannt: Der Kreml-Kritiker will keine politische Macht, aber für Unterdrückte kämpfen. Sein Geld reiche allemal zum Leben, Fußballclubs werde er aber nicht kaufen, witzelte der frühere Ölmilliardär.


Michail Chodorkowski hat sein Gefühl für Symbolik, für den richtigen Ort und den richtigen Zeitpunkt, auch nach zehn Jahren Lagerhaft nicht verloren. Zum Gespräch lädt er ein ins Mauermuseum am Checkpoint Charlie in Berlin. Dort standen sich im Oktober 1961 russische und amerikanische Panzer nur wenige Meter voneinander entfernt gegenüber. Der Vorfall hätte den Dritten Weltkrieg auslösen können.

Checkpoint Charlie: Das war während des Kalten Krieges für Jahrzehnte die Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit. Für Chodorkowski ist das Museum nun der Ort, der seine erste Begegnung mit Journalisten markiert - von kurzen Frage-und-Antwort-Wechseln abgesehen, die Gerichtsdiener während der beiden Prozesse gegen den ehemals reichsten Mann Russlands erlaubten. Während der beiden Verfahren dauerten die Gespräche nur wenige Minuten, Chodorkowski selbst saß in einem Käfig aus Plexiglas im Gerichtssaal und wurde wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Erst nach zehn Jahren in Haft kam er am vergangenen Freitag frei und flog nach Berlin.

An diesem Sonntag äußert sich Chodorkowski erstmals zu seiner Zukunft, für 13 Uhr hat er zu einer Pressekonferenz geladen, die allerdings mit großer Verspätung beginnt. In dem Saal kommt es zu tumultartigen Szenen, zu wenig Raum für zu viele Reporter und Kamerateams aus aller Welt. Dutzende müssen draußen warten, dabei wollen sie alle hören, was der Mann zu sagen hat, der zehn Jahre in Lagerhaft saß - und den Präsident Wladimir Putin am Donnerstag überraschend begnadigt hatte.

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Freigelassener Chodorkowski: Erster großer Auftritt in Berlin
"Bitte setzen Sie sich hin, bitte gehen Sie ein Stück zurück. Nein, jetzt bitte Schluss. Seien Sie so lieb, gehen Sie ein Stück zurück bitte. Wir wollen doch in Ruhe kommunizieren, oder? Alles ist gut." Es ist ein nervenaufreibender Termin für Museumsleiterin Alexandra Hildebrandt. Der einzige, der ruhig wirkt in dieser aufgeregten, unruhigen Menge, der leise lächelt, ist Chodorkowski.

Er sei am Freitagmorgen um 2 Uhr geweckt worden, sagt Chodorkowski, dann sei er aus dem Gefangenenlager entlassen worden. Erst unterwegs habe er erfahren, dass er nach Berlin geflogen werde. Seine Pläne seien noch unkonkret, es sei ja erst 36 Stunden her, dass er seine Freiheit erhalten habe. 36 Stunden gegen zehn Jahre. Als er damals ins Gefängnis gekommen sei, habe es weder Facebook noch Twitter gegeben. Die Welt heute ist eine andere.

Schulden begleichen

Er habe keine Pläne, in die Wirtschaft zurückzukehren. "Ich habe im Rahmen meiner Karriere alles erreicht, was ich erreichen wollte. Ich war Chef einer großen, erfolgreichen Firma. Meine finanzielle Situation erfordert von mir nicht, dass ich nur deshalb arbeiten müsste, um Geld zu verdienen. In der Zeit, die mir für ein aktives Geschäftsleben bleibt, möchte ich Schulden zurückzahlen. Und zwar den Menschen, die das von mir zu Recht erwarten: Den Menschen, die noch im Gefängnis sitzen. Wie das konkret aussehen soll - geben Sie mir ein bisschen mehr Zeit. Mehr als 36 Stunden."

Schon für 11 Uhr hatten Chodorkowski und seine Berliner PR-Berater einige ausgewählte Journalisten eingeladen, darunter Vertreter der "New York Times", des "Guardian", von "Le Monde" und SPIEGEL ONLINE. "Ich sehe viele bekannte Gesichter", sagte Chodorkowski. "Ihr seid meine Brücke zur Freiheit." Er trägt einen blauen Anzug, ein weißes Hemd. Ausgeruht sieht er aus.

"Ich werde nicht um politische Macht kämpfen", so Chodorkowski. Aber er werde sich für die Rechte von anderen politischen Gefangenen in Russland einsetzen. "Russland sollte eine wirkliche Demokratie sein. Das gefällt nicht nur der Führung nicht, sondern ebenso wenig der russischen Gesellschaft." In der Lagerhaft sei er ständig überwacht worden. "Es gab Kameras über meinem Bett und über meinem Schreibtisch. Auch jedes Treffen wurde aufgenommen."

Die Rückgabe seiner Ölfirma werde er nicht fordern, so Chodorkowski. "Aber ansonsten schließe ich gerichtliche Verfahren nicht aus." Am Samstag habe er seinen ehemaligen Mitarbeiter Frank Rieger getroffen: "Er hat mir erklärt, dass die übergroße Mehrheit meiner Mitarbeiter loyal geblieben ist." Chodorkowski war vor seiner Verhaftung Chef des inzwischen zerschlagenen größten russischen Ölkonzerns Jukos.

Das Geld, das ihm momentan zur Verfügung stehe, reiche für das Leben allemal, so Chodorkowski, dessen Vermögen vor zehn Jahren auf rund acht Milliarden Dollar geschätzt wurde. "Fußballclubs werde ich nicht kaufen."

Traurig und ein wenig depressiv

Zu Russlands Präsidenten sagt Chodorkowski: "Unsere Gesetze erlauben Putin, dass er weiterhin an der Macht bleibt, weil er gewählt ist. Er hat gesagt, dass er kein Präsident auf Lebenszeit sein will. Und ich hoffe, dass er seine Meinung diesbezüglich nicht ändert." Dass er Putin dankbar sei, käme ihm nur schwer über die Lippen. "Ich habe lange darüber nachgedacht. Schließlich ist er dafür verantwortlich, dass ich so lange in Haft war."

Wie hat ihn diese Zeit verändert - und wie hat er die Jahre in Haft ausgehalten? "Ich habe das als Herausforderung gesehen und die Tage, an denen ich traurig und ein wenig depressiv war, nicht zu nah an mich herangelassen", sagte er SPIEGEL ONLINE. Das russische Strafsystem könne Druck auf Menschen ausüben und demütigen - "aber es ist nicht mehr der sowjetische Gulag". Ja, es gebe Exzesse. Aber in der Regel leide niemand an Hunger und Kälte.

Seine Festnahme sei ein Symbol für den Wechsel zur autoritären Politik gewesen. "Ich denke aber nicht, dass meine Freilassung jetzt eine Änderung zu einer deutlich liberaleren Politik bedeutet." In dem veröffentlichten Erlass Putins hieß es, er befreie Chodorkowski auf Grundlage der Prinzipien der Humanität von seiner weiteren Haftstrafe.

Keine Rückkehr nach Russland

Im Moment sei er noch nicht dazu bereit, nach Russland zurückzukehren, so Chodorkowski. Wegen juristischer Probleme sei nicht sichergestellt, dass er dann ein zweites Mal ausreisen dürfe. "Ich habe noch nicht entschieden, wo die Familie leben wird." Seine Frau Inna sei auf dem Weg nach Berlin. Mit ihr hat Chodorkowski drei Kinder und zudem einen Sohn aus seiner ersten Ehe. Ohne die Unterstützung seiner Familie hätte er die zehn Jahre nicht durchgestanden.

Im Mauermuseum steht übrigens auch eine alte Schreibmaschine, mit der die Unterzeichner der "Charta 77" in der Tschechoslowakei in den siebziger Jahren den Entwurf für ihre Petition zur Achtung der Menschenrechte tippten. In einem Briefwechsel mit dem SPIEGEL, den Chodorkowski zwei Jahre lang führte, hatte er geschildert, dass er im Lager in Segescha an der finnischen Grenze natürlich keinen Computer benutzen dürfe und stattdessen alles mit der Hand schreiben müsse. Nun kann er frei reden.



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Seite 1
puyumuyumuwan 22.12.2013
1. "Mit einigen Journalisten"
Wie viele sind es denn? 1.300? Die sich alle segnen lassen wollen durch ihren neuen Heiland.
nepi 22.12.2013
2. Ablenkung geglückt
Was für ein Held, dieser Putin! Nach gutsherrenart sperrt er erst Menschen ein, um sie dann zum passenden Zeitpunkt medial freizulassen. Wer spricht diese so Woche noch von Russland und seiner Erpressung gegenüber der Ukraine? Wer redet über Sotschi-Absagen, wenn Menschenrechtsverbrechen!? Die Ablenkung hat perfekt geklappt - Zar Putin kann zufrieden sein!
andreashirsch 22.12.2013
3. Pfui!
Hier wird einem verurteilten Verbrecher ein Forum geboten, dass es einem zum Hals raushängt. Hallo, der Mann ist kein Held der Freiheit, er ist ein Held des Geldscheffelns mit fragwürdigsten Methoden. Macht eure Augen auf, recherchiert, hakt nach.
an-i 22.12.2013
4. ich verstehe den Spiegel nicht
oder ist das der Einfluss von dem neuen Chefredakteur? Wer rettet Zumwinkel? http://www.netstudien.de/Russland/chodorkowski.htm#
daslästermaul 22.12.2013
5. Na ja ......
Zitat von sysopDPAKreml-Kritiker Michail Chodorkowski ist überraschend in Freiheit - und jetzt? Mit einigen Journalisten spricht der ehemalige Ölmagnat derzeit im Berliner Mauermuseum über seine Zukunftspläne. Und erklärt, dass er seinem Erzrivalen Präsident Putin dankbar ist. http://www.spiegel.de/politik/ausland/chodorkowski-gibt-in-berlin-pressekonferenz-a-940512.html
erhebliche Zweifel an diesen Bekundungen dürften angebracht sein. In solchen Fällen gehört es zu den diplomatischen Gepflogenheiten sich zunächst untertänigst bei dem Diktator zu bedanken, der einen jetzt - kurz vor Weihnachten und dem Beginn der olympischen Winterspiele in Sotschi - gnädigst die Freiheit gewährt hat. Im Zweifel dürfte sich Chodorkowsk danach aus seiner neuen Wunschheimat Schweiz heraus - und vermutlich mit der ein oder anderen dort gebunkerten Million - in einer Art und Weise engagieren, die seinen bisherigen "Sponsoren" kaum Freude machen dürfte.
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