Chodorkowskis Optionen Aus der Haft ins Exil

Michail Chodorkowski, einst der reichste Mann Russlands, dann prominentester Gefangener des Landes, hat nach zehn Jahren Haft das Gefängnis verlassen - und flüchtete ins Ausland. Die Chancen, in seiner Heimat wieder erfolgreich zu sein, sind nahezu aussichtslos.

DPA

Von Claudia Thaler


Moskau/Berlin - Alle 30 Sekunden klingelt das Telefon in der kleinen Zweizimmerwohnung in Moskau, zur Ruhe kommt Marina Chodorkowskaja am Freitag nicht. Freunde, Kollegen, Journalisten, alle wollen wissen, wie es jetzt mit ihrem berühmten Sohn Michail weitergeht. "Wir wissen doch selbst nichts Genaues. Nicht einmal, ob Mischa schon draußen ist", sagte Marina einer russischen Zeitung. Zu diesem Zeitpunkt ist die Mutter von Michail Chodorkowski in Moskau, der Sohn darf nach zehn Jahren das russische Straflager Nummer sieben an der finnischen Grenze verlassen.

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Heft 52/2013
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3709 Tage verbrachte Chodorkowski im Gefängnis. Erst saß der Ex-Ölmagnat zwei Jahre in Untersuchungshaft, dann ab 2005 in verschiedenen Straflagern. Ein Moskauer Gericht hatte ihn wegen Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Unterschlagung von 200 Millionen Tonnen Öl seines Konzerns Jukos verurteilt. Seine Frau Inna und die drei Kinder konnten ihn nur selten in der Haft besuchen - auch jetzt nach der Freilassung bekam sie ihn erst einmal nicht zu sehen.

Denn der erste Weg in Freiheit führte Chodorkowski nicht nach Hause nach Moskau, sondern nach Deutschland - dort wähnte er seine Mutter noch in ärztlicher Behandlung. Doch die war bereits wieder nach Moskau zurückgekehrt. Sie kommt nun am Samstag ebenfalls nach Berlin, wie auch Frau und Kinder.

In seine russische Heimat wird der Putin-Kritiker wahrscheinlich nicht zurückkehren. Seine Chancen, an die alten Erfolge als Unternehmer anzuknüpfen, sind miserabel. Und auch einen Oppositionsführer Chodorkowski wird Moskau wohl kaum tolerieren wollen. Wie also sehen seine Optionen aus?

  • Sein Vermögen, sein Unternehmen

Chodorkowskis Öl-Konzern, der ihm einst ein Vermögen von acht Milliarden US-Dollar bescherte, existiert nicht mehr, er wurde zerschlagen. Einen Teil des Vermögens hatte der heute 50-Jährige allerdings schon vor seiner Verhaftung auf ausländische Konten verlegt. Finanziell ist der Ex-Oligarch abgesichert.

Über seine Begnadigung dürfte sich nicht jeder in Russland freuen: Die Freilassung Chodorkowskis wird auch als schwerer Schlag gegen einen der mächtigsten Männer in Putins Umgebung gewertet - Igor Setschin. Der Chef des staatlichen Rosneft-Konzerns gilt als treibende Kraft hinter der Zerschlagung des Jukos-Imperiums. Setschin hatte sich nach der Verhaftung Chodorkowskis die Kontrolle über die wertvollsten Bestandteile des Konzerns gesichert.

Vom Ausland aus könnte Chodorkowski nun versuchen, die Enteignung seines Unternehmens mit Hilfe des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag anzufechten. Für die eigentliche juristische Schlacht müsste der Kreml-Kritiker allerdings wieder nach Moskau reisen.

  • Sein künftiger Wohnsitz

Wo Chodorkowski künftig leben wird, ist noch unklar. Am Tag seiner Freilassung scheinen Deutschland oder die Schweiz als Wohnsitz möglich. Er könnte aber auch bei dem ehemaligen Geschäftsmann Leonid Nevzlin in Israel unterkommen, mit dem er bis 2003 den Öl-Konzern Jukos leitete. Dieser hatte sich nach der Verurteilung seines Freundes in den Nahen Osten abgesetzt und kämpfte von Tel Aviv aus für Chodorkowskis Freilassung.

  • Seine Rolle als Stimme der Opposition

Ob Chodorkowski aus dem Exil wieder die Rolle eines Widersachers Putins einnehmen wird, ist noch fraglich. Denn ob - und wenn ja, welchen Deal Chodorkowski und Putin hinter den Kulissen geschlossen haben, ist bisher nicht bekannt. Dass der russische Präsident Chodorkowski innerhalb weniger Stunden ins Ausland ziehen lässt, nährt Spekulationen, ob dem Regierungsgegner ein Maulkorb verordnet wurde.

Der Kreml hat nur allzu gut in Erinnerung, dass besonders Exil-Oligarchen wie der verstorbene Boris Beresowski in Großbritannien oder Wladimir Gussinski in Israel lautstark Kritik an Putin äußerten. Selbst während seiner Haftzeit ließ es sich Chodorkowski nicht nehmen, Putins autoritären Führungsstil anzuprangern. In ausländischen Medien wie der "New York Times" und dem SPIEGEL beschrieb er Details seiner Verhandlungen und seiner Haft. Erst Anfang Dezember hatte die Staatsanwaltschaft angekündigt, ein mögliches drittes Verfahren gegen den ehemaligen Konzernchef einzuleiten.

Er selbst hat noch nichts über seinen weiteren Weg verlauten lassen, aber in Russland hört man bereits allerhand Ratschläge für Chodorkowskis Zukunft. Oppositionelle in Russland sehen die Chancen für einen Wiedereinstieg in die Politik eher gering. "Ich denke, dass Chodorkowski in Zukunft nicht in die Politik gehen sollte. Auch nicht als Anführer der Liberalen, wie Alexej Nawalny oder Michail Prochorow. Russland ist dafür nicht liberal genug", rät der umstrittene Schriftsteller und Nationalbolschewist Eduard Limonow.

Der Milliardär Prochorow hingegen streckte ihm unmittelbar nach Bekanntwerden seiner Freilassung die Hand für eine politische Kooperation aus: "Das hätte schon vor vielen Jahren geschehen sollen." Auch die Menschenrechtlerin Ljudmila Alexejewa würde in Zukunft gerne mit dem Kreml-Kritiker zusammenarbeiten, wie sie der russischen Tageszeitung "Iswestija" mitteilte. "Er könnte sich etwa mit Projekten für Jugendliche aus russischen Städten und Dörfern beschäftigen. Ich wäre froh, wenn er für uns arbeiten würde."

insgesamt 30 Beiträge
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mideal 20.12.2013
1. Chodokowski hat einen Freund in Israel sitzen?
Ja, Putin, dann war das wohl eher eine schlechte Idee, dann bist Du schon tot, und weißt es noch nicht.
syssifus 20.12.2013
2. Ich bin erstaunt,
Zitat von sysopDPAMichail Chodorkowski, einst der reichste Mann Russlands, dann prominentester Gefangener des Landes, hat nach zehn Jahren Haft das Gefängnis verlassen - und flüchtete ins Ausland. Die Chancen, in seiner Heimat wieder erfolgreich zu sein, sind nahezu aussichtslos. http://www.spiegel.de/politik/ausland/chodorkowski-in-freiheit-putins-konkurrent-aus-der-ferne-a-940252.html
wie gut beieinander der Mann ist,ich hatte ihn wesentlich schlanker in Erinnerung.Nun fehlt nur noch Timoschenko und unsere Regierenden können wieder ruhig schlafen.Diese zwei Kriminellen,passen zu ihren Gönnern und werden in Berlin/Wilmersdorf,gleich neben dem Büro der Freunde Syriens,ihre Zelte aufschlagen.
dr.felgenbrandt 20.12.2013
3. Diebe im Gesetz
Herr Chodorkowski ist ein "guter Verbrecher", der als erster die Ein- Parteien- Diktatur in Frage gestellt hat. Aber nicht einmal 30Milliarden reichten aus, um das korrupte Regime zu über zeugen oder zu Veränderungen zu bewegen. Nach dem Zerfall der UdSSR habe kriminelle Autoritäten alle Schlüsselpositionen in der Verwaltung übernommen. So auch Chodorkowski, aber er hat versucht, diese Macht für sein Land, entgegen aller neoliberalen und antidemokratischen Strukturen weltweit einzusetzen. Rothschild und Rockefeller waren gestern, heute bestimmen die Kartelle das Geschehen. Abtschak, Sinaloa, Triaden usw...Die Kostenexplosionen staatlicher Bauvorhaben dienen einzig und allein der Geldwäsche für kriminelle Organisationen. Chodorkowski wollte sein Geld nur nicht mit Putin waschen...
dunnhaupt 20.12.2013
4. Außer Snowden ...
... kenne ich nicht viele, die nach Putins Russland auswandern möchten.
Grafsteiner 20.12.2013
5. Snowden in Deutschland im Exil wäre mir lieber.
Als dieser Ganef, der das russische Volk um Milliarden USD betrogen hat und es hungern musste. Der Spiegel muss sich seine Freunde neuerdings in der Gosse suchen.
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