Christen in der Türkei: Hass auf die kleine Herde

Von und Yassin Musharbash

2. Teil

Serie von Übergriffen

Vor allem sind es bürokratische Hürden, die den Christen in den Weg gelegt werden - immer häufiger scheint Christen von islamistischer oder nationalistischer Seite aber auch offener Hass entgegenzuschlagen: Die Ermordung der Bibel-Verlag-Mitarbeiter im Südosten der Türkei steht in einer ganzen Reihe von Übergriffen.

Im letzten Jahr wurden gleich drei katholische Geistliche in der Türkei Opfer von körperlichen Angriffen - einer von ihnen starb. Im Februar 2006 wurde ein katholischer Priester am Schwarzen Meer in der Stadt Trabzon von einem jugendlichen Nationalisten hinterrücks erschossen. Der Attentäter schrie nach Zeugenberichten dabei "Allah ist groß!". Kurze Zeit später wurde einem anderen katholischen Geistlichen nach dem Leben getrachtet: Pater Brunissen aus Samsun wurde mit dem Messer angegriffen. Und in Izmir überfielen Jugendliche einen Franziskanerpater.

Die meisten Christen in der Türkei gehören der orthodoxen Glaubensrichtung an. Durch Vertreibung und Völkermord der Türken an den Armeniern verlor das Osmanische Reich Anfang des 20. Jahrhunderts nahezu eine Millionen Christen. Nur noch 30.000 Katholiken leben heute nach Schätzungen in der Türkei, die zahlenmäßig stärkste christliche Gruppe sind etwa 70.000 armenisch-orthodoxe Gläubige.

Einige berichten von Schikanen, andere fühlen sich als Christen in der Türkei wohl. So berichtet Rainer Korten, Pfarrer aus Antalya, dass er sich sehr sicher fühle und sich keinerlei Einschränkungen gegenüber sehe - bis auf die fehlende rechtliche Anerkennung. Er habe deshalb einen Verein gegründet. Korten vermutet aber, dass die Situation für Christen im Osten der Türkei schwieriger sei. "Es kann schon sein, dass es hier eine gewisse Vorzugstellung gibt, hier sind viele Touristen und damit verdient die Türkei auch Geld", sagt der Priester zu SPIEGEL ONLINE.

Toleranz und höhere Steuern

Eine deutsche christliche Frau aus Antakia sagte: "Wir haben alle Möglichkeiten, hier Gottesdienst abzuhalten. Der Mord heute wird unsere Arbeit nicht beeinflussen. Pilger werden weiter kommen."

Die komplizierte Situation von Christen in der Türkei reicht weit zurück: Oft wird die Toleranz der Herrscher des Osmanischen Reiches gegenüber anderen Religionen gepriesen, vor allem gegenüber denen der "Familie des Buches", also der Juden und Christen. Und in der Tat nahmen die osmanischen Kalifen etwa spanische Juden auf, die nach der Reconquista Ende des 15. Jahrhunderts vor den Katholiken fliehen mussten. Aber gleichberechtigt waren Christen und Juden lange nicht - hohe Staatsämter etwa wurden ihnen faktisch zumeist vorenthalten.

Die verschiedenen Konfessionen wurden dafür im Wesentlichen sich selbst überlassen. Sie waren in sogenannten "millets" organisiert, ein Begriff, der alles zwischen Nation und Religionsgemeinschaft bedeuten kann. Für die Orthodoxen und später die Katholiken und Protestanten hieß das, dass sie der Gerichtsbarkeit ihrer eigenen Gemeinden oder Patriarchate unterstellt waren - ein System, dass mit dem islamischen Rechtskonzept kompatibel ist, demzufolge die Christen und Juden als "Schutzbefohlene" ihre Religion im Gegenzug für höhere Besteuerung beibehalten und selbst organisieren können.

Als im 19. Jahrhundert der Niedergang des Osmanischen Reiches einsetzte, hatten die Machthaber den nach Einfluss drängenden europäischen Mächten immer weniger entgegen zu setzen. 1856 wurden die nichtmuslimischen Gruppen nominell gleichberechtigt. Die europäischen Staaten ernannten sich zu Schutzmächten der christlichen Kirchen - die Russen etwa beanspruchten die Vertretung der Orthodoxen bei der "Hohen Pforte", die Briten jene der Protestanten und die Franzosen verhandelten im Namen der Katholiken mit den Vertretern des Osmanischen Reiches in Istanbul, aber auch in den Provinzen, zum Beispiel in Syrien oder Palästina.

Die europäischen Großmächte erzwangen zudem die Errichtung von Konsulaten auf osmanischem Boden und betrieben von dort aus die Unterstützung "ihrer" Schutzbefohlenen weiter. Anfang des 20. Jahrhunderts war der Einfluss der europäischen Konsuln teilweise gigantisch - wohl in dieser Erfahrung liegt begründet, warum türkische Nationalisten so allergisch auf von außen unterstützte christliche Gemeinden reagieren.

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