Christenmord in der Türkei "Tilman war kein aggressiver Missionar"

Pastor Zekai Tanyar ist Vorsitzender des Rechtsausschusses der "Allianz Protestantischer Kirchen" in der Türkei. Er kannte zwei der drei Mordopfer von Malatya, darunter den Deutschen Tilman G. "Wir wissen, dass es Leiden bringt, das Wort Gottes zu verbreiten", sagt er.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Als Zekai Tanyar erfuhr, dass Necati A. und Tilman G. ermordet wurden, befand er sich gerade auf dem Weg zum Gate, um seinen Anschlussflug nach Arizona zu bekommen. Auch über einen Tag nach der Bluttat von Malatya, ist ihm die Erschütterung noch anzumerken. Seine Stimme zittert am Telefon.

Türkische Polizisten bergen ein Opfer des Mordüberfalls: Für "Vaterland und Glauben" gehandelt
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Tanyar ist ein ranghoher Repräsentant der kleinen protestantischen Community in der Türkei. Zur Zeit hält er sich auf Einladung einer großen evangelikalen Kirche, der "Word of Grace Church" in Mesa im US-Bundesstaat Arizona auf. Er kannte die beiden Opfer, die gemeinsam mit zwei Kollegen am Mittwoch im türkischen Malatya grausam ermordet wurden.

Necati gehörte früher zu seiner eigenen Kirchengemeinde in Izmir. Und auch Tilman G. hat Tanyar mehrfach getroffen. "Er war ein stiller, freundlicher Mann", sagt er. Ein Bibelforscher und ein aktives Mitglied der Gemeinde von Malatya, die nur etwa 20 bis 30 Personen umfasse, sei der mehrfache Familienvater gewesen.

Nicht nur Tanyar ist bestürzt über den Mord - die Stadt Malatya, die Türkei, ja die Welt ist es: Die Mörder schnitten ihren Opfern die Kehlen durch, am Donnerstag sagte einer der Festgenommenen, er habe für "Vaterland und Glauben gehandelt".

90 Prozent der Protestanten sind Ex-Muslime

Es ist bei Weitem nicht der erste Angriff auf türkische Christen - erst im vergangenen Jahr wurde ein Priester getötet. Aber es ist seit Menschengedenken der Schlimmste. "Wir werden trotzdem weitermachen, wir werden uns nicht verstecken und nicht in den Untergrund gehen", sagt Tanyar. "Wir haben immer gewusst, dass unsere Arbeit Leiden mit sich bringt."

Offiziell sind Christen in der Türkei gleichberechtigt. Doch die Stimmung in vielen Teilen des Landes ist wenig tolerant. Ultranationalisten sehen die Missionstätigkeit insbesondere der protestantisch-evangelikalen Kirchen als Bedrohung für das "Türkentum". Islamisten, die die Abkehr vom Islam für todeswürdig halten, hassen die Missionare sowieso.

Die Protestanten, wiewohl die bei weitem kleinste christliche Konfession in der Türkei, sind besonders aktiv auf dem Gebiet der Mission. Das galt auch für die Zweigstelle des Zirve-Verlags in Malatya, die am Mittwoch angegriffen wurde. "Wir haben besonders viele Probleme, weil wir beschlossen haben, die Bibel mit Anderen zu teilen", erklärt Tanyar. Im Gegensatz zu anderen christlichen Konfessionen sind die evangelikal geprägten Protestanten in besonderer Weise von dem Gedanken geprägt, dass Wort Gottes aktiv jenen zur Kenntnis zu bringen, die es noch nicht kennen.

Dieses Engagement ist nicht ohne Wirkung geblieben: Vor 20 Jahren, so der 54-jährige Tanyar, habe es vielleicht 300 Protestanten in der Türkei gegeben, heute etwa 3000. Von ihnen hätten rund 90 Prozent "einen muslimischen Hintergrund" - was Tanyar damit meint: Sie waren vorher Muslime, sie sind also Konvertiten.

Auch wenn der Staat die Konversion nicht verbietet, sehen Nationalisten darin jedoch eine Abkehr vom Türkentum und die Islamisten eine Sünde. "Wir werden behandelt wie Verräter", berichtet Tanyar, der selbst als Muslim geboren wurde und als Student und durch die Lektüre des Neuen Testaments zum Christen wurde. Heute ist er Pastor und Repräsentant, aber im Hauptberuf nach wie vor im Exportgeschäft und im Tourismus tätig.

Beisetzung in der Türkei

Es ist ein schwieriges Klima, in dem Tanyar und seine Mitstreiter der 28 in der "Allianz der Protestantischen Kirchen in der Türkei" zusammen geschlossenen Gemeinden agieren. Ständig seien in der Presse Hetzartikel zu lesen, sagt Tanyar, in denen es etwa heiße, die Missionare legten 100-Dollar-Noten in die Bibeln oder versprächen den Konvertiten hübsche Frauen. Da viele Gemeinden Unterstützung aus dem Ausland erfahren, teils auch finanzielle, deuten die Gegner die Christen zu fremdgesteuerten Agenten um.

Auch im Zusammenspiel mit dem türkischen Staat läuft kaum etwas reibungslos: "Auf der einen Hand hilft man uns. Auf der anderen legt man uns Steine in den Weg", klagt der Vertreter. So sei es endlich möglich geworden, dass Kirchen eine Rechtsform annehmen und damit erstmals zum Beispiel Bankkonten führen dürfen. Aber oft werde im Gegenzug die Einrichtung einer Gebetsstätte verboten.

Tanyar will nicht darüber spekulieren, wer für die Morde verantwortlich ist. Es mache auch nicht sehr viel Sinn, zwischen Ultranationalisten und Islamisten zu unterschieden - die Zahl der radikalen Gruppen sei unübersehbar, oft seien sie beides zugleich. Aber er erinnert sich, dass Necati A. ihm einmal von Drohungen gegen den Verlag berichtet hatte. Nur sei das leider alltäglich.

Zekai Tanyar ist sicher, dass keiner der Ermordeten durch übertriebene Missionstätigkeit den Hass auf sich gezogen hat. Sicher habe Tilman G. zu denen gezählt, die "für Jesus" in die Türkei gegangen seien, und um die dortigen Christen zu unterstützen. "Aber ich kannte Tilman gut genug um zu wissen, dass er nicht aggressiv, sondern sehr bedachtsam war." Die Familie des mehrfachen Vaters, erfuhr Tanyar mittlerweile per Telefon, hat entschieden, dass der Deutsche in Malatya beigesetzt wird.

Dass die Bluttat seine Glaubensgeschwister von ihrer Arbeit abbringen wird, glaubt der Pastor nicht. "Das Leben geht weiter", sagt er. "Wir sind aufgerufen, die Menschen zu lieben - auch jene, die uns als ihre Feinde sehen".



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