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Christenverfolgung im Irak: "Wer bleibt, stirbt"

Von Gabriela Keller, Damaskus

Vor dem blutigen Chaos im Irak sind 800.000 Menschen nach Syrien geflohen. Jede Woche kommen 4000 weitere hinzu. Zurzeit strömen scharenweise Christen über die Grenze: In ihrer alten Heimat werden sie verfolgt, in ihrer neuen erwartet sie ein Leben in Elend.

Damaskus - Die Abendmesse in der chaldäischen Kirche endet, die Dunkelheit liegt wie eine staubige Decke über der Altstadt von Damaskus. Der elektrische Heiligenschein einer Marienstatue strahlt über den Kirchhof, daneben stehen die Gläubigen beieinander. Es gab eine Zeit, da sollte das Gotteshaus geschlossen werden, weil es in Syrien kaum chaldäische Katholiken gibt. Nun sind die Bänke jeden Abend bis auf den letzten Platz mit Irakern besetzt.

Wer sie anspricht, wird bestürmt mit Berichten gezielter Christenverfolgung im Irak: Sie berichten von brennenden Kirchen, von ermordeten Pfarrern.

Ein schmaler, alter Mann löst sich aus der Menge. In kleinen Schritten bahnt er sich den Weg durch die Gassen. Um ihn herum drängeln Passanten. Wirklich wahrzunehmen scheint er sie nicht. So als würde all das hier, die Fremde und dieses neue Leben, das doch keines ist, an ihm vorbeiziehen wie ein Film. "Hier können wir keine Existenz aufbauen", sagt er. "Und kein anderes Land will uns, also gibt es keine Hoffnung."

Vor zwei Jahren ist der 64-Jährige aus Bagdad geflohen. "Sechs meiner Cousins haben sie ermordet", erzählt er. Seinen Namen will er nicht nennen - auch im Exil hat er noch Angst vor seinen Verfolgern. "Danach kamen die Drohungen am Telefon: Wenn wir den Irak nicht verlassen, werden sie uns auch töten, haben sie gesagt. Sie wollen alle Christen vertreiben", sagt er. "Wer bleibt, stirbt."

Stiller Exodus von 800.000 Menschen

Mit seiner Frau und drei erwachsenen Töchtern wohnt er heute in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Um einen Plastiktisch stehen Plastikstühle, an der Decke brennt eine nackte Glühbirne. Die einst wohlhabende Familie lebt von 200 Dollar im Monat, das Geld schicken Verwandte aus Australien. Der 64-Jährige läuft jeden Abend zur Kirche, tagsüber betet er und wartet. Nichts gibt es zu tun für den Lehrer, der nicht arbeiten kann, weil es in Syrien nicht einmal Arbeit für die Einheimischen gibt. "Mein Leben haben sie mir mit vorgehaltener Waffe weggenommen."

Mit dem Einmarsch der Amerikaner hat 2003 ein stiller Exodus aus dem Irak begonnen. 800.000 Menschen sollen bislang vor dem blutigen Chaos nach Syrien geflohen sein. Und obwohl Christen nur vier Prozent der Bevölkerung ausmachen, stellen sie unter den Flüchtlingen mehr als 30 Prozent, schätzt Schwester Antoinette Arbash. "Wenn das so weitergeht, wird es bald im Irak keine Christen mehr geben", sagt die Nonne, die im Damaszener Caritas-Flüchtlingsbüro hilft, Iraker mit Nahrung, Medizin und finanzieller Nothilfe zu versorgen. "Viele haben ihre Häuser und Autos verkauft und sich bisher mit ihren Ersparnissen über Wasser gehalten. Nun sind sie aber schon Jahre hier, die meisten haben ihr Geld aufgebraucht und rutschen immer tiefer in die Armut ab."

Die irakischen Flüchtlinge können ohne Beschränkung nach Syrien einreisen und ihre Kinder kostenlos zur Schule schicken, doch sie bekommen keine Arbeitsgenehmigung. "Sie können nur in schlecht bezahlten, ungesicherten Verhältnissen arbeiten", erklärt die Nonne.

Schlimmstenfalls vor Armut umkommen

So bleibt den Heimatlosen kaum eine Möglichkeit, ihr Leben zu finanzieren. Schon jetzt geht etwa jedes dritte Kind nicht zur Schule, weil die Eltern nicht einmal Bücher und Stifte bezahlen können – oder weil die Kinder zum Arbeiten oder Betteln geschickt werden. "Die Probleme wachsen. Die Kriminalität nimmt zu und etliche Frauen – selbst Mädchen ab zwölf Jahren – müssen sich prostituieren", schildert Schwester Antoinette. "Hier bahnt sich eine große soziale Katastrophe an."

Jaqueline Ghazi Hermes gehört zu jenen Flüchtlingen, die vor dem Nichts stehen. Sie sitzt im übervollen Wartezimmer des Caritas-Flüchtlingsbüros, in dem irakische Christen wie Sunniten und Schiiten auf eine Hilfe zum Überleben hoffen. Sie trägt eine Seidenbluse, doch ihre Füße stecken in Badelatschen. "Vor zwei Jahren bin ich mit meiner Mutter aus Bagdad geflohen. Hier teilen wir uns ein unmöbliertes Zimmer", erzählt sie. "Jetzt wird unser Geld weniger und weniger." Die 44-Jährige hängt wie erschöpft im Stuhl, ihr Gesicht findet keinen Ausdruck mehr. "Was wir tun, wenn es aufgebraucht ist, wissen wir nicht."

Christin weigert sich Schleier zu tragen: Kündigung

In Bagdad hat sie in einer Kommunikationsagentur gearbeitet. "Mein Chef war Schiit, und irgendwann hat er uns allen verlangt, einen Schleier zu tragen." Als die Christin sich weigerte, setzte der Geschäftsführer sie unter Druck, bis sie kündigte. "Wir haben neben einer Kirche gewohnt, und wurden jeden Tag bedroht. Wir haben monatelang in Todesangst gelebt." Die Entscheidung, den Irak zu verlassen, fällte sie dennoch erst, nachdem die Extremisten ihr Haus in die Luft gesprengt hatten. "Alles, was wir hatten, war zerstört."

Während die Iraker in Syrien im Elend versinken, wächst ihre Zahl dramatisch weiter. "Jede Woche kommen rund 4000 Flüchtlinge über die Grenze", sagt Dietrun Günther, Senior Protection Officer beim Uno-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR). Derzeit müht sich das Werk, mehr Unterstützung aus den Geberländern nach Syrien zu bringen. "Wir müssen hier von einer Flüchtlingskrise sprechen", sagt sie. "Es ist absehbar, dass Syrien das bald nicht mehr tragen kann." Sollte das Land seine Grenze schließen, wäre auch der Westen mit dem Problem konfrontiert: "Wenn sie hier in der Region nicht mehr überleben können, werden sie irgendwie Wege nach Europa finden."

Rohbauten an ungepflasterten Trampelpfaden

In Damaskus gibt es mittlerweile Gegenden, die mehrheitlich von Irakern bewohnt sind. Nach Jaramana sind Tausende Christen gezogen. Der explodierende Wohnraumbedarf hat den ganzen Vorort in eine Großbaustelle verwandelt: An ungepflasterten Trampelpfaden wachsen Rohbauten in die Höhe, Hausskelette in verschiedenen Stadien der Fertigstellung stehen gequetscht in den Lücken zwischen Plattenbauten; wo noch ein Fleckchen Freiraum war, gähnen Baugruben, an den Rändern des Viertels wuchern Slums ins Brachland.

"Hier in Jaramana gibt es mehr als 400 irakische Geschäfte und Restaurants", sagt Amanoail Khoshaba. Der Leiter des Büros der irakischen Assyrisch-Demokratischen Bewegung in Damaskus hilft seinen Landsleuten, Zugang zu kostenloser Behandlung in Krankenhäusern zu bekommen. "In Syrien finden die Christen aus dem Irak eine sichere Zuflucht", sagt er. "Und solange die Gewalt sich gegen sie richtet, werden sie weiter zu Tausenden kommen." Khoshaba erzählt, dass es in seiner Heimatstadt Basra vor vier Jahren noch 1500 christliche Familien gab, "davon sind jetzt sind vielleicht noch 200 übrig."

Neben Khoshabas Büro lehnt der 29-jährige Bassam Mouzafar am Türrahmen seines neuen Reisebüros und sieht zu, wie die Monteure ein Neonschild an die Fassade schrauben. Am 11. Juli ist er aus Bagdad gekommen. "Sie haben versucht, mich zu entführen, um Lösegeld zu erpressen", erzählt er. Als er seinen Angreifern zu entkommen versuchte, schossen sie ihm drei Mal in die Brust. "Sobald meine Wunden verheilt waren, bin ich geflohen, denn ich wusste, sie würden wiederkommen." Seine Familie sei reich gewesen, habe Immobilien und Geschäfte besessen. "Nun muss ich in der Fremde wieder bei Null anfangen."

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