Petraeus-Affäre: Gefangen im Dickicht des Skandals

Von , New York

Die Affäre um den gestürzten CIA-Chef Petraeus wird immer undurchsichtiger. Jetzt ist auch der Afghanistan-General Allen darin verstrickt. Üppig blühen die Gerüchte, Andeutungen machen die Runde. Wer stürzt noch wegen des Skandals?

Ex-CIA-Chef Petraeus (l.), General Allen (Archivbild): Affäre wird vertrackter Zur Großansicht
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Ex-CIA-Chef Petraeus (l.), General Allen (Archivbild): Affäre wird vertrackter

Der Titel der neuen "CIA-Broschüre" sagt bereits alles: "Wie Sie wissen, ob Sie in den Petraeus-Skandal verwickelt sind". Darunter findet sich eine Checkliste zum Nachprüfen, ob man womöglich selbst verstrickt ist in Washingtons Affäre der Stunde, den Sturz des CIA-Direktors David Petraeus über eine außereheliche Beziehung.

"Haben Sie David Petraeus je kennengelernt? Haben Sie je Oben-Ohne-Fotos eines FBI-Agenten erhalten und/oder verschickt? Haben Sie je E-Mails mit Jill Kelley ausgetauscht?"

Oben-Ohne-Fotos? Jill wer? Eigentlich absurde Fragen und Namen, die aber längst keinen mehr wundern, der diese Story nur halbwegs verfolgt. Auch wenn die Broschüre natürlich nicht wirklich von der CIA stammt. Sondern aus der Feder des Humoristen Andy Borowitz, der sie jetzt auf der Website des "New Yorker" veröffentlichte, "als Antwort auf die Vielzahl panischer Anrufe der breiten Öffentlichkeit".

Komiker lieben dieses tollste Washington-Drama seit Bill Clintons Techtelmechtel mit der Praktikantin Monica Lewinsky. Kein Wunder: Täglich gibt es wilde Enthüllungen. Borowitz' Idee ist gar nicht so abwegig - immer mehr Namen sind in diesem Skandaldickicht gefangen. Wer muss als Nächster dran glauben?

Der aktuellste Name: Vier-Sterne-General John Allen, der US-Kommandeur der internationalen Afghanistan-Truppen und designierte Nato-Oberkommandeur. Allen trat seinen Posten als Nachfolger von Petraeus an, als der zum CIA-Direktor aufstieg. Am Dienstag wurde bekannt, dass das Pentagon nun auch Allens E-Mail-Verkehr auf "unangemessene" Inhalte prüfe. Adressatin dieser E-Mails: besagte Jill Kelley.

Zur Erinnerung: Kelley, eine in Militärkreisen verkehrende Chirurgengattin und enge Bekannte des Ehepaars Petraeus, brachte die Lawine erst ins Rollen. Sie hatte sich beim FBI über "belästigende" E-Mails der damaligen Petraeus-Geliebten Paula Broadwell beschwert. So stieß das FBI auf die Liaison.

"The rest is history", wie man sagt: Die Karriere eines einst als Helden gefeierten Generals ist zerstört, die eines zweiten nun auch noch bedroht - und die zwei mächtigsten Säulen des US-Verteidigungsapparats wanken.

Warum eigentlich? Sex, Eifersucht, potentieller Geheimnisverrat: Das Knäuel wird dichter und dichter - doch statt Antworten gibt es nur neue Fragen. Die demokratische Senatorin Dianne Feinstein umschrieb ihre Frustration am Dienstagabend auf CNN so: "Ich besitze keine faktischen Informationen." Das will was heißen: Feinstein ist Vorsitzende des Geheimdienstausschusses.

Welche der immer komplexeren Details sind wichtig, welche nebensächlich? Welche Vorwürfe sind sicherheitsrelevant und was ist bislang nur Gerücht?

1. Sex

Fest steht: Der verheiratete Petraeus, 60, hatte eine Affäre mit der verheirateten Broadwell, 40. Er beendete die Beziehung im Sommer - in etwa zur gleichen Zeit, da er von Broadwells "belästigenden" E-Mails an Kelley erfuhr. Deren genauer Inhalt bleibt unbekannt, vermutet wird aber Eifersucht auf eine - wahrscheinlich imaginäre - Gegenspielerin.

Na und? Alle Quellen betonen, dass die Affäre erst nach Petraeus' Wechsel zur CIA begonnen habe. Das wäre ein wichtiger Punkt: Als aktiver Soldat hätte er sich damit militärisch strafbar gemacht, als Zivilist nicht.

Weshalb ist er zurückgetreten? Aus Angst vor Erpressung? Da die Geschichte sowieso publik wurde, entfällt dieses Argument wohl. Angeblich gab Petraeus nur auf Drängen seines Bosses auf, Geheimdienstchef James Clapper. Gibt es da noch andere, düstere Hintergründe?

Pseudosexueller Nebenkriegsschauplatz: Kelley soll sich mit ihrer Cyber-Beschwerde über Broadwell an einen befreundeten FBI-Agenten gewandt haben. Als das FBI Kelleys E-Mails prüfte, fand es dort angeblich auch ein Oben-Ohne-Foto des Agenten. Warum, ist unklar. Über einen Mittelsmann habe der Agent später Eric Cantor kontaktiert, den Chef-Republikaner im Repräsentantenhaus. Der habe schließlich Clapper informiert - aus Sex wurde Politik.

2. Mitgefangen, mitgehangen

Die Nennung Allens verursachte am Dienstag großen Wirbel - und Durcheinander. In dem Fall gehe es um bis zu 30.000 E-Mails, hieß es zunächst. "Flirtend" sei der Ton, wird ein Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums von CNN zitiert. Allen, 58, habe Kelley, 37, als "Sweetheart" tituliert.

Kelley und ihr Mann sind sowohl mit Allen wie auch Petraeus befreundet. Sie leben in Tampa, wo Jill Kelley für das Militär Partys veranstaltet.

Später präzisierten Behördenvertreter das Ausmaß: Es seien Tausende Seiten, unter anderem mit E-Mails, aber nicht nur, viele dieser E-Mails seien Korrespondenz zwischen Allens Ehefrau Kathy und Kelley gewesen, mit Kopie an den General. Laut "Washington Post" sollen sich General Allen und Kelley nur 200 bis 300 Mails geschrieben haben.

Also die Frage: Na und? Nichts beweist eine Sex-Affäre - geschweige denn kriminelles oder sicherheitsrelevantes Verhalten. Weshalb auch Obama und Verteidigungsminister Leon Panetta dem General ihr Vertrauen aussprachen. Dessen Reputation dürfte aber beschädigt sein - und sein Aufstieg zum Nato-Kommandeur nun in den Sternen stehen.

3. Big Brother

Je länger der Skandal währt, umso mehr gerät auch das FBI selbst ins Visier. Nicht nur Bürgerrechtler stoßen sich daran, dass die Bundespolizei so einfach private E-Mails durchstöbern kann. Mit verheerenden Folgen: Was vielleicht nur als persönliche Racheaktion begann, wurde über Nacht zur Staatsaffäre.

"Nicht das persönliche Verhalten von General Petraeus und General Allen sollte untersucht werden", sagte Anthony Romero, der Chef der US-Bürgerrechtsorganisation ACLU, der "New York Times", "sondern welche Methoden der Überwachung das FBI angewandt hat, um in ihre Privatleben zu schauen." Dies sei ein Musterbeispiel dafür, "wie die Trennlinien zwischen privat und öffentlich verwischen".

4. Geheimnisverrat

Sex-Skandale in der Politik - und erst recht in der Geheimdienstsphäre - ziehen schnell den Verdachtsmoment des Hochverrats nach sich. Petraeus und Broadwell sollen aber versichert haben, bei ihrem Bettgeflüster seien keine Staatsgeheimnisse ausgeplaudert worden.

Broadwells E-Mails enthielten CBS zufolge zumindest "private Sicherheitsinformationen über Petraeus' Reisepläne". Die beiden kommunizierten über ein eigenes Gmail-Konto, und zwar unter Decknamen - für den Chef des weltgrößten Spionageamts eine erstaunlich laxe, da einfach aufzudeckende Tarnmethode.

Am Montagabend durchsuchten FBI-Agenten Broadwells Haus und schleppten kistenweise Beweismaterial davon. Angeblich sollen dabei auch "Kopien von Geheimdokumenten" gefunden worden sein, die aber nicht von Petraeus gekommen wären. Die Frage ist: Von wem dann?

Die wichtigsten Fakten zur Affäre Petraeus/Allen

  • CIA-Chef David Petraeus stürzte über eine Affäre mit Biografin Paula Broadwell. Das FBI ermittelt wegen möglichen Geheimnisverrats.
  • Broadwell schickte Droh-Mails an Jill Kelley, eine gute Freundin von Petraeus - und vermeintliche Konkurrentin. Kelley informierte das FBI.
  • Kelley selbst korrespondierte mit John Allen, Petraeus' Nachfolger als US-Befehlshaber in Afghanistan. Bis zu 30.000 potentiell "unangemessene" E-Mails sind sichergestellt - das Pentagon ermittelt.
  • Ein FBI-Fahnder schickte Oben-ohne-Bilder an Jill Kelley. Auch hier gibt es interne Ermittlungen.
5. Bengasi

Broadwell prahlte erst neulich bei einem Auftritt an der University of Denver mit CIA-Insiderwissen: Der September-Angriff auf das US-Konsulat im libyschen Bengasi könnte etwas mit einem geheimen CIA-Gefängnis in dem Gebäudekomplex zu tun gehabt haben. Das wäre eine der wenigen wirklich brisanten Enthüllungen dieser Affäre bisher. Die CIA wies diese Behauptung jedoch als "haltlos" zurück.

Die Republikaner hoffen trotzdem, den Skandal an die seit Wochen köchelnde Bengasi-Affäre hängen zu können. Sie werfen dem Weißen Haus vor, die Hintergründe der Attacke zu vertuschen, bei der vier Amerikaner umkamen. Am Donnerstag gibt es dazu eine Anhörung vor dem Senat, zu der Petraeus ursprünglich geladen war.

6. Das Timing

Der Skandal rüttelt am Heldenstatus, den die Amerikaner ihrer Militärführung immer noch zuschreiben. Generäle sind auch nur Menschen, heißt es nun. Dabei ist Petraeus kaum der erste und einzige Sünder. Sein Vorgänger in Afghanistan, Stanley McChrystal, stürzte über sein loses Mundwerk, dessen Vorgänger David McKiernan über Inkompetenz. Hinzu kommen eine Reihe andere Skandale amerikanischer Top-Generäle.

Für Obama hat dieser massive Gesichtsverlust ein extrem ungünstiges Timing: Die USA sind gerade dabei, ihren Abzugsplan für Afghanistan zu komplettieren - eine diffizile Aufgabe, an der Petraeus und Allen intensiv beteiligt waren.

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1. .
static_noise 14.11.2012
Ich bestreite nicht eine Sekunde das Fehlverhalten von Petraeus, dass er als CIA Chef unhaltbar geworden ist steht auch außer Frage. (Seine Kompetenz im Clandestinen scheint begrenzt.) ABER: Wen wundert nicht das Timing der Veröffentlichung, wenn verwundern nicht die halbgaren nun nachgeschobenen Verdächtigungen gegen Allen? Wie kommt es, dass Frau Kelly und ihr FBI Lover in Zentrum des Geschehens stehen aber scheinbar 'keine Rolle' spielen. Aufgegeilt durch die Medien den 'Promi Schmuddel Aspekt' und die relativ gutaussehende Geliebte von Petraeus (das macht was her in der Presse) werden wesentliche Fragen durch Journalisten nicht gestellt. Wer ist der ominöse FBI Mann durch dessen Hände alle Fäden laufen? Wieso wählt er nicht den Diesnweg/vertraut darauf, sondern informiert ein stink normales republikanisches(!) Kongress Mitglied damit jener die Infos ebenfalls über die PARTEI Schiene lanciert? Wie gesagt, das Faktische an Petraeus Handeln steht außer Frage, was ich mich frage: Wie wichtig es ist mit wem der Mann irgendwann in der Vergangenheit in die Kiste gegangen ist? Sicherheitspolitisch scheint die ganze Sache ja irrelevant zu sein. Hier wurde daher nach meinem Empfinden durch die Reps. im Vorfeld der verlorenen Wahl bewußt Munition gesammelt um a. den Präsidenten zu destabilisieren b. loyale Generäle (republikanisch aber zum Präsident stehend) abzusägen die als 'Verräter' gelte. c. den Demokraten in der Bengasi Affäre Feuer zu machen.
2. As in real life:
herr_kowalski 14.11.2012
Zitat von sysopGetty ImagesDie Affäre um den gestürzten CIA-Chef Petraeus wird immer undurchsichtiger. Jetzt ist auch der Afghanistan-General Allen darin verstrickt. Üppig blühen die Gerüchte, Andeutungen machen die Runde. Wer stürzt noch wegen des Skandals? http://www.spiegel.de/politik/ausland/cia-affaere-um-petraeus-und-broadwell-die-wichtigsten-themen-a-867123.html
Hier manifestiert sich das unglaublich bigotte, heuchlerische US-Amerika. Staunend sieht die Welt auf dieses lächerliche Gedöns herab. Menschen pflegen nunmal Beziehungen, manche auch ausserhalb ihrer Ehe. Dass dadurch offenbar eine so "gefestigte" Demokratie wie sie angeblich im land of the free and home of the brave ins Trudeln gerät und hinter jedem Busch nun auch noch ein Erpresser, der die Freiheit der USA bedroht, gesehen wird, ist an Phobie nicht mehr zu überbieten. Fehlt nur noch das statement des State Department, dass hier al quaida den Großangriff auf die USA gestartet hat. Armes Amerika.
3. 30000 Love-E-mails?
kritischergeist 14.11.2012
Der Afghanistan General ist maximal 3 Jahre im Amt und es ist anzunehmen dass er täglich 8 Stunden schläft, isst und oft auf Reisen ist. Er müsste alle 30 Minuten eine Love-Mail schreiben um auf die 30000 zu kommen. Wer glaubt sowas von den Journalisten bei SPON? Wohl nur diejenigen die in den MINT-Fächern auf der Uni versagt haben.
4.
kaliballer 14.11.2012
Zitat: Die demokratische Senatorin Dianne Feinstein umschrieb ihre Frustration am Dienstagabend auf CNN so: "Ich besitze keine faktischen Informationen." Diese Erkenntnis der Senatorin Feinstein sollte sich auch der Spiegel zu Herzen nehmen, denn dem Artikel sind kaum Fakten zu entnehmen. Wollen Sie weiter der Regenbogenpresse Konkurrenz machen ?
5. Merkwürdige Zusammenhänge....
Benjowi 14.11.2012
Falls es stimmt, dass in dem US-Konsulat in Bengasi tatsächlich eines dieser berüchtigten "Geheimgefängnisse" dieses Geheimdienstes betrieben wurde, bekommt der Angriff der Islamisten natürlich auch eine ganz andere Dimension-dann wäre dieses Konsulat nämlich keineswegs ein solch harmlose diplomatische Niederlassung gewesen als die sie dargestellt wird. Wobei auch das natürlich nicht solche Anschläge rechtfertigt, aber die Motovation würde klarer.
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