CIA-Auftrag Schweizer Ingenieure sabotierten Irans Atomprogramm

Sie arbeiteten für Pakistans Atombombenerfinder Khan. Dann heuerte die CIA die drei Schweizer an, besorgte sich von ihnen Informationen über sein Atomschmuggelnetz - und ließ sie Lieferungen an Länder wie Iran sabotieren. Jetzt enthüllt die "New York Times" Details über den Zehn-Millionen-Dollar-Deal.


Berlin - Hätten sie US-Pässe, wären Friedrich, Urs und Marco Tinner heute wahrscheinlich Helden und sähen sich nicht mit möglichen Anklagen konfrontiert. Über Jahre hinweg arbeiteten die drei Schweizer Ingenieure - ein Vater und seine beiden Söhne - parallel für den berüchtigten Nukearschmuggelring des Pakistaners Abdul Qadir Khan und den US-Auslandsgeheimdienst CIA.

Nuklearschmuggler Khan: Von der CIA unterwandertes Netzwerk
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Nuklearschmuggler Khan: Von der CIA unterwandertes Netzwerk

Schon seit Jahren wird darüber spekuliert, dass die Tinners den USA halfen, Khans Netzwerk aufzurollen. In ihrer heutigen Montagsausgabe legt die "New York Times" jedoch derart viele neue Details und Aussagen Beteiligter vor, dass die Geschichte als gesichert gelten kann.

Bis zu zehn Millionen Dollar, ein Teil davon übergeben in Koffern voller Bargeld: So viel erhielten die drei dem Bericht zufolge als Agentensalär vom US-Auslandsgeheimdienst. Im Gegenzug lieferten sie nicht nur Informationen aus dem Inneren des Schmuggelrings, der - so weit bisher bekannt - Iran, Libyen und Nordkorea mit Nuklar-Know-how und -Technik belieferte -, sondern halfen der CIA auch, den Kunden Khans sabotierte Teile unterzujubeln, um deren klandestine Atomprogramme aufzuhalten.

Die Geschichte begann in den Siebzigern, als Vater Friedrich Tinner mit Khan zusammenarbeitete. Ab Mitte der Neunziger half er ihm offenbar dabei, Libyens geheimes Programm aufzubauen. Im Jahr 2000 gelang es der CIA dann wohl, seinen Sohn Urs zu rekrutieren, der wiederum nach und nach seinen jüngeren Bruder und seinen Vater mit an Bord holte.

Lieferten die Tinners erste Hinweise auf Irans Programm?

Durch die drei Maulwürfe, bestätigte Gary S. Samore der "NYT", habe man seinerzeit erste Hinweise auf das iranische Programm erhalten. Die Zusammenarbeit mit den Tinners sei "sehr bedeutsam" gewesen, so Samore, der damals beim National Security Council für Proliferation zuständig war. Erst durch sie hätten die USA erfahren, dass Teheran Zentrifugen erworben hatte.

US-Geheimdienstler bestätigten dem Blatt zudem, dass die Tinners geholfen hatten, Material zu sabotieren. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) machte 2003 und 2004 dazu passende Entdeckungen: Ihre Delegation fand in Iran und Libyen identische Vakuumpumpen, die so präpariert worden waren, dass sie intakt aussahen, aber nicht vernünftig funktionieren konnten. Anfang 2006 explodierten in der iranischen Einrichtung Natans 50 Zentrifugen - auch das offenbar ein Erfolg der durch die Tinners angebrachten Manipulationen, in diesem Fall an einem Stromversorgungsteil.

Im Oktober 2003 führten Hinweise von Urs Tinner zum entscheidenden ersten Schlag gegen das Khan-Netzwerk: Eine Lieferung von wichtigen Komponenten nach Libyen wurde aufgehalten, Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi konnte angesichts dieser "smoking gun" nichts leugnen - und entschied sich, zu kooperieren und sein Programm einzustellen. Die anschließenden Untersuchungen ergaben Verbindungen Khans nach Iran und Nordkorea.

Schweiz ließ wichtige Akten vernichten

In der Schweiz wird unterdessen nach wie vor gegen die Tinners ermittelt - und die CIA-Tätigkeit spielt dort praktisch keine Rolle.

Seit 2005 sitzen die beiden Brüder dort in Untersuchungshaft. (Der Vater kam 2006 frei, aber vorbehaltlich weiterer Ermittlungen.) Erst Anfang dieses Monats entschied ein Schweizer Gericht, dass sich daran auch nichts ändern wird: Der Tatverdacht der "Produktion und Lieferung von Teilen für Gas-Ultrazentrifugen zur Urananreicherung zugunsten von Libyen" bestehe nach wie vor.

Urs Tinner hatte sich zuvor bei Gericht beschwert, weil er meinte, wegen einer Maßnahme der Schweizer Regierung seine Unschuld nicht mehr beweisen zu können. Hintergrund ist, dass der Schweizer Bundespräsident Pascal Couchepin im Mai zugegeben hatte, dass die Regierung etliche Dokumente, die den Fall betrafen, vernichten ließ. Die offizielle Begründung lautete, man habe sicherstellen wollen, dass die Bombenpläne nicht in die Hände von Terroristen oder weiteren Schurkenstaaten gelangten.

In Wahrheit, so die "NYT", sei es aber wohl eher darum gegangen, alle Hinweise darauf verschwinden zu lassen, dass die Tinners CIA-Mitarbeiter waren. Dem Blatt zufolge enthielten die vernichteten Papiere etliche Details, die das verraten hätten. Die USA sollen entsprechenden Druck auf die Schweizer ausgeübt haben, denn die CIA müsse sicherstellen, dass ihre Agenten nicht angeklagt werden - sonst würde es künftig schwerer, Mitarbeiter zu werben.

Doch was als Hilfe für die Tinners gedacht war, geht nun möglicherweise nach hinten los. Urs Tinner hatte bei seiner Beschwerde argumentiert, durch die Aktenvernichtung könne er nun nicht mehr beweisen, dass er die Lieferungen mit Absicht manipuliert hatte, berichtete die "Neue Zürcher Zeitung" Anfang des Monats.

Das mag so sein. Doch das zuständige Bundesgericht vertritt die Auffassung, dass Tinner trotzdem angeklagt werden kann - auch wenn etliche Dokumente fehlen. Im schlimmsten Fall droht Tinner so wohl eine Verurteilung, bei der völlig unberücksichtigt bleibt, dass er ein Doppelleben führte und seine Kunden in Wahrheit hinterging.

yas

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