David Petraeus Der tiefe Fall des großen Generals

David Petraeus galt den Amerikanern als Held, sogar als moralische Autorität. Jetzt erklärte der amtierende CIA-Chef und Ex-General überraschend seinen Rückzug. Petraeus musste gehen, weil er eine außereheliche Affäre hatte - und so nicht nur seine eigenen Prinzipien verriet.

AP/ The Charlotte Magazine

Von und , Washington


Gerade erst hat das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" ein ganz besonderes Heft herausgebracht. "Die Helden-Ausgabe", so steht es auf dem Titel. Die letzte Seite ist jenem Mann gewidmet, den die Amerikaner gemeinhin als einen der größten Helden der Gegenwart gesehen haben: General David Petraeus.

Der 60-Jährige gibt zwölf Lehrsätze für gute Führung. Nummer eins lautet: "Stehe an der Spitze der Formation und führe beispielhaft. Nimm deine Leistung persönlich - wenn du stolz darauf bist, Durchschnitt zu sein, trifft das auch auf Deine Truppen zu." Und unter Punkt fünf hat Petraeus notieren lassen: "Wir machen alle Fehler. Entscheidend ist es, sie zu erkennen und einzugestehen."

Genau das scheint der CIA-Chef David Petraeus nun getan zu haben. Am Freitag trat er völlig überraschend von seinem Posten zurück und veröffentlichte dieses Schreiben:

"Seit mehr als 37 Jahren verheiratet, habe ich extrem schlechtes Urteilsvermögen bewiesen, indem ich eine außereheliche Affäre eingegangen bin. Ein solches Verhalten ist inakzeptabel, sowohl für mich als Ehemann wie auch als Leiter einer Organisation wie der unsrigen. Der Präsident hat meinen Rücktritt am Nachmittag dankenswerterweise akzeptiert."

Es ist der tiefe Fall eines Militär-Stars. Es ist das Ende einer amerikanischen Vorzeigekarriere. Denn Petraeus war nicht einfach irgendein General. Jeder kannte ihn, jeder wusste um seine Verdienste.

Als nichts mehr ging im Irak, als immer mehr US-Soldaten und Zivilisten bei Anschlägen starben, schickte ihn der damalige Präsident George W. Bush im Jahr 2007 als Oberbefehlshaber nach Bagdad. Petraeus erhielt eine massive Truppenaufstockung ("Surge") und änderte die Regeln des Kampfes: Die US-Soldaten zeigten mehr Präsenz im Land, waren gemeinsam mit irakischen Truppen unterwegs, versuchten, ein Vertrauensverhältnis zu den Menschen aufzubauen. Der Schutz der Bevölkerung war fortan das wichtigste Ziel.

Das wirkte, die Lage entspannte sich. Petraeus galt jetzt als große Nummer - daheim wie in Übersee. Ende 2008 machte ihn Bush zum Chef des Central Command der US-Streitkräfte, das die Einsätze der US-Armee in aller Welt koordiniert.

Wie er denn nun an seinen neuen Job herangehe, fragte ihn damals der SPIEGEL. "Nüchtern", sagte da Petraeus: "Wirklich sehr nüchtern." Und als ob das nicht genug der Zurückhaltung wäre, fügte er noch hinzu: "Ich könnte auch sagen: mit kühlem Realismus angesichts der gewaltigen Probleme." Ja, sinnierte er ein paar Zeilen später, er sei eben "ein kühler Realist".

"Wir dachten immer, dass es für David nur die Karriere gab"

Es ist auch dieser Ruf des rational handelnden Strategen, der so ganz und gar widersprüchlich scheint zu seiner jetzt eingestandenen außerehelichen Affäre. Entsprechend schockiert reagieren sie im Militär, der Vier-Sterne-General galt den meisten als Vorbild, "Mr. Disziplin" nannten sie ihn. Oder einfach: "King Dave". Jeden Tag trieb er Sport (Regel Nummer zehn aus der "Newsweek"-Sonderausgabe: "Halte dich fit für den Kampf"), Alkohol existierte in seiner Welt nicht und pro Nacht waren nur wenige Stunden Schlaf drin.

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Der große General: David Petraeus tritt zurück

Der Sohn eines holländischen Kapitäns legte in der US-Armee schon früh die Grundlagen für seine Karriere. Der Fallschirmjäger besuchte die Eliteschmiede der US-Armee in West Point. An der Universität Princeton erwarb er einen Doktortitel in Politikwissenschaft mit einer Studie, die das Debakel der US-Streitkräfte in Vietnam behandelt.

Selbst beim Joggen hatte Petraeus stets einen Assistenten dabei, der Tagesbefehle, Memos und Aufträge notieren musste. Dass ausgerechnet dieser Vorzeigesoldat nun wegen einer Liebesaffäre aufhören muss, ist für ehemalige Weggefährten schier unfassbar: "Wir dachten immer, dass es für David nur die Karriere gab", sagt ein Offizier.

Doch sein Rücktritt an diesem Freitag ist zwangsläufig. CNN-Informationen zufolge untersuchte schon das FBI den Fall. Früher oder später wäre die Affäre an die Öffentlichkeit gedrungen. Der Chef des mächtigsten Geheimdienstes der Welt aber darf sich nicht angreifbar machen.

Dass der Präsident den Rückzug Petraeus' keineswegs gleichgültig hingenommen hat, ist schon an seiner offiziellen Stellungnahme zu erkennen. Darin dankt Barack Obama für den "außerordentlichen Dienst", den der General den USA erwiesen habe. Er habe das Land "sicherer und stärker" gemacht. Am Ende fügt er noch eine persönliche Note mit Blick auf das Ehepaar Petraeus ein: "Meine Gedanken und Gebete sind bei Dave und Holly Petraeus. Ich wünsche Ihnen nur das Beste in dieser schwierigen Zeit."

Mr. Disziplin redet Tacheles

Die Worte zeigen: Petraeus, der wegen seines Irak-Einsatzes und seiner konservativen Überzeugung einst als "Bushs General" galt, wurde auch zu Obamas Mann für die prekären Aufgaben. Der Präsident schickte ihn 2010 nach Kabul, um dort den Oberbefehl für Afghanistan zu übernehmen. Sein Vorgänger Stanley McChrystal musste wegen abfälliger Interviewäußerungen über die US-Regierung seinen Posten räumen. Karrieretechnisch eigentlich ein Rückschritt, doch in Wahrheit eine große Herausforderung. Denn schließlich war ja auch Afghanistan auf dem Weg ins Chaos. Dass Petraeus damit umgehen kann, hatte er schon im Irak bewiesen. Auch Obama stockte die Truppen auf, legte aber zugleich ein Abzugsdatum fest.

Das gefiel Petraeus wie auch anderen Generälen ganz und gar nicht. Im vergangenen Jahr redete Mr. Disziplin Tacheles bei einer Senatsanhörung: Ja, er habe Obama einen langsameren Abzug empfohlen. Allerdings, so schränkte Petraeus gleich ein, bekomme kein Befehlshaber "alle Kräfte, die er haben möchte, für immer". Es gebe eben Überlegungen, die über die eines militärischen Kommandeurs hinausgingen. Petraeus war der Diplomat unter den Generälen.

Obama jedenfalls ließ sich irgendwann von Petraeus' Loyalität überzeugen, machte ihn im September 2011 zum CIA-Chef, nachdem Vorgänger Leon Panetta ins Verteidigungsressort gewechselt war. Eine Wahl, die auch im Kongress gut ankam. Mit einer überwältigenden Mehrheit von 94 der 100 Senatoren bestätigte die Kammer im Sommer 2011 die Nominierung des Generals. Petraeus zog sich als CIA-Chef nun zurück und scheute nun mehr denn je öffentliche Auftritte.

Zuletzt geriet er während der Aufklärung der terroristischen Attacke auf die US-Vertretung im libyschen Bengasi in die Kritik und hätte in Kürze vorm Parlament Auskunft geben müssen. Nach dem Anschlag hatte die CIA Obama tagelang versichert, die Attacke sei aus einer spontanen Protestaktion erwachsen. Wie sich später herausstellte, handelte es sich aber um einen geplanten Terroranschlag von islamischen Extremisten am Jahrestag der Anschläge gegen die USA vom 11. September 2001.

Eine Affäre mit seiner Biografin?

Immer war klar, dass der über alle Parteigrenzen hinweg beliebte Mann nicht nur militärische Qualitäten hat. Obama war anfangs auch deshalb misstrauisch, da Petraeus seit Jahren als möglicher republikanischer Präsidentschaftskandidat genannt wird. Der Wechsel vom Militär in die Politik ist nicht ungewöhnlich in Amerika, Bush junior etwa hatte den Vier-Sterne-General Colin Powell zum Außenminister gemacht. Zuletzt gab es sogar Gerüchte, Petraeus könne womöglich als Vize-Kandidat von Mitt Romney antreten.

Doch aus der politischen Karriere wird jetzt nichts mehr. Weitere pikante Informationen werden in den kommenden Tagen und Wochen durchsickern. So berichtet das Internetmagazin Slate, dass Petraeus' Geliebte die Autorin Paula Broadwell war. Broadwell, selbst Reserveoffizierin, veröffentlichte erst jüngst eine überaus positive Petraeus-Biografie: "All In: The Education of General David Petreaus."

Sie habe den General auch in Afghanistan begleitet, schreibt Slate, und regelmäßig Fünf-Meilen-Läufe mit ihm absolviert. Das aber taten auch andere Journalisten. In Washingtoner Regierungskreisen heißt es, Petraeus sei der Frau verfallen gewesen, habe ihr Hunderte Mails von seiner privaten Adresse geschrieben. Als das FBI darauf aufmerksam wurde, sei der Fall als mögliche Sicherheitsbedrohung untersucht und das Weiße Haus informiert worden.

Kaum jemand hatte Petraeus, dem Mann mit den zwölf Lebensregeln aus "Newsweek", eine solche Affäre zugetraut. Übrigens, die Verfasserin des Artikels auf Seite 64 dieser Helden-Sonderausgabe heißt: Paula Broadwell.

Mit Material von AFP



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shatreng 10.11.2012
1. kapier ich nicht
Ich kann diese "christliche" Doppelmoral in Amerika nicht verstehen. Es ist bspw. völlig in Ordnung Kriege zu führen, bei denen hunderte Soldaten und Zivilisten umkommen, aber wehe jemand geht fremd o.ä. dann muss er sofort gehen, siehe Clinton. Das ist in meinen Augen doch Privatsache und so heuchlerisch muss man erstmal sein, dass man zu Greultaten Ja und Amen sagt, aber bei Ehe und Abtreibung die Moralkeule rausholt.
dunnhaupt 10.11.2012
2. Wie sagt man's dem Volk?
Nur mit einem Satz "bestätigte das Weiße Haus", dass der Präsident dem Resignationsgesuch stattgegeben habe. Im Klartext heißt das: er wurde gefeuert.
sgvs 10.11.2012
3. Missverständnisse
Rücktrittsgrund kann nur die Erpressbarkeit sein. Erpressbar wird man in so einem Fall nur durch fehlende Rückendeckung,
Wilder Eber 10.11.2012
4. Streitkräfte
Zitat von sysopREUTERSDavid Petraeus galt den Amerikanern als Held, sogar als moralische Autorität. Jetzt erklärte der amtierende CIA-Chef und Ex-General überraschend seinen Rückzug. Petraeus musste gehen, weil er eine außereheliche Affäre hatte - und so nicht nur seine eigenen Prinzipien verriet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/cia-chef-petraeus-tritt-wegen-affaere-zurueck-a-866431.html
Je mehr Lametta, desto grösser die Pappnase. Leute, es war klar das es so kommen wuerde - Streitkräfte eben.
germanvirgin 10.11.2012
5. lieber
Zitat von sysopREUTERSDavid Petraeus galt den Amerikanern als Held, sogar als moralische Autorität. Jetzt erklärte der amtierende CIA-Chef und Ex-General überraschend seinen Rückzug. Petraeus musste gehen, weil er eine außereheliche Affäre hatte - und so nicht nur seine eigenen Prinzipien verriet. http://www.spiegel.de/politik/ausland/cia-chef-petraeus-tritt-wegen-affaere-zurueck-a-866431.html
SPON, eine Entlassung ist ein tiefer Fall. Ein Ruecktritt ist fuer mich immer noch eine eigene Entscheidung!
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