CIA-Chef: "Wir haben nie gesagt, dass es eine akute Bedrohung gibt"

In seiner mit Spannung erwarteten Rede hat CIA-Chef Tenet die Arbeit der amerikanischen Geheimdienste vor dem Irak-Krieg verteidigt. In diesem Geschäft liege man nie völlig richtig oder völlig falsch, sagte er. Über die Existenz von Massenvernichtungswaffen hätten nur ungenaue Informationen vorgelegen. Präsident Bush rechtfertigte unterdessen erneut den Krieg.

George Tenet: Der CIA-Chef verteidigte die Arbeit des Geheimdienstes
AFP

George Tenet: Der CIA-Chef verteidigte die Arbeit des Geheimdienstes

Washington - "Im Geheimdienstgeschäft liegt man praktisch niemals vollkommen richtig oder völlig falsch", sagte Tenet in der Georgetown University von Washington. Der CIA-Chef betonte, die Geheimdienstexperten hätten in ihren Berichten für die US-Politiker ein objektives Bild eines "brutalen Diktators" gezeichnet, der die Weltöffentlichkeit zu täuschen suchte und weiter an Programmen arbeitete, die "unsere Interessen bedrohen könnten".

Die Mitarbeiter der Geheimdienste hätten aber niemals gesagt, dass es eine akute Bedrohung im Irak gebe. Man habe vor dem Irak-Krieg nur ungenaue Kenntnisse über die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Land gehabt. Es habe außerdem widersprüchliche Informationen und unterschiedliche Analysen gegeben.

Tenet bestritt, dass der CIA in der Irak-Frage politisch unter Druck gesetzt worden sei, um den Irak-Krieg zu rechtfertigen: "Niemand hat uns gesagt, was wir sagen sollen."

Die Suche nach Massenvernichtungswaffen im Irak sei noch keineswegs vorbei. Man werde die amerikanische Bevölkerung informieren, sobald die Wahrheit ans Licht gekommen sei. Es sei noch immer nicht geklärt, in welchem Ausmaß und mit welchem Erfolg Saddam Hussein vor dem Krieg seine eindeutigen Pläne zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen umgesetzt habe.

Tenet widersprach damit ausdrücklich den Angaben des vor kurzem zurückgetretenen US-Waffeninspektors im Irak, David Kay. Dieser hatte gemeint, 85 Prozent des irakischen Waffenprogramme seien ohne Belege für die Existenz von Massenvernichtungswaffen untersucht worden. Kay hatte die Geheimdienste wegen unzutreffender Informationen kritisiert.

Saddam Hussein habe wiederholt über Massenvernichtungswaffen gelogen, sagte Tenet. Es habe eindeutige Belege dafür gegeben, dass es im Irak biologische und chemische Waffen gegeben habe. Ebenso habe es Beweise gegeben für die Absicht Saddams, auch nukleare Waffen zu entwickeln.

Bush sprach unterdessen einmal mehr von einer unmittelbaren Bedrohung, die vom Irak ausgegangen sei. Das diktatorische Regime Saddam Husseins sei eines der brutalsten, korruptesten und gefährlichsten in der Welt gewesen, sagte Bush in South Carolina. Jahrelange habe Saddam Hussein Terroristen unterstützt, und jetzt sitze er in einer Gefängniszelle.

Auch US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte vor Tenets Rede die Entscheidung zum Irak-Krieg erneut verteidigt. Es sei zwar möglich, dass der Irak keine Massenvernichtungswaffen gehabt habe, aber er sei noch nicht bereit, diesen Schluss zu ziehen. Dafür sei es zu früh, sagte Rumsfeld bei einer Kongressanhörung. Außerdem sei die Welt ohne Saddam Hussein besser dran.

Im Verlauf seiner Rede lobte Tenet die Arbeit des Geheimdienstes. Die Aufdeckung des Atomschmuggels durch den pakistanischen Topwissenschaftler Abdul Qadeer Khan sei auch ein Verdienst der CIA. Agenten hätten Khans Netzwerk seit langem beobachtet. Zusammen mit den Briten habe der US-Geheimdienst ein genaues Bild von dem Netzwerk, dessen Kontakten und Finanziers gewonnen. "Unsere Spione haben über die vergangenen Jahre das Netzwerk in einer Serie gewagter Operationen unterwandert." Auf diese Weise sei es unter anderem gelungen, die Lieferung verbotener Materialen nach Libyen zu unterbinden.

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