US-Folterbericht "Nashiri reagiert gut auf harte Behandlung"

119 Männer, Dutzende Foltermethoden: Der Senatsbericht über die CIA-Folter beschreibt detailliert das Martyrium der Terrorverdächtigen. Die Männer haben schwere psychische Schäden davongetragen, Geheimnisse verraten haben sie wohl nicht.

Von , New York


Abu Zubaydah ist kooperativ. Der 31-jährige Araber, 2002 in einem von Al-Qaida genutzten Haus im pakistanischen Faisalabad gefasst, plaudert willig mit zwei FBI-Agenten. So offenbart er erstmals den Namen des Hintermanns der 9/11-Anschläge, Khalid Sheikh Mohammad.

Es hilft ihm nichts. Zubaydah, Amerikas 9/11-Häftling Nr. 1, landet in den berüchtigten "schwarzen" CIA-Lagern, mutmaßlich zunächst in Thailand, dann in Polen. Dort wird er mehr als drei Wochen lang fast rund um die Uhr gefoltert. Nach viereinhalb Jahren landet er im US-Lager Guantanamo Bay, wo er bis heute einsitzt - obwohl er offenbar keine große Rolle im al-Qaida-Netzwerk spielte.

Zubaydah ist einer von insgesamt mindestens 119 Terrorhäftlingen, deren Misshandlung der 6700 Seiten starke Folterbericht des US-Senats anprangert. Die am Dienstag veröffentlichte Zusammenfassung, ihrerseits 499 Seiten lang, zeigt vier dieser Schicksale in grausigem Detail auf. Manches war bisher bekannt, vieles nicht.

Abu Zubaydah steckte 29 Stunden in einer nicht mal 70 Zentimeter langen Kiste
AP

Abu Zubaydah steckte 29 Stunden in einer nicht mal 70 Zentimeter langen Kiste

Abu Zubaydah wird am 28. März 2002 in Pakistan aufgegriffen. Der damals 31-jährige Saudi-Araber erleidet Schusswunden. Die CIA glaubt, dass er "detaillierte Kenntnisse" über Terroranschläge habe - laut Senatsbericht aber eine "erhebliche" Überbewertung seiner Rolle.

Zubaydah ist der erste Häftling, an dem die Foltermethoden angewendet werden. Die CIA testet an ihm, wie weit sie internationale Konventionen dehnen kann. Zubaydah wird in ein "schwarzes" CIA-Lager ("Detention Site Green") in einem im Bericht ungenannten Drittland verbracht, nach Medienberichten handelt es sich um Thailand. Dort verhören ihn zunächst FBI-Agenten. Zubaydah zeigt sich kooperativ und sagt sogar aus, als er intubiert auf der Krankenstation landet - indem er auf eine Tafel mit arabischen Schriftzeichen deutet.

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US-Folterbericht: So folterte die CIA
Die CIA foltert ihn trotzdem. Zubaydah wird nackt in eine komplett weiß gestrichene Zelle gesteckt, ohne Fenster, mit harschem Halogen-Licht rund um die Uhr. Sein Schlaf wird gestört, die Zelle mit lauter Rockmusik beschallt, um ein Gefühl der "erlernten Hilflosigkeit" zu schaffen. Einem ursprünglichen CIA-Memo zufolge soll er "für den Rest seines Lebens" in Isolation und ohne Kontakt zur Außenwelt gehalten werden.

Zwei CIA-Männer probieren "fast rund um die Uhr" Foltermethoden an ihm aus: Einsperren in einer Kiste, schmerzhafte Stresspositionen, Schlafentzug, Waterboarding, "Einsatz von Insekten", "vorgetäuschtes Begräbnis" - alle von Justizminister John Ashcroft abgesegnet.

Die "aggressivste Phase" beginnt am 4. August 2002 und dauert 20 Tage. Zubaydah wird nackt in eine sargähnliche Kiste gesperrt und dann dem Waterboarding unterzogen, bis er sich erbricht und unkontrolliert zu zucken beginnt.

Insgesamt verbringt er elf Tage und zwei Stunden in der Sargkiste und 29 Stunden in einer kleineren, nicht mal 70 Zentimeter langen Kiste. Ihm wird gesagt, dass er das Lager nur noch im Sarg verlassen werde. CIA-Kabeln zufolge habe Zubaydah oft "geweint", "gebettelt", "gefleht" und "geheult", oft sei er sogar so "hysterisch" gewesen, dass er nicht mehr "effektiv kommunizieren" habe können. Bei mindestens einer Waterboarding-"Session" habe er Schaumblasen vor dem Mund gehabt.

Abu Zubaydah gibt jedoch nichts preis, was auf neue Terroranschläge hindeuten würde. Im September 2006 wird er nach Guantanamo Bay auf Kuba verbracht, wo er bis heute einsitzt.

Abd al-Rahim al-Nashiri musste zweieinhalb Tage mit erhobenen Händen stehen
AFP

Abd al-Rahim al-Nashiri musste zweieinhalb Tage mit erhobenen Händen stehen

Abd al-Rahim al-Nashiri, ebenfalls ein Saudi-Araber, gilt als Chefplaner der Anschläge auf zwei ostafrikanische US-Botschaften 1998 und den US-Zerstörer "USS Cole" im Oktober 2000 im Jemen. Er wird im Oktober 2002 in Dubai gefasst und durchläuft fünf geheime CIA-Lager. Dort wird er ebenfalls mehrfach von CIA-Beamten gefoltert.

So muss Nashiri zweieinhalb Tage nackt, mit verbundenen Augen, an Händen und Füßen gefesselt und schlaflos in "stehender Stressposition" verbringen, "die Hände über dem Kopf" - obwohl ein Arzt warnt, dass er sich dabei die Schultern ausrenken werde. Ein CIA-Offizier hält ihm eine Pistole und eine "schnurlose Bohrmaschine" an den Körper. Auch wird ihm gedroht, dass man seine Mutter vor seinen Augen sexuell missbrauchen werde.

"Nashiri reagiert gut auf harte Behandlung", prahlt die CIA in einem internen Bericht. Doch sogar der CIA-Verhörchef - dessen Name in dem Bericht geschwärzt ist - distanziert sich: Er wolle "nicht länger auf irgendeine Weise mit dem Verhörprogramm in Verbindung gebracht werden", wütet er in einer E-Mail an Kollegen. Statt dessen werde er sich in Kürze pensionieren lassen, um "so schnell wie möglich vom Zug zu springen". Auch andere befürchten, dass die Methoden Nashiri "um den Verstand bringen" würden. Psychologen diagnostizieren "Angstzustände" und "schwere Depressionen".

Informationen über geplante Terroranschläge bietet Nashiri in der ganzen Zeit keine. Seit September 2006 sitzt er in Guantanamo Bay.

Ramzi Bin al-Shibh wurde rasiert und bei eisigen Temperaturen nackt ausgezogen
AP / Flashpoint Partners

Ramzi Bin al-Shibh wurde rasiert und bei eisigen Temperaturen nackt ausgezogen

Ramzi Bin al-Shibh identifiziert die CIA schon kurz nach dem 11. September 2001 als einen "Hintermann" der Anschläge. Der Jemenit wird im September 2002 in Pakistan gefasst und verbringt zunächst fünf Monate in der Haft "einer ausländischen Regierung", mutmaßlich der Pakistans. Im Februar 2003 wird Shibh der CIA übergeben, als deren 41. Terrorhäftling.

Auch hier überschätzt die CIA seine Rolle und sein Wissen: Er besitze "kritische Informationen über geplante Attentate und die Standorte hochrangiger Qaida-Mitglieder". Er wird rund 34 Tage in der "Detention Site Blue" gefoltert, nach Medienberichten wohl ebenfalls in Polen.

Shibh wird rasiert und nackt ausgezogen, bei eisigen Temperaturen. Für 72 Stunden wird ihm der Schlaf entzogen. Er wird an Händen und Füßen gefesselt, die Arme weit über den Kopf gestreckt, während die Füße so positioniert werden, dass er sich nicht abstützen kann.

Auch nachdem feststeht, dass Shibh keine nützlichen Informationen besitzt, wird er "konstant" weiter verhört. Drei Wochen lang dauert die Folter noch an, inklusive Schlaf- und Nahrungsentzug, Schläge auf den Bauch und ins Gesicht und andere "Techniken". Diese werden vor allem auch angewandt, wenn er seine Verhörführer nicht als "Sir" anspricht.

Die CIA "erkennt erst verspätet", dass Shibhs Folter "psychologische Probleme" auslöst. Die Symptome: Wahnvorstellungen, Paranoia, Schlaflosigkeit, Selbstmordversuche. Im April 2005 stellt ein CIA-Psychologe fest, dass Shibh zu dem Zeitpunkt "bis zu zweieinhalb Jahre" in "sozialer Isolation" verbracht habe, mit "eskalierenden Folgen" für seine Psyche. Seit September 2006 sitzt Shibh in Guantanamo Bay ein, wo er Anti-Psychotika verabreicht bekam.

Khalid Sheikh Mohammed wurde 180 Stunden am Stück am Schlafen gehindert
AP

Khalid Sheikh Mohammed wurde 180 Stunden am Stück am Schlafen gehindert

Khalid Sheikh Mohammed (KSM) ist der bekannteste Häftling, er hat sich als 9/11-Drahtzieher bekannt. Nach seiner Festnahme im März 2003 kommt er in die berüchtigte "Detention Site Cobalt" in Afghanistan, als "Salzloch" bekannt. Der CIA-Verhörchef kommentiert das in einer E-Mail an die Zentrale so: "Let's roll with the new guy." (Los geht's mit dem neuen Kerl.) Seine Worte sind eine Anspielung auf den Ausruf Todd Beamers, eines Passagiers der während des United-Flugs 93 zur Rebellion gegen die Entführer aufrief, die das Flugzeug aber schließlich in Pennsylvania abstürzen ließen.

Die Folter beginnt "wenige Minuten" nach Mohammeds Ankunft im Lager. Er wird nackt ausgezogen, ins Gesicht und auf den Bauch geschlagen, in die bekannten Stresspositionen und um den Schlaf gebracht, einmal 180 (sic) Stunden am Stück. Auch habe der Verhörchef eine "rektale Rehydration" angeordnet, um "totale Kontrolle über den Häftling" zu erreichen: Das helfe außerdem, dass KSM "einen klaren Kopf" zum Plaudern bekomme.

KSM wird 183-mal dem Waterboarding unterzogen. Das erste Mal dauert 30 Minuten, zehn Minuten länger als von den CIA-Justitiaren empfohlen. Sein Bauch schwillt so sehr an, dass KSM "Wasser ausspuckt, wenn auf den Bauch gedrückt wird". Die Folterer halten dabei seinen Mund auf, damit er nicht atmen kann. KSM habe "VIEL Wasser geschluckt", schreibt ein CIA-Arzt. Es handele sich um "Fast-Ertrinken".

Am 24. März 2003 endet die Folter abrupt, aus unbekannten Gründen. 2006 wird KSM nach Guantanamo Bay überführt. Erst dort gesteht er seine Beteiligung an den 9/11-Anschlägen.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels wurde der mutmaßliche Standort der "Detention Site Green" mit Polen angegeben. Laut US-Medienberichten ist es jedoch wahrscheinlicher, dass sich das Gefängnis in Thailand befand. Wir bitten, die Ungenauigkeit zu entschuldigen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 413 Beiträge
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saiber 10.12.2014
1. Gestaendnisse unter Folter
Haben wir denn nicht gelernt dass Gestaendnisse unter Folter nicht verwertbar sind?
Thyphon 10.12.2014
2. Eine anhaltende Schande
Es hat mich erschüttert, als ich vor 10 Jahren zum ersten mal die Fotos nackten geschundenen Menschen aus Abu-Ghraib gesehen habe, und es erschüttert mich noch heute, wenn ich die Details im Folterbericht lese. Es ist einfach nur eine große Schande und widerspricht allem, was ich in meinem Leben gelernt habe. Das solche Taten von unseren Freunden und Alliierten begangen wurden (und bestimmt auch noch werden) wirft auch ein schlechtes Licht auf uns. Am schlimmsten aber ist, dass die Opfer noch immer ohne Prozess, ohne Kommunikationsmöglichkeiten und ohne Aussicht auf Entlassung gefangen gehalten werden - wie lebende Tote, und das die Verantwortlichen niemals Konsequenzen für ihr Tun erfahren werden; weder strafrechtlich noch politisch.
spon-facebook-512598660 10.12.2014
3. Zahlen falsch?
Diese Methoden sind unmenschlich. Beim letzten Häftling stimmt aber an den Zahlen irgendwas nicht. Er wurde im März 2003 festgenommen und am 24. März 2003 endete die Folter. Dennoch soller er u.a. 30 Tage lang Schlafentzug gehabt haben und 183xWaterboording etc. Das paßt nicht. Falsch recherchiert oder falsch abgeschrieben?
nomadas 10.12.2014
4. Yes, we can - No, we can`t
CIA - das ist die "heimliche" US-Regierung. Es gibt nichts mächtigeres daneben. Sie bringen sie zum Reden oder zum Schweigen. Sie foltern und morden. Staatsräson. Ob Allende oder Martin Luther King. They do the Job. Guantanamo, Abu Ghraib, ja, manch einer denkt -im Stillen- auch an 9/11, wenn man CIA hört. Die noch Weltmacht Nr.1 hat dies nötig, zwingend. Will es und braucht es. Das ist eben einer ihrer Schatten. So wie Rassismus und Waffen en masse. Auch Herr Obama wird zum Ende seiner Amtszeit daran nichts wirklich ändern. Auch er will die Doktrin der "Pax americana" im 21. JH.
mimas101 10.12.2014
5. Ein Rechtsstaat
gibt sich Gesetze was zu tun ist wenn z.B. ein Straftäter wegen einer begangenen Straftat gefaßt wird oder Komplizen ermittelt werden sollen. Diese Gesetze sind immer anzuwenden und einzuhalten. Werden diese Gesetze von z.B. Ermittlern nicht eingehalten (oder jemand hilft anderen bei Gesetzesbrüchen pp) dann ist er ebenfalls dran - als Straftäter. Auch muß ein Rechtsstaat im Zweifelsfall die individuelle Schuld eines jeden einzelnen gerichtsverwertbar beweisen bzw. rechtlich sicherstellen das der Inhaftierte als gemeinschaftlich handelnd verurteilt werden kann. Das ist in den USA nicht anders als bei uns (s.a. die diversen Schadensersatzklagen nach brutalen Polizeiaktionen pp). Der Bericht zeigt allerdings auf das die CIA außerhalb des bestehenden Rechtsraumes handelte und Gefangene unbegründet mißhandelte, die Schwere des Attentats (viele Tote an Massenversammlungsorten) ändert hieran nichts. Die Folter-Methoden (möglicherweise auch Folter durch besonders gewaltbereite Personen) erinnern eher an dunkelste Diktatur-Methoden. Stattdessen haben sich die USA auf einen Rachefeldzug begeben, dabei auch gleichzeitig eine Art inländischen Überwachungsstaat installiert und im Ausland Kriege angezettelt damit möglichst die Terror-Organisation ganz ausgelöscht wird. Dabei müßte jeder wissen das gut organisierte Terror-Gruppen immer über personelle Reserven verfügen, um Ausfälle zu kompensieren, und Kriege pp eher weiteren Haß schüren.
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