CIA-Grauzone im Kosovo "15-20 Gefangene in orangefarbenen Anzügen"

Haben die USA das statusrechtliche Chaos im Kosovo genutzt, um dort Terrorverdächtige in einer Grauzone zu verhören? Der Menschenrechtsbeauftragte des Europarats, Gil Robles, will 2002 merkwürdige Vorgänge im US-Lager Bondsteel südlich von Pristina beobachtet haben.


Paris - Bisher waren die US-Gefangenenlager vor allem in Polen und Rumänien vermutet worden. Nun bringt die französische Zeitung "Le Monde" den Kosovo ins Spiel. Das Blatt beruft sich in einem Bericht der Samstagsausgabe auf Angaben des Menschenrechtsbeauftragten des Europarates, Alvaro Gil Robles.

Dieser habe den amerikanischen Stützpunkt Camp Bondsteel südlich von Pristina im September 2002 besucht. Dort habe er "etwa 15 bis 20 Gefangene in orangefarbenen Anzügen wie in Guantánamo" gesehen, zitiert das Blatt Gil Robles, der sich schockiert über die Zustände geäußert hatte. Unter den Gefangenen, die Gil Robles gesehen hat, waren vier Männer nordafrikanischer Herkunft. Die übrigen Gefangenen schienen ihm Kosovo-Albaner oder Serben zu sein.

Ob es zwischen den Gefangenen von 2002 und den Spekulationen über illegale CIA-Lager einen Zusammenhang gebe, könne man nur vermuten, sagte er weiter. "Ich kann keine direkte Verknüpfung ziehen zwischen diesen Informationen und Camp Bondsteel, weil ich nicht über konkrete Informationen verfüge", sagte Robles. "Aber ich glaube, man muss Erklärungen über diese Basis im Kosovo einholen, wie auch über andere Standorte, die verdächtig sein können" erklärte er weiter.

Guantanamo: Ein Gefangener auf dem Weg zum Verhör
AP

Guantanamo: Ein Gefangener auf dem Weg zum Verhör

Die Gefangenen seien in kleinen Holzbarracken eingesperrt, die von hohem Stacheldraht umgeben seien. Viele der Gefangenen seien bärtig gewesen und hätten den Koran gelesen, berichtete Gil Robles der Zeitung. Die meisten von ihnen seien in Einzelzellen untergebracht gewesen.

Die Gefangenen, die er gesehen habe, hätten nicht in Ketten gelegen. Eine amerikanische Soldatin, die zum Wachpersonal des Gefängnisses gehörte, habe ihm berichtet, sie habe vorher in Guantanamo Dienst getan. Ein Vertreter des US-Justizministeriums habe Gil Robles vor Ort zugesichert, dass diese Guantánamo-ähnliche Einrichtung im darauf folgenden Jahr aufgelöst werden sollte. Ob das tatsächlich geschehen ist, bleibt unklar.

Camp Bondsteel im Süden des Kosovo wurde 1999 nach dem Einmarsch der KFOR und dem Abzug der serbischen Armee unter anderem von in Deutschland stationierten US-Pionieren errichtet. Das "Lager" gleicht eher einer Festung. "Wir haben Bondsteel nicht für die nächsten Jahre, sondern für die Ewigkeit gebaut", so ein US-Soldat gegenüber SPIEGEL ONLINE, der am Aufbau von Camp Bondsteel beteiligt war.

2002 hatten die Gefangenen in Camp Bondsteel - wie in Guantanamo - keinen Zugang zu Anwälten, so Gil Robles. Es sei kein einziger juristischer Schritt unternommen und die Herkunft der Gefangenen im Unklaren gelassen worden.

Rechtlicher Status völlig unklar

Der Vorteil für die US-Behörden, Terrorverdächtige im Kosovo gefangen zu halten, läge auf der Hand. Ähnlich wie in Guantanamo ist die rechtliche Situation hier völlig unklar. Offiziell gehört der Kosovo noch zu Jugoslawien. Faktisch ist er ein Protektorat der Uno, die aber vor allem damit beschäftigt ist, die ethnischen Konflikte zwischen Albanern und Serben zu managen.

Der Kosovo verfügt zwar über ein Parlament und eine Regierung, sogar über einen Präsidenten. Doch das Staatsgebilde, dass dort in den vergangenen sechs Jahren mithilfe der Uno und der EU entstanden ist, ist nicht souverän. Die politischen Kräfte im Kosovo selbst sind viel zu sehr mit ihren regionalen Konflikten und schwelenden, oft gewalttätigen Auseiandersetzungen beschäftigt, als sich um dubiose Vorgänge in einem US-Stützpunkt zu kümmern. Auch Uno und EU hatten und haben nur sehr beschränkten Zugang zu Camp Bondsteel.

Der Menschenrechtler Gil Robles frage sich heute, ob Camp Bondsteel im Rahmen der Rotation von Gefangenen genutzt worden sei, die der CIA mit Flugzeugen zwischen Afghanistan, dem vorderen Orient Europa und Guantanamo hin und hertransportiert habe.



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