CIA und MI6 in Libyen Geheimwaffe gegen Gaddafi

Britische und US-Agenten unterstützen verdeckt die alliierten Truppen in Libyen. Sie kundschaften Ziele für Luftangriffe aus und könnten bald auch die Aufständischen trainieren. Das normale Programm für einen Geheimdienstler - doch dieser Einsatz folgt ganz eigenen Gesetzen.

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Hamburg - Sie sind militärisch ausgebildet, aber kämpfen dürfen sie nicht. Amerikanische und britische Agenten operieren bereits seit zwei Wochen heimlich in Libyen, berichten US-Zeitungen. Die Geheimdienstler müssen Informationen sammeln, Kontakte knüpfen, Ziele ausloten. Sie tragen keine Uniformen, aber sie sind die heimlichen Helfer bei diesem Militäreinsatz.

Meist sind bei solchen Aktionen kleine Teams unterwegs, im Irak und Afghanistan etwa waren es sechs bis acht Mann. Ähnlich wie in diesen Ländern bestehen die Bodentruppen aus Einheimischen, die Angriffe aus der Luft werden von westlichen Militärs geflogen - unterstützt von den Geheimdiensten.

"Doch Libyen ist ein völlig neues Terrain", sagt Erich Schmidt-Eenboom vom Forschungsinstitut für Friedenspolitik in Weilheim. Denn in dem nordafrikanischen Staat sind die Oppositionellen nicht nur mangelhaft ausgerüstet und organisiert - die Geheimdienste hatten offenbar zuvor auch gar keinen Kontakt zu ihnen. Wer sind die Führungspersonen? Wie werden sie sich künftig verhalten? Gibt es Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida? All diese Informationen fehlen den USA und ihren Verbündeten.

"Wir wissen, wogegen sie sind, " sagte der Vorsitzende des US-Geheimdienstausschusses im Repräsentantenhaus, Mike Rogers, "aber wir wissen nicht wirklich, wofür sie stehen."

"Schattenmacht" im Einsatz

So ist nach Einschätzung von Fachleuten eine der Hauptaufgaben der Geheimdienstler, Kontakte zu Einheimischen zu knüpfen und festzustellen, wie stark sie sind und über welche Ausrüstung sie verfügen - um dann der US-Regierung Empfehlungen zu geben, wie sie besser bewaffnet werden könnten. Offiziell bestätigt hat Washington den Einsatz der "Schattenmacht" (so die "New York Times") selbstredend nicht.

Künftig könnten Geheimdienstler aber als Militärberater oder -ausbilder für die Rebellen fungieren, meint Schmidt-Eenboom. Den Aufständischen fehlt es an vielem: Sie sind schlecht ausgebildet, schlecht organisiert und schlecht ausgerüstet.

Reporter berichten etwa von chaotischen Szenen bei dem Rückzug vor Gaddafi-Truppen.Um die Rebellen zu stärken, könnten die Agenten auch Waffenlieferungen organisieren, das haben sie in der Vergangenheit oft getan. Bereits vor einiger Zeit, berichten US-Medien, habe Obama eine Geheimorder unterzeichnet - darin ist die CIA als möglicher Koordinator von Waffen- oder Geldlieferungen an die Rebellen vorgesehen. Noch allerdings ist keine Entscheidung über mögliche Waffenlieferungen gefallen.

Einige Nato-Partner sträuben sich vehement, viele sähen darin einen Verstoß gegen das Uno-Waffenembargo.Ohnehin, argwöhnen viele, beschäftigten sich die Geheimdienste viel zu spät mit den Rebellen. Vor den Aufständen in Nordafrika sei die libyschen Aufständischen "auf den Radarschirmen der Geheimdienste kaum aufgetaucht", schreibt die "Washington Post".

Netz vor Ort lässt zu wünschen übrig

Auch Fachleute meinen: Offenbar sind Amerikaner und Briten vor dem Einsatz schlecht vernetzt gewesen in Libyen. "Human intelligence"- also die klassische Spionage, Agenten vor Ort - das sei die große Schwäche der US-Geheimdienste in der arabischen Welt, sagt Otfried Nassauer vom Berliner Informationszentrum für transatlantische Sicherheit (Bits). "Die Amerikaner haben sich lange sehr stark auf ihre überlegene Technik verlassen, auf Satellitenbilder und das Abhören von Funkverkehr. Was ihnen fehlte, das waren gute Leute vor Ort, ausreichend viele gute Leute."

Auch die Briten gaben zuletzt kein gutes Bild ab. Als Anfang März sieben Soldaten der britischen SAS-Spezialeinheit und einem Agenten des britischen Auslandsgeheimdienstes südwestlich der Stadt Bengasi landeten, um Kontakt zu Rebellen aufzunehmen, wurden sie prompt von den Aufständischen festgesetzt - offenbar hatten sie keine Ansprechpartner bei den Rebellen. Das müssen sie nun nachholen.

Die mögliche Bandbreite von Agenten-Einsätzen wie dem in Libyen ist sehr groß. Bereits seit dem Zweiten Weltkrieg unterstützte die Vorgängerorganisation der CIA militärische Einsätze der USA. Auch während der Kriege in Korea und Vietnam kam die mächtige Behörde zum Einsatz. In den achtziger Jahren zählten Attentate und Konterrevolution zum Repertoire der Agenten. "Sie können Großes mit der CIA bewegen", warb der Dienst damals um Nachwuchs.

Heute reichen die Aufgaben der Geheimdienstler "von Aufklärungsmissionen über Freunde, Feinde und mögliche militärische Ziele über die Koordination von Unterstützungsleistungen für die Freunde bis zu Sabotageakten gegen die Feinde oder bis zum Vorantreiben eines Regimewechsels", sagt Nassauer. Was genau unternommen wird, hängt davon ab, was der US-Präsident im Einzelnen autorisiert hat.

Operation außerhalb des Nato-Kommandos

Vielfach operiert die CIA allerdings in einer Grauzone. Um Terroristen zu bekämpfen, setzt sie sich über Gesetze hinweg und entzieht sich der öffentlichen Kontrolle. Präsident Gerald Ford verbot die Morde an politischen Gegnern 1976 zwar ausdrücklich, doch George W. Bush hob das wieder auf. Im Kampf gegen den Terror war jedes Mittel erlaubt.

Besonders heikel ist die Lage in Pakistan geworden. Drohnen feuern dort Raketen auf Stellungen von Radikalislamisten ab - oft treffen sie aber Zivilisten. Das Vertrauen der Pakistaner in die CIA ist erschüttert, Ausländer werden verdächtigt, für den US-Geheimdienst zu spionieren.

In Libyen sind offenbar bislang noch keine Drohnen im Einsatz. Doch Aufklärung ist auch hier eine der wichtigsten Funktionen der Agenten: Sie müssen Informationen über mögliche militärische Ziele sammeln. Ob ein Ort attackiert wird, entscheidet später das Militär - aber die Agenten vor Ort liefern das Rohmaterial. Darüber hinaus markieren sie schon mal potentielle Ziele für Jagdbomber mit Laser, so geschehen in Afghanistan 2001 oder im Irak 2003.

Dass nun britische und amerikanische Agenten in Libyen im Einsatz sind, überrascht nicht. Sie gelten als gut aufeinander eingespielt, halten auch in Friedenszeiten gemeinsame Übungen ab. Doch die Aktionen der USA und Großbritanniens werfen auch Probleme auf, meint Sicherheitsexperte Nassauer. Denn sie operieren parallel zu dem Nato-Kommando, das den Militäreinsatz führt.

In Afghanistan habe man gesehen, dass das zu großen Problemen führen könne, so Nassauer: "Das verletzt das Prinzip der Führung aus einer Hand. Die Koordination kann schwierig werden."

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Seite 1
mel80 31.03.2011
1. .
Die Parallelen zu den Anfängen des Afghanistan Krieges Ende der 70er Jahre, ist fast schon unheimlich. Ich schätze es wird auch genau so enden. M.
dr.épernay-boiler 31.03.2011
2. Man frag besser nicht...
...von wem oder was diese Tätigkeiten nicht gedeckt sind, sont bekommt man am Ende noch Antworten. Und muss Stellung beziehen. Solange sind die CIA- und MI6-Leute eben als freischaffende Künstler dort :D
january54 31.03.2011
3. Cleverer Schachzug!
Nicht schlecht...so umgeht man Bodentruppen! Der Aussenminister schon in London... Infiltration...
Ulrich Berger 31.03.2011
4. sysop #1
Zitat von sysopBritische und US-Agenten unterstützen verdeckt*die alliierten Truppen in Libyen. Sie kundschaften Ziele für Luftangriffe aus und*könnten bald auch die Aufständischen trainieren.*Das normale Programm für einen Geheimdienstler - doch dieser Einsatz folgt ganz eigenen Gesetzen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,754370,00.html
Diese libyschen in Personalunion Helden und Rebellen sind doch nur Staffage. Wenn das Ziel - ein solides Chaos im Lande - erreicht ist, muessen die weg. Zur Erlangung des Freifahrtsscheines zum "Weg-Machen" mutieren die dann eben zu Terroristen, bis jetzt weiss man ja noch nicht, wer oder was die sind, dann werden die schon richtig erkannt werden. Zum Schutz der Bevoelkerung kommen dann Helfer-Truppen ins Land, nicht zu verwechseln mit Besatzungstruppen, das sind die dann naemlich nicht, ganz bestimmt nicht! Mit denen kommt dann nach dem Irak-Modell ein L.Paul Bremer, stiehlt ein paar Milliarden Dollar a la Irak und zwingt Libyen pro-Monsanto usw.- Gesetze auf, ebenfalls nach dem Irak-Modell. Die beim Schutz der Zivilbevoelkerung entstehenden Fluechtlinge duerfen dann die umliegenden Laender aufnehmen - auch bekannt aus dem Irak. Usw., s.die Geschichte Irak's der letzten 8 Jahre.
firem 01.04.2011
5. Kussa Mussa
Ihren wichtigsten Agenten haben sie allerdings abgezogen.
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