Einsatz im Jemen: CIA verhindert offenbar Qaida-Anschlag auf US-Flugzeug

Von , Washington

US-Behörden haben nach eigenen Angaben frühzeitig ein Attentat auf eine Passagiermaschine verhindert. Der sichergestellte Sprengsatz scheint eine neue Qualität zu haben. Die Spur führt zu al-Qaida im Jemen - und zu einem gefürchteten Bombenbauer.

Gerade haben die Amerikaner an den spektakulären Schlag gegen Top-Terrorist Osama Bin Laden erinnert. Präsident Barack Obama nutzte die Zeit rund um den Jahrestag der Erschießung des Todfeinds für seinen Wahlkampf. Verteidigungsminister Leon Panetta stellte fest, die USA seien jetzt sicherer als zuvor. Und Jay Carney, der Sprecher des Präsidenten, wurde auf einer Pressekonferenz nach der aktuellen Bedrohungslage gefragt. Carney gab bei dieser Gelegenheit Entwarnung. "Wir haben keine glaubwürdigen Informationen", sagte er am 26. April, "dass terroristische Organisationen, al-Qaida eingeschlossen, Anschläge in den USA planen, die sich mit dem Jahrestag von Bin Ladens Tod überschneiden."

Kurz darauf ließ auch das Ministerium für Heimatschutz wissen: "Wir haben keine Hinweise auf spezifische, glaubwürdige Bedrohungen oder Anschlagspläne gegen die USA im Zusammenhang mit dem Bin-Laden-Jahrestag." Im Rückblick waren diese Statements möglicherweise nicht ganz zutreffend.

Am Montagabend liefen Eilmeldungen über die Ticker, der US-Geheimdienst CIA habe offenbar einen Bombenanschlag auf ein Passagierflugzeug verhindert. Kurz darauf wurde dies vom Weißen Haus bestätigt. Präsident Obama habe im April von den Anschlagsplänen erfahren, sagte eine Sprecherin. Ihm sei versichert worden, dass der Sprengsatz keine Gefahr für die Öffentlichkeit darstelle. Das FBI betonte ebenfalls, dass zu keiner Zeit eine Gefahr für die Bevölkerung bestand und dass die US-Regierung "eng mit ihren internationalen Partnern zusammenarbeite", um die mit dem Sprengkörper verbundenen Bedenken und Fragen anzugehen.

Kein Metall enthalten

US-Beamten zufolge plante die Qaida-Filiale auf der Arabischen Halbinsel (AQAP), also der jemenitische Arm der Terrororganisation, die Bombe in einer US-Passagiermaschine auf dem Weg nach Amerika zu zünden. AQAP spüre vermutlich Druck, eine erfolgreiche Attacke durchzuführen, um den Tod Bin Ladens zu rächen, erklärte ein hochrangiger US-Beamter.

Offenbar wurde der Anschlag in einem frühen Stadium verhindert, der auserkorene Selbstmordattentäter aus dem Jemen habe zu dem Zeitpunkt weder ein Ziel ausgewählt gehabt noch ein Flugticket gekauft, als die CIA eingegriffen habe, heißt es.

Was mit dem Mann geschehen ist, bleibt bisher unklar. Ebenfalls unsicher ist, ob er im Jemen selbst oder in umliegenden Ländern ergriffen wurde. Der sichergestellte Sprengsatz, der kein Metall enthalten haben soll, wird jetzt untersucht. Hätte der Attentäter damit unbemerkt die Sicherheitskontrollen am Flughafen überwinden können? Müssen die Kontrollen angepasst werden? All dies soll nun geklärt werden. Eine Anpassung der Kontrollen an den US-Flughäfen ist kurzfristig nicht geplant. US-Beamte erklärten, dass der aktuelle Plot die Versuche der Terroristen widerspiegele, Bomben zu bauen, die die Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen umgehen können.

Eines aber scheint schon jetzt klar: Der Sprengkörper ist wohl eine Weiterentwicklung jener Unterhosenbombe, mit welcher der nigerianische Islamist Umar Farouk Abdulmutallab Weihnachten 2009 ein Linienflugzeug über Detroit zum Absturz bringen wollte, glücklicherweise aber scheiterte. Die Bombe damals enthielt wohl den Sprengstoff Pentaerythritol oder Nitropenta (PETN). Die verwendete Menge hätte wahrscheinlich ausgereicht, um ein Loch in das Flugzeug zu sprengen. Abdulmutallab, mittlerweile zu lebenslänglicher Haft verurteilt, sagte in den Verhören direkt nach dem vereitelten Anschlag, er sei nur einer von mehreren Selbstmordbombern.

Sprengsatz im Rektum, Bomben in Frachtflugzeugen

Die Ähnlichkeiten des jetzt sichergestellten Sprengsatzes mit der Bombe von damals lassen Anti-Terrorexperten die Verwicklung eines gefürchteten Mannes in diesen Fall vermuten: des jemenitischen Bombenbauers Ibrahim al-Asiri.

Der missglückte Weihnachtsanschlag über Detroit war keineswegs seine erste Aktion. Im August 2009 sprengte sich sein Bruder - Abdullah al-Asiri - direkt neben Mohammed Bin Naïf, dem Sohn des saudi-arabischen Innenministers, in die Luft. Die Bombe hatte er sich zuvor rektal eingeführt. Doch während der Attentäter starb, überlebte Bin Naïf. Im Herbst 2010 dann versteckte die Terrororganisation AQAP zwei Sprengsätze in Computerzubehör, schickte sie mit Frachtmaschinen Richtung USA, sie sollten über der Ostküste explodieren. Auch dieser Anschlagsversuch konnte noch vereitelt werden.

Dass die US-Dienste diesmal offenbar sehr frühzeitig eingreifen konnten, kann die Obama-Regierung als Erfolg verbuchen. Ganz im Gegensatz zu dem nur durch viel Glück gescheiterten Anschlagsversuch von Detroit 2009: Immerhin war es Abdulmutallab gelungen, die Sicherheitskontrollen auszutricksen; die Katastrophe blieb aus, weil der Attentäter den Sprengstoff zwar entzünden aber nicht zur Explosion bringen konnte und ihn schließlich Passagiere überwältigten. "Es ist klar, dass AQAP ihre Bomben-Techniken verbessert, um einen Fehlschlag wie beim 2009er-Sprengsatz zu vermeiden", zitiert die Nachrichtenagentur Reuters nun einen US-Beamten.

Obama verhehlte damals seinen Ärger nicht, denn mehrere US-Dienste waren sogar zuvor vor Abdulmutallab gewarnt worden. Das FBI wusste etwas, die CIA wusste etwas, das Anti-Terror-Zentrum wusste etwas. Aber keiner handelte. "Ein Fehler im System hat sich ereignet, den ich als völlig inakzeptabel betrachte, dafür müssen alle Regierungsebenen Verantwortung übernehmen", sagte Obama damals.

Im April 2012 dagegen hat das Zusammenspiel von CIA und Co. offenbar funktioniert. Der Jemen aber bleibt eine Gefahrenquelle, al-Qaida scheint wegen der instabilen Verhältnisse im Land an Bewegungsspielraum und Einfluss zu gewinnen. Und möglicherweise auch an technischen Fähigkeiten. Schon seit einiger Zeit fürchtet das FBI, dass Bombenbauer wie Ibrahim al-Asiri künftigen Attentätern den Sprengstoff sogar implantieren könnten. Das wäre ein neues Bedrohungsszenario.

Mit Material von AP, AFP, Reuters

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1. Wahrscheinlich ...
Larsa 08.05.2012
dürfen jetzt Jemeniten gar nicht mehr direkt in die USA fliegen.
2. Na sicher doch!
deus_ex_machina 08.05.2012
Also ich habe gestern Abend meine Nachbarin vor einem Überfall durch Geldeintreiber des örtlichen Kaninchenzüchtervereins gerettet, die mit Arkebusen bewaffnet waren, den Geist von Josef Stalin dabei hatten und das Horst-Wessel-Lied sangen. Hat bloß keiner gesehen, leider, müssen wohl alle meiner Aussage glauben. Wenn es keinen Terrorismus gäbe, würden die Staatsbüttel ihn erfinden - ich bin mir nicht mehr sicher, ob der Konjunktiv hier angemessen ist.
3. Weiterentwicklung der Unterhosenbombe
eigen 08.05.2012
Würde mich ja nicht wundern, wenn der CIA Ibrahim al-Asiri vormals das Bombenbauen erst beigebracht hätte. Man erntet was man sät.
4. Passt alles...
clavianordlead2 08.05.2012
Es passt mal wieder alles zusammen. Jedenfalls der Zeitrahmen bzw. der Zeitpunkt einer solchen Meldung. "Oh, wir haben einen Unterhosenbomber aus den Al Quaida Reihen geschnappt und einen großen Terroranschlag vereitelt!". Ja, natürlich, liebe CIA! Zufälliger Weise läuft z.Z. auch der "Show-Prozess" gegen die 9-11-Drahtzieher bzw. gegen die "Verdächtigen". Schön ablenken heisst die Devise. Das Bild des Terrors gegen die USA soll/muss wieder schön in die Köpfe der Bevölkerung eingebrannt werden. Es gibt, -wie gewohnt-, nur spärliche Informationen. Liebe Bevölkerung: Aufwachen! Seht ihr denn das große ganze Bild nicht?
5. CIA u. Co.
odlu01 08.05.2012
Eine Behauptung ohne weitere Belege. Die USA bereiten soeben einen neuen Kriegseinsatz vor und streuen im Vorfeld neue Vorfälle in den Schurkenstaaten. Also ein Schlag gegen den Jmen steht unmittelbar bevor.
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