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Clinton im Aus: Das Ende einer Ära

Die frühere First Lady hat hoch gepokert. Und verloren. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, ist Barack Obama der Kandidat der Demokraten - in einem dramatischen Finale wurde heute Nacht die Ära Clinton beendet. Ein politischer Nachruf von Gabor Steingart.

Ich habe in den vergangenen Jahren zwei außergewöhnliche Amerikanerinnen kennen gelernt. Die eine hieß Hillary Clinton.

Hillary Clinton mit Familie: Das Rennen ist für sie gelaufen
AFP

Hillary Clinton mit Familie: Das Rennen ist für sie gelaufen

Wir waren in kleiner Runde zum Abendessen im Berliner Restaurant Borchardt verabredet. Die New Yorker Senatorin gab sich noch nicht als künftige Präsidentschaftsbewerberin zu erkennen. Sie sprach hingebungsvoll von den Details der Gesundheitspolitik und interessierte sich sehr für die europäischen Sozialstaaten.

Sie sog all die sperrigen Vokabeln in sich auf, die eine solche Debatte hervorbringt: Arbeitgeberbeitrag, Lohnnebenkosten, Zuzahlung. Sie bekam nicht genug davon. Ich kenne viele Politiker, aber nicht viele mit dieser Lust am Detail.

Interessant war auch der Ton des Abends. Hillary Clinton sprach leise, leiser jedenfalls als es einer früheren First Lady und jetzigen Senatorin zustehen würde. Sie versuchte in keinem einzigen Moment, die vierköpfige Runde zu dominieren. Sie war damenhaft, selbstbewusst, nachdenklich - und ein wenig "snobby" war sie auch.

Der Kellner jedenfalls hatte seine liebe Not mit ihr. Aus der Suppe, die sie als Vorspeise gewählt hatte, musste alles verschwinden, was irgendwie deftig sein könnte. Am Ende bekam sie wenig mehr als einen Teller warmes Wasser.

Rustikal wie eine Eckkneipe

Die zweite Amerikanerin, von der hier die Rede sein soll, trägt ebenfalls den Namen Hillary Clinton. Ich bin ihr im Zuge des Wahlkampfes durch halb Amerika gefolgt. Aber mit meiner Tischdame aus dem Borchardt hatte die Wahlkämpferin Clinton oft nur den Namen gemein.

Hillary Clinton II. war rustikal wie eine Eckkneipe und hart wie Stahlbeton. Sie lachte laut und konnte ziemlich gemein sein. Sie trank Bier, nicht mehr Wasser und Wein. In den Vorwahlen für die demokratische Präsidentschaftskandidatur hat sie ihrem Rivalen Barack Obama nichts erspart.

Sie hat sein Christentum in Frage gestellt, seinen Patriotismus, seine Erfahrung, sein Urteilsvermögen, seine persönliche Integrität. Auf dem Etikett, das sie ihm aufklebte, stand "der Wirklichkeitsfremde". Sie gab den Wählern zu verstehen: Ich bin hart und er ist weich. Ich bin real und er ist eine Erfindung seiner Redenschreiber.

Je länger der Wahlkampf dauerte, desto mehr hat sich Hillary II. von Hillary I. entfernt. Die eine war eine große Dame, die andere eine nicht minder große Kämpferin. Im Zuge dieses Kampfes hat sie alle Register gezogen, Selbstverleugnung inklusive.

Zeit für den Rückweg

Die Wähler verlangten nach mehr Gefühl - Hillary II. drückte eine Träne heraus. Die Wähler wünschten sich eine Kämpferin gegen die Finanzfürsten der Wall Street - Hillary II. war zur Stelle. Die hohen Benzinpreise schlagen den Wählern aufs Gemüt - Hillary Clinton II. reichte den Zapfhahn und versprach in Zeiten der Klimaerwärmung einen Gas-Tax-Holiday, eine Suspendierung der Benzinsteuer während der Urlaubszeit.

Die Präsidentschaftsbewerberin Clinton war nicht immer elegant, aber oft beeindruckend. Sie hat die Schwächen des Rivalen regelrecht herausgemeißelt. Die Zukunft wird zeigen, ob sie nicht in vielem recht behält.

Die demokratischen Wähler des gestrigen Tages aber sind ihr mehrheitlich nicht gefolgt. Ihre Kämpfernatur hat viele beeindruckt und mindestens genauso viele abgeschreckt.

Mit ihrer Niederlage in North Carolina und dem knappen Ergebnis in Indiana ist das Rennen für sie gelaufen. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, ist Barack Obama der Kandidat seiner Partei. Sein Vorsprung ist knapp, aber uneinholbar.

Hillary Clinton II. ist weit gegangen. Es wird Zeit, dass sie den Rückweg antritt.

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