Scharfe Kritik an SPD-Kandidat "Martin Schulz sollte sich schämen"

In Brüssel läuft der Machtpoker um das Amt des EU-Kommissionspräsidenten. SPD-Kandidat Schulz wird jetzt scharf attackiert: Der Grüne Daniel Cohn-Bendit wirft ihm vor, einen "nationalistischen Wahlkampf" geführt zu haben.

Daniel Cohn-Bendit: Schulz-Plakat "einfach schlimm"
AFP

Daniel Cohn-Bendit: Schulz-Plakat "einfach schlimm"

Von , Brüssel


Martin Schulz hofft auch auf die Grünen. Der SPD-Mann gibt den Kampf um das Amt des EU-Kommissionspräsidenten noch nicht verloren, will sich gegen den konservativen Rivalen Jean-Claude Juncker durchsetzen. Wenn am Dienstagvormittag die Fraktionsvorsitzenden im Europäischen Parlament zusammentreten, wird es auch um die Frage gehen, ob die grüne Fraktion sich hinter Schulz stellen und ihm so helfen könnte, noch eine Mehrheit zu zimmern.

Auf viel Wohlwollen kann er bei den europäischen Grünen aber nicht setzen, geht es nach Daniel Cohn-Bendit, scheidender Fraktionsvorsitzender der Grünen und einer der bekanntesten Europapolitiker. Er hat mit Schulz gebrochen - und ist über dessen Wahlkampf und sein Verhalten am Wahltag erzürnt. "Martin Schulz sollte sich schämen", sagt Cohn-Bendit SPIEGEL ONLINE. "Er hat in seinem Machthunger alle europäischen Prinzipien verraten und einen nationalistischen Wahlkampf geführt."

Cohn-Bendit spielt mit seiner Kritik auf ein Plakat an, das Schulz' Wahlkampfteam in den letzten Tagen gezeigt hatte. Darauf ist ein lächelnder Schulz zu sehen, neben seinem Konterfei steht der Satz: "Nur wenn Sie Martin Schulz und die SPD wählen, kann ein Deutscher Präsident der EU-Kommission werden."

"Schulz kann nicht verlieren - wie einst Gerhard Schröder"

Cohn-Bendit schimpft: "Dieses Plakat war einfach schlimm. Die EU-Kommissare sollen europäische Interessen vertreten, nicht die ihres Landes. Und das gilt erst recht für den Kommissionspräsidenten. Schulz stellt damit alles auf den Kopf, wofür wir in Europa über Jahrzehnte gekämpft haben."

Auch zuvor im Wahlkampf habe der SPD-Mann kaum eine Gelegenheit ausgelassen, sich als deutscher Patriot zu präsentieren. "Schulz hat geglaubt, er könne als Deutscher die Wahl gewinnen. Aber er ist ja als europäischer Spitzenkandidat angetreten. Mit seinem Auftreten verschärfte er nur die europaweiten Vorurteile gegen Deutschland als Hegemonialmacht in Europa."

Schulz-Wahlplakat: "Als Deutscher die Wahl gewinnen"
DPA

Schulz-Wahlplakat: "Als Deutscher die Wahl gewinnen"

Cohn-Bendit steht mit seiner Kritik an dem umstrittenen Plakat nicht alleine da. Auch in der Sitzung des SPD-Parteivorstands am Montag wurde das Thema kurz kritisch angesprochen. "Schulz hat noch Glück gehabt, dass andere Länder das nicht mitbekommen haben", sagt der Deutsch-Franzose Cohn-Bendit, der einst zu den Wortführern der Studentenbewegung in Paris gehörte.

Auch Schulz' Verhalten am Wahlabend stößt auf massive Kritik bei Cohn-Bendit. Der SPD-Mann hatte bei Auftritten in Berlin und Brüssel am Sonntag seine Ambitionen auf den Chefposten der Kommission klar unterstrichen, obwohl der Christdemokrat Juncker deutlich vor ihm liegt.

"Diese SPD-Leute können nicht verlieren, da ist Schulz genau wie einst Gerhard Schröder", sagt Cohn-Bendit. Der Altkanzler hatte nach seiner Wahlniederlage 2005 in einer legendären TV-Elefantenrunde Angela Merkel die Kanzlerschaft streitig gemacht, obwohl deren Union stärkste Fraktion geworden war.

"Schulz' Störrigkeit ist schlicht peinlich", schimpft Cohn-Bendit. "Wo soll eine Mehrheit für Schulz im EU-Parlament denn noch herkommen? Zeit, es endlich zuzugeben - statt einfach den Preis für sein Trostpflaster hochzutreiben."

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.