Colonia Dignidad "Deutschland trägt eine politische Mitverantwortung"

Jahrelang wurden Menschen in der deutschen Sektensiedlung Colonia Dignidad in Chile gequält. Jetzt wollen Union, SPD und Grüne den Opfern finanziell helfen: Am Freitag stimmt der Bundestag ab.

Ehemaliges Gelände der Colonia Dignidad in Chile
DPA

Ehemaliges Gelände der Colonia Dignidad in Chile

Von


Der Antrag brauchte mehrere Anläufe, doch nun werden die Bundestagsfraktionen von Union, SPD und Grünen an diesem Donnerstag über eine gemeinsame Initiative im Bundestag abstimmen lassen, die den Opfern der deutschen Sektensiedlung Colonia Dignidad in Chile Unterstützung zusichert. Die Bundesregierung wird aufgefordert, bis zum 30. Juni 2018 ein Konzept für konkrete Hilfeleistungen vorzulegen.

Die Colonia Dignidad ("Kolonie der Würde") war ein Ort des Grauens: Kinder und Jugendliche deutscher wie chilenischer Herkunft wurden sexuell missbraucht, Bewohner mit Elektroschocks gepeinigt und zu Zwangsarbeit verpflichtet, Gegner des chilenischen Diktators Augusto Pinochet zu Hunderten gefoltert und zu Dutzenden getötet.

Jahrzehntelang blieben die Verbrechen in der Siedlung, die der Jugendbetreuer Paul Schäfer 1961 in Chile gegründet und bis zu seiner Flucht 1997 angeführt hatte, weitgehend unentdeckt. Auch deshalb, weil Führungsmitglieder der Sekte enge Kontakte zu deutschen Politikern und Diplomaten hielten, und die Mitarbeiter deutscher Einrichtungen, etwa der Botschaft in Santiago de Chile, nicht so genau hinsahen.

Nach der Festnahme Schäfers kehrten immer mehr Bewohner nach Deutschland zurück, oft traumatisiert, oft auf staatliche Hilfen angewiesen. Zugleich kam die juristische Aufarbeitung der Verbrechen in Gang.

In Chile wurden Führungsmitglieder zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Einer der Verurteilten ist der ehemalige Sektenarzt Hartmut Hopp. Er setzte sich 2011 vor Verkündung des Richterspruchs nach Deutschland ab. Derzeit prüft das Landgericht Krefeld, ob das Urteil in Deutschland vollstreckt werden soll. Die Staatsanwaltschaft hatte das befürwortet.

Mehr zum Thema bei SPIEGEL+

Der Bundestagsantrag fordert die Bundesregierung nun auf, "eng mit dem chilenischen Staat bei der umfassenden Aufklärung der Geschehnisse auf dem Gelände der ehemaligen Colonia Dignidad sowie der von deren Führungsriege verübten Verbrechen zusammenzuarbeiten". Außerdem regt er einen Hilfsfonds für die Opfer der Sekte an, die zugleich die Möglichkeit zur psychosozialen Betreuung bekommen sollen.

"Deutschland trägt eine politische Mitverantwortung", sagt Michael Brand, der menschenrechtspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion und einer der Initiatoren des Antrags. "Mit diesem Beschluss erkennt der Bundestag übergreifend an, dass die Aufarbeitung des Geschehenen trotz einzelner Maßnahmen noch als Aufgabe vor uns steht", sagt Renate Künast von den Grünen.

Als Vorsitzende des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz im Bundestag führte sie eine Delegation aus sieben Ausschussmitgliedern an, die im Herbst vergangenen Jahres die Colonia Dignidad besuchten und mit Zeitzeugen sprachen. "Nach dem Besuch und Gesprächen mit deutschen wie chilenischen Betroffenen war mir eindrücklich klar: Es müssen nun Taten folgen, und wir müssen uns auf die Seite der Opfer stellen", sagt Künast.

Sie hatte zunächst einen Antrag initiiert, den 91 Abgeordnete von Grünen und Linken mit ihrer Unterschrift unterstützten. Erst in den letzten Wochen hatte sich zusätzlich die fraktionsübergreifende Initiative mit den Regierungsparteien abgezeichnet. "Dieser Antrag ist ein starkes Signal des Deutschen Bundestages", meint SPD-Mann Christian Flisek, der dritte Initiator.

Der Antrag wird Donnerstag gegen Mitternacht beraten. Für die Debatte sind 25 Minuten vorgesehen. Ehemalige Bewohner der Siedlung wollen dafür extra nach Berlin reisen und in den Bundestag kommen.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Bundestagsdebatte werde an diesem Freitag stattfinden. Tatsächlich ist sie auf Donnerstag terminiert. Wir haben den Fehler korrigiert.

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.