Präsidentenwahl in Costa Rica Wie der Eiferer zum Favoriten wurde

Costa Rica galt als aufgeklärtestes Land in Zentralamerika. Dann ordnete ein Gericht die Gleichstellung homosexueller Paare an - das treibt nun einem Laienprediger im Wahlkampf die Stimmen zu: Er steht für erschreckende Rückständigkeit.

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Von , Mexiko-Stadt


Der Mann, der am Ostersonntag Präsident Costa Ricas werden will, sagt Sätze wie diese: "Legt euch nie wieder mit der Familie an". Dabei reckt er die Hand in die Höhe, als weise er darauf hin, dass ihm dieser Satz von weiter oben aufgegeben wurde. "Es gibt nichts Fortschrittlicheres als die Familie und das Leben", behauptet Fabricio Alvarado Muñoz. "Das sollen sich die traditionellen Politiker eine Lehre sein lassen."

Seine Anhänger jubeln dem 43 Jahre alten Kandidaten zu, der so schnell reden kann, wie ein Maschinengewehr schießt. Anfang Februar hatte Alvarado Munoz die erste Runde der Präsidentenwahl in dem zentralamerikanischen Land mit 24,9 Prozent gewonnen. Die Costa Ricaner gaben mehrheitlich einem Politiker ihre Stimme, der im früheren Leben ein Kirchen-Popsänger und Laienprediger war.

Was ihm an politischer Erfahrung fehlt, ersetzt er durch messianischen Eifer: keine Gleichberechtigung von Frau und Mann, Ablehnung der Ehe für alle, von Gender-Themen und künstlicher Befruchtung ganz zu schweigen. Stattdessen: "christliche Werte", oder was er dafür hält.

Seine Gegner hingegen werfen ihm schlicht vor, ein Schwulenhasser zu sein und darauf eine politische Kampagne aufzubauen. Tatsächlich kamen andere Themen - wie etwa das hohe Haushaltsdefizit, die Armutsbekämpfung und die steigende Kriminalität - im Wahlkampf so gut wie gar nicht vor.

Kreuzzug gegen die Gleichberechtigung

Auslöser dieser erschreckenden Situation ist ein Entscheid des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte (CorteIDH). Das Gericht hatte über eine Rechtsanfrage der Regierung Costa Ricas zur Zulässigkeit der bisher verbotenen gleichgeschlechtlichen Ehe zu befinden. Die Richter urteilten überraschend und verbindlich, dass homosexuelle Paare mit heterosexuellen gleichzustellen seien. Das war am 9. Januar, und ab da nahm der Wahlkampf eine völlig neue Dynamik an.

Laienprediger Alvarado Muñoz nahm das Gutachten zum Anlass, seine Wahlkampagne in einen Kreuzzug gegen das Urteil zu verwandeln. In seiner Ablehnung der Gleichstellung weiß er rund 60 Prozent der Costa Ricaner hinter sich, wobei nur gut 20 Prozent Anhänger evangelikaler Freikirchen sind; auch die konservativen Katholiken scharten sich plötzlich um ihn. Und aus dem Eiferer ohne Aussichten auf Erfolg mit gerade drei Prozent Zustimmung in den Umfragen wurde plötzlich der Wahlsieger der ersten Runde, dem auch für die Stichwahl ein Vorsprung vorhergesagt wird.

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Costa Rica: Wird ein Polit-Prediger zum Präsidenten?

In immer mehr Ländern Lateinamerikas gewinnen die evangelischen Freikirchen an Einfluss in der Politik. In Kolumbien sorgten Fundamentalisten Ende 2016 mit dafür, dass das Friedensabkommen mit den FARC bei der Bevölkerung durchfiel, weil sie gegen die Gleichberechtigung der Frau in dem Vertrag wetterten. In Mexiko führt mit Andrés Manuel López Obrador ein Politiker die Umfragen für die Präsidentenwahl im Juli an, der sich als Anhänger einer Freikirche zu erkennen gibt und Homo-Ehe und Abtreibung skeptisch gegenüber steht.

Costa Rica galt früher als "Schweiz Zentralamerikas"

Aber in noch keinem Land wurde mit Religion so erfolgreich Politik gemacht wie in Costa Rica. Dabei übertritt Alvarado Muñoz ungeniert alle Grenzen: Der Oberste Wahlrat rüffelte ihn, weil er 250 evangelikale Pastoren aufforderte, ihre Gläubigen von seinen Ideen zu überzeugen.

Und ausgerechnet am Tag, an dem der Auferstehung Jesu Christi gedacht wird, könnte der Polit-Prediger nun zum Präsidenten eines Landes aufsteigen, das mal wegen seiner Stabilität, seines hohen Bildungsgrads und seiner relativ niedrigen Kriminalitätsrate als die "Schweiz Zentralamerikas" bezeichnet wurde. Verglichen mit Staaten wie Guatemala, El Salvador und Honduras, wo Gewalt und organisierte Kriminalität herrschen, wirkt Costa Rica auf der zentralamerikanischen Landbrücke noch heute wie eine Insel der Glückseligen.

Seit dem 19. Jahrhundert besteht Schulpflicht. 1948 schaffte die Regierung die Armee ab und steckte das Geld in Bildung, staatliche Fürsorge und die Schaffung einer Reihe von Staatsmonopolen im Dienstleistungs- und Versorgungssektor. Bürgerkriege und Diktatur kennen die "Ticos", wie sich die Costa Ricaner selbst nennen, nur vom Hörensagen.

Aber jetzt hat man das Gefühl, das aufgeklärteste Land Zentralamerikas steht kurz vor dem Rückfall ins Mittelalter, jedenfalls, wenn man Alvarado Muñoz zu lange zuhört.

Schere zwischen arm und reich hat sich weit geöffnet

Der Mann, der den Prediger im Präsidentenpalast verhindern will, heißt zufällig auch Alvarado, könnte aber kaum Gegensätzlicher sein. Carlos Alvarado Quesada, 38, ist Hobbyschriftsteller und war mal sozialdemokratischer Arbeitsminister. Er ist persönlicher Freund des scheidenden Staatschefs Luis Guillermo Solís. Um Alvarado Quesada, für den im ersten Wahlgang 21,4 Prozent der Wähler stimmten, scharen sich diejenigen Ticos, die nicht die "Verteidigung der christlichen Werte" für das größte Problem in ihrem Land halten.

Carlos Alvarado Quesada
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Carlos Alvarado Quesada

Tatsächlich gibt es in Costa Rica Probleme genug: Das Haushaltsdefizit ist mit 6,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gefährlich hoch, was die Regierung dazu zwang, bei den Ausgaben für Sicherheit und Sozialprogramme zu sparen. Auch infolgedessen hat sich die Schere zwischen arm und reich weit geöffnet. Aber noch immer lebt in dem Land nur jeder Fünfte in Armut, während im Rest Zentralamerikas meist jeder Zweite zu wenig zum Leben hat.

Doch hinter der ideologischen Wadenbeißerei steckt ein weit gravierenderes Problem. Zunehmend fühlen sich die ärmeren, weniger gebildeten Menschen vor allem auf dem Land nicht wahrgenommen von Regierung und Parlament. Sie werfen den Mächtigen vor, nur für die städtische Bevölkerung Politik zu machen und Costa Rica angeblich moderne Errungenschaften aufzuzwingen, die eine Mehrheit der Menschen ablehnt. All diese Abgehängten könnten am Sonntag für den Laienprediger stimmen.



insgesamt 61 Beiträge
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hexagon7467 01.04.2018
1.
Der christliche Fundamentalismus ist eine imm größer werdende Gefahr für die Demokratie. Die strikte Trennung von Kirche und Staat ist ein wichtiges Instrument um den Jesus People Einhalt zu gebieten. Religion ist reine Privatsache und sollte es auch bleiben.
Marcel Helfer 01.04.2018
2. Das einfache Weltbild
Da ist es wieder, das einfache Weltbild. Alle die dem grassierenden Linkspopulismus, Gendergeschwurbel und Internationalität nix abgewinnen können, stehen für erschreckende Rückständigkeit. Ganz ähnlich den spiessigen osteuropäischen Sozialisten in den 80ern die etwas vom "reaktionären Kräften die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen" geredet haben, wenn jemand mit ihrer Ideologie nix anfangen konnte.
walldemort 01.04.2018
3. Erschreckend
Frustrierend, wie leicht sich im 21. Jahrhundert Stimmen fangen lassen, indem man an die Nordwesten Instinkte appelliert und auf Minderheiten losgeht.
anselmwuestegern 01.04.2018
4.
Aus Sicht religiöser Gruppen ist es sinnvoll Politik zu machen. Sie sind dadurch populär und im Blickfeld. Besonders die Freikirchen, die sich um ihre Mitglieder intensiv kümmern, können dabei nur gewinnen. Die grossen Kirchen, wie die dort noch immer zahlenmässig starke röm.-kath. Kirche, kann das nicht zu ihrem Vorteil nutzen, auch wenn die Ansichten nicht weit auseinander gehen. ... oder vielleicht auch gerade deshalb. Das Problem der Demokratie ist, dass man es ertragen muss, von Leuten regiert zu werden, die anderer Meinung sind und manchmal auch Spinner. Dieses Opfer gehe ich gerne ein, denn die einzige akzeptable Alternative für mich wäre eine Monarchie oder Diktatur mit mir an der Spitze. Ich bezweifle, dass das der Rest der Menschheit, bezogen auf mich, ebenso sieht. Man kann Menschen mit Argumenten überzeugen ist mit Gefühlen mitreißen. Meistens gewinnen die Gefühle. Es heißt ja auch: "Herz über Kopf!"
SethSteiner 01.04.2018
5. Religionsfreiheit ist das Problem
Dort wo der Staat der Religion Sonderrechte gewährt, da denken religiöse Menschen auch dass ihre Religion das Gesetz weiter bestimmen kann. Meinungsfreiheit ist völlig ausreichend um den persönlichen Glauben zu schützen. Es wird Zeit zu erkennen, wie gefährlich der religiöse Fundamentalismus ist und ihm diese Basis zu entziehen.
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