Unterwegs im US-Wahlkampf: "Die erzählen doch eh nur Lügen"

Nicht jeder Amerikaner schaut gebannt auf den Endspurt von Barack Obama und Mitt Romney, muss Astrid Langer beim Couchsurfing in Kalifornien feststellen. Bei Briana in Sacramento gibt es jede Menge Unwissenheit und Desinteresse an Politik.

Unterwegs im US-Wahlkampf: Bei Briana in Sacramento Fotos
Astrid Langer

Ein neuer Tag, eine neue Stadt, eine neue Couch. Als ich zögerlich die halboffene Tür zu 2558 16th Street, Sacramento, aufstoße, springt Briana von der Leiter. "Oh, da bist du ja!" ruft sie und drückt mich an sich, den Malpinsel in der einen, ein Tuch in der anderen Hand. Etwas irritiert sage ich Hallo und schaue mich um. Im ganzen Wohnzimmer sind Sofas und Schränke verrückt, Farbtöpfe stehen auf dem Boden, es riecht nach einer Mischung aus Chemie und Räucherstäbchen. "Lass dich von dem Chaos nicht stören, wir renovieren gerade", meint Briana und führt mich in mein Zimmer. Dort begrüßt mich ein riesiges Himmelbett mit tiefroter Bettwäsche und Vorhängen. Ich habe noch nie in einem Himmelbett geschlafen, das dürfte eine super Nacht werden.

Briana steht schon wieder auf der Leiter und pinselt an einer Gardinenleiste rum.

Seit zwei Monaten wohnen sie und ihr Mann in Sacramento, zuvor lebten sie auf Hawaii, ihr Mann war dort mit der Küstenwache stationiert. Nach vier Jahren hätten sie aber vom immer warmen Wetter genug gehabt, erzählt sie. Sie wollten endlich wieder buntes Herbstlaub und Schneeflocken sehen.

Keine Nachrichten und keine Tageszeitung

Briana ist 30 Jahre alt, dunkelhaarig, mit huskyblauen Augen. Sie lacht ständig, ein dunkles, fröhliches Lachen, das gute Laune verbreitet. In der Zeit auf Hawaii hat sie ihren Masterabschluss als Sozialarbeiterin gemacht. Momentan ist sie arbeitslos, renoviert das Haus und versucht herauszufinden, was sie mit ihrem Abschluss machen möchte. "Mit armen Familien und misshandelten Kindern kann ich auf keinen Fall arbeiten, dafür bin ich viel zu sensibel", sagt sie. Aus dem Grund schaut Briana auch keine Nachrichten und liest keine Zeitung - die Tagesnachrichten über den Krieg in Syrien oder Überfälle in Sacramento würden sie einfach zu sehr mitnehmen, sagt sie.

Selbst den Wahlkampf versucht sie so weit wie möglich zu vermeiden. "Die erzählen doch eh nur Lügen über den anderen, warum soll ich mir das antun?" Das zweite Fernsehduell zwischen Romney und Obama vor ein paar Tagen hat sie versucht anzuschauen - nach zehn Minuten musste sie den Fernseher ausschalten. "Ich kann mir einfach nicht anhören, wie die sich gegenseitig anfauchen", sagt sie und wäscht die Farbpinsel aus; für heute ist sie fertig mit Renovieren.

Zum Abendessen gehen wir in Brianas Lieblingsrestaurant, nur ein paar Schritte von ihrem Haus entfernt. Ihr Mann hat derzeit Nachtschicht und wird erst am frühen Morgen wiederkommen. "Der wählt aber eh nicht, den interessiert Politik nicht", sagt Briana. Ich will wissen, warum, aber so genau weiß Briana das auch nicht. Er habe noch nie gewählt, sagt sie, und etwas irritiert stolpere ich hinter ihr ins Lokal.

Das Restaurant ist mit Kletterpflanzen überwuchert, und überall stehen Holzfiguren und Masken aus aller Welt. Auf der Karte findet sich ein wilder Mix aus Frühlingsrollen, Hamburgern und Curry. Zum Trinken bestellen wir Pumpkin Cider, schließlich ist derzeit Kürbissaison.

Von den beiden Kandidaten mag Briana Mitt Romney am wenigsten. Sie könne seinen arroganten Blick nicht ausstehen, außerdem möge sie nicht, was sie über ihn höre. Was sein Wahlprogramm vorsieht, weiß sie nur vom Hörensagen von Freunden. "Er hat doch Steuern hinterzogen, oder? Und dass ich höhere Steuersätze zahle als er, das geht ja mal gar nicht", sagt sie. Auch seine geplanten Kürzungen im Sozialwesen und seine Ansichten über Frauen gefallen ihr gar nicht. "Ich frage mich, ob es irgendeinen intelligenten Menschen da draußen gibt, der ihn wählt", sagt sie beim Essen.

Abstruse Gründe gegen die Todesstrafe

Briana interessiert sich kaum für bundesweite Politik. Kinder wolle sie nicht, deswegen würde sie die Bildungsdebatte nicht betreffen. Krankenversichert sei sie über ihren Mann, die Diskussion um Obamas Gesundheitsreform sei ihr also egal. Und selbst wenn Romney das Land in einen neuen Krieg führe, hätte das keine Auswirkungen auf sie, weil ihr Mann als Mitarbeiter der Küstenwache eigentlich nie in Kriegsgebiete geschickt würde. Was interessiert sie denn überhaupt, frage ich. Themen hier in Kalifornien, antwortet Briana, und zurück im Haus zeigt sie mir einen dicken Katalog, den alle Wähler in Kalifornien von der Regierung geschickt bekommen.

Darin sind die elf Themen aufgeführt, über die die Bürger Kaliforniens abstimmen können, jeweils mit Pro- und Contra-Argumenten versehen. "Sollen genetisch manipulierte Lebensmittel künftig gekennzeichnet werden müssen?" lautet eine der Fragen. Ja, findet Briana, denn sie hat viele Lebensmittelallergien.

Auch über die Todesstrafe können Kaliforniens Bürger dieses Mal wieder abstimmen: "Soll die Todesstrafe abgeschafft und durch eine lebenslange Haftstrafe ohne Aussicht auf Begnadigung ersetzt werden?", diese Frage fand sich bereits 2008 auf dem Wahlzettel. Damals hat Briana mit Nein gestimmt. Warum sollte man für Gefangene zahlen, die ohnehin niemals mehr das Gefängnis verlassen werden? Das koste doch nur unnötig Geld, eine Exekution sei billiger. Nun hat sie ihre Meinung geändert: Ihre Mutter habe ihr erzählt, dass eine Exekution tatsächlich teurer sei, weil dafür drei Anhörungsverfahren nötig seien.

Also stimmt Briana dieses Mal gegen die Todesstrafe.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wahlkampf
hubertrudnick1 29.10.2012
Zitat von sysopAstrid LangerNicht jeder Amerikaner schaut gebannt auf den Endspurt von Barack Obama und Mitt Romney, muss Astrid Langer beim Couchsurfing in Kalifornien feststellen. Bei Briana in Sacramento gibt es jede Menge Unwissenheit und Desinteresse an Politik. http://www.spiegel.de/politik/ausland/couch-surfing-usa-unterwegs-im-us-wahlkampf-a-863569.html
Wahlkampf und Lügen sind doch eine Einheit und das nicht nur in den USA, überall versucht man so den Bürger/Wähler hinters Licht zu führen. Nur im Wahlkampf macht man den Bürger klar das man seine Interssen vertreten möchte, aber hinterher sieht es bekanntlich immer ganz anders aus und so sollte sich auch keine mehr wundern wenn die Bürger davon die Nase voll haben. HR
2.
dosmundos 29.10.2012
"Ignorance is bliss" scheint nicht umsonst ein Sprichwort aus dem englischen Sprachraum zu sein. Andererseits geht auch bei uns ein Drittel bis die Hälfte der Wahlberechtigten nicht wählen, vielleicht macht es ja gerade die freiheitlich-demokratische Grundordnung aus, nicht wählen gehen und auch einmal nicht zu allem eine Meinung haben zu dürfen?
3. Demokratie?
Bourgeois2000 29.10.2012
Wer profitiert vom Desinteresse und die Unwissenheit der Amerikaner? Ist das alles wirklich nicht gewollt? Kann ein System auf dieser Basis von sich behaupten, den WIllen der Bevölkerung zu vertreten?
4. Seltsame Fragen
caecilia_metella 29.10.2012
"Sollen genetisch manipulierte Lebensmittel künftig gekennzeichnet werden müssen?" Diese Frage setzt Einverständnis mit genetisch manipulierten Lebensmittel voraus. Man kann sich nicht dagegen entscheiden. "Soll die Todesstrafe abgeschafft und mit einer lebenslangen Haftstrafe ohne Aussicht auf Begnadigung ersetzt werden?" Wenn es um Entscheidung für oder gegen Todesstrafe geht, dann müsste auch nur danach gefragt werden und nicht zugleich Einverständnis mit dem Rest der Frage erwartet werden. Ich würde mich über diese Art der Befragung beschweren.
5. Die Vereinigten Staaten sind eine Welt für sich
Ylex 29.10.2012
By the way, eben war Briana noch der, Zitat: „dunkelhaarige Wirbelwind mit Huskeyblauen Augen“ ...und ich hatte schon geschrieben: Quittengelb oder quittengelb? Aber als ich das Zitat noch einmal überprüfen wollte, stand da plötzlich, Zitat: „...dunkelhaarig, mit huskyblauen Augen...“ Kleine Korrektur, egal, jedenfalls ist diese Briana typisch für das verbreitete Desinteresse an der Politik in den USA, worauf herumzuhacken jetzt die Gelegenheit wäre. Ich verzichte darauf, weitgehend, denn auch in Deutschland interessieren sich immer weniger Menschen für Politik, die Gründe sind bekannt. Trotzdem kann ich mir nicht die Bemerkung verkneifen, dass ich einmal Zeuge eines Trecker-Rennens in South-Dakota wurde, der Ort hieß Belle Fourche, und ich kam erst gegen Ende der Feierlichkeiten dahinter, dass es sich um eine Wahlkampfveranstaltung der Republikaner handelte – Trecker-Rennen zur Erklärung: Alle Traktoren mussten einen Riesen-Eisenklotz möglichst weit ziehen, hysterisch bejubelte Highlights waren die Feuerschweife, die aus den Auspuffen zuckten... die Vereinigten Staaten sind eine Welt für sich.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Amerika auf der Couch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 20 Kommentare
Couch Surfing als Wahlbarometer
  • Steffen Otto
    Astrid Langer, 27, reist derzeit als freie Journalistin durch die USA. Sie versucht zu verstehen, warum die Amerikaner Hunderte Millionen Dollar für Wahlwerbung ausgeben, viele gegen eine Krankenversicherung sind - und was die Menschen wenige Tage vor den Wahlen bewegt.

    Derzeit recherchiert sie in den Wohnzimmern normaler Amerikaner und schläft auf deren Sofas, von der Surferstadt Santa Cruz bis hoch zur kanadischen Grenze.

Couchsurfing

Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | USA-Reiseseite


Fotostrecke
Barack Obama: Vom Außenseiter zum Präsidenten
Fotostrecke
Mitt Romney: Auf den Spuren des Vaters