Nach 14 Tagen und 1400 Meilen bin ich endlich angekommen: Seattles Skyline taucht am Horizont auf. Natürlich gießt es in Strömen, wie es sich für eine der regenreichsten Städte der USA gehört. Mein Herz klopft so schnell wie die Regentropfen auf die Windschutzscheibe, als ich vom Highway I-5-North abfahre. Denn die letzte Station meiner Route ist auch ihr Höhepunkt. Sie führt mich zwar auf keine Couch, dafür aber an einen Tisch: In wenigen Minuten treffe ich mich mit Mitt Romneys Cousin und dessen Frau.
Gut einen Monat ist es her, da saß ich im Flugzeug von Washington D. C. an die Westküste, neben mir eine asiatische Frau und ein älterer Herr. Wie das auf längeren Flügen nun mal so ist, fangen wir irgendwann an zu plaudern. Der ältere Herr heißt Jerry, arbeitet als Anwalt in Seattle und ist mit der Dame aus Thailand verheiratet. Einige Jahre war Jerry mit dem amerikanischen Militär in Deutschland stationiert, in der Nähe von Landstuhl. Als ich ihm erzähle, was mich in die USA führt, grinst er und will wissen, ob ich auch über Mitt Romney schreibe. Der sei schließlich sein Großcousin. Um genau zu sein: Der Bruder seines Vaters, also sein Onkel, sei mit der Schwester von Romneys Mutter verheiratet. Erst bin ich skeptisch und frage mich, ob sich da jemand interessant machen will. Aber wenn jemand schon etwas erfindet, würde er nicht etwas Originelleres erfinden als den Großcousin? Später werde ich Jerrys Familiennamen und seine Geschichte googeln - und feststellen, dass er und Mitt Romney tatsächlich Großcousins sind.
Für den Rest des Fluges plaudern wir über Politik, über Mormonen und über den Wahlkampf. Als die beiden hören, dass ich demnächst in Seattle sein werde, laden sie mich direkt zum Abendessen ein.
Nervosität vor den Wahlen
Und hier stehe ich nun, einen Monat später, und betrete das Restaurant Stanford's im Norden der Stadt, eine Steakhaus-Kette in Washington. Jerry und Sopar warten schon und begrüßen mich mit einer Umarmung. Sie haben ihren Freund Paul mitgebracht, er ist Anwalt für Familienrecht - und Republikaner mit Leib und Seele.
Alle sind nervös wegen der Präsidentschaftswahlen; dass es ein Rennen mit so knappem Ausgang werden würde, hätte keiner der drei gedacht. "Der Gedanke, dass Mitt tatsächlich gewinnen könnte, ist schon irre", sagt Jerry. "Es ist wirklich komisch, wenn einer deiner Verwandten Präsident der Vereinigten Staaten werden könnte." Jerry hat Mitt, wie er ihn nennt, in den vergangenen Monaten ein paar Mal auf Wahlkampf- und Fundraising-Veranstaltungen getroffen. Wirklich nahe stünden sie sich aber nicht, sagt er. "Er ist immer so beschäftigt", wirft Sopar ein. Keine Zeit, "I gotta go", habe er immer gesagt. "Das Einzige, was ich von ihm in den vergangenen Monaten gehört habe, waren Bitten um Spenden", erzählt Jerry.
Anders als Romney ist Jerry kein Mormone, sein Vater trat schon als Jugendlicher aus der Kirche aus. Jerry ist auch kein Republikaner, sondern wählt mal demokratisch, mal republikanisch, wie er sagt. Ob er für Romney oder Obama wählt, würde er spontan an der Wahlurne entscheiden. Als ich skeptisch schaue, erklärt Jerry, dass er Obama eigentlich mag. Wenn Mitt nicht sein Cousin sei, würde er sicher für Obama wählen. "Ich finde gut, was er für unsere Wirtschaft getan hat. Wir müssen ihm mehr Zeit geben."
Paul sieht das ganz und gar nicht so, und die ganze Vorspeise über - es gibt frittierte Meeresfrüchte - führt er aus, was er an Obama nicht mag. Obama sei sein ganzes Leben lang nur Politiker gewesen. Er stamme aus Chicago, wo ohnehin alle Politiker korrupt seien. Und er habe einen riesigen Staatsapparat aufgebaut.
Bald verwandt mit dem neuen Präsidenten?
Jerry hört zu, mal nickt er, mal schüttelt er den Kopf. "Mitt ist auch nicht perfekt, weißt du", sagt er. Zum Beispiel gefalle ihm nicht, dass Romney seine Meinung bei so vielen Punkten radikal geändert habe, beispielsweise bei der Gesundheitsreform. Außerdem fehle ihm die Bodenhaftung: Was die amerikanische Mittelklasse ist und was dem kleinen Mann Kummer bereite, sei ihm vermutlich fremd. "Ich weiß nicht, ob ich Mitt mögen würde, wenn wir nicht verwandt wären", sagt Jerry.
Was er an seinem Großcousin mag? Er sei kompetent und fleißig, sagt Jerry. Und Mitt sei ein moderater Republikaner, als solcher schaffe er es vielleicht, die beiden großen Parteien zu versöhnen. Ich werfe ein, dass Romney aber ganz und gar nicht moderat beim Thema Abtreibung sei. Das ist das Stichwort für Paul. Abtreibung sei gegen die Verfassung und gegen Gottes Wille - sie müsse verboten werden. Kein Mensch habe das Recht, ein Leben zu verhindern, das stünde auch schon in der Verfassung. Was denn im Fall von Vergewaltigung sei, frage ich ihn. Es ist der Beginn einer langen, anstrengenden Diskussion und als der Nachtisch kommt - Apfelkuchen mit Eiscreme - beschließe ich, es gut sein zu lassen.
Als wir nach drei Stunden das Restaurant verlassen, frage ich Jerry, was sich für ihn am Dienstag ändern könnte. "Ich habe keine Ahnung", sagt er und schaut seine Frau Sopar an. "Das wäre schon irre, wenn Mitt gewählt würde - dann wäre ich tatsächlich mit dem Präsidenten verwandt."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Amerika auf der Couch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH