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Argentiniens Präsidentin Kirchner: Hier tanzt nur eine

Aus Buenos Aires berichtet

Cristina Fernández de Kirchner: Skandale und Skandälchen in Argentinien Fotos
REUTERS

Als Sonnenkönigin verspottet, für ihren Prunk und die dubiosen Kontakte kritisiert - trotzdem beliebt: Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner hat Argentinien polarisiert. Nun scheidet sie aus dem Amt. Vorerst.

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Es war einer dieser Auftritte, die Argentiniens Präsidentin so liebt: 5. Oktober, drei Wochen vor der Präsidentenwahl, "Dia del Camino", Tag der Straße, in Argentinien. Es galt, ein Teilstück einer Stadtautobahn einzuweihen. Cristina Fernández de Kirchner, kurz CFK, war gekommen und natürlich auch Daniel Scioli, Präsidentschaftskandidat von Cristinas Gnaden. Die Veranstaltung war Pflichtprogramm für alle TV-Sender. CFK auf allen Kanälen - einweihend, schwadronierend oder auch mal tanzend.

Zum Ende des Dia del Camino läuft ein Song der argentinischen Rockband Attaque 77. Im lachsfarbenen Pulli hüpft die 62-jährige Präsidentin plötzlich im Rhythmus des Songs, streckt beide Zeigefinger in die Luft. Daniel Scioli, vier Jahre jünger, wirkt erschrocken. Er bewegt die Hüften, hebt den linken Arm, der rechte fehlt ihm seit einem Sportunfall. Und in seiner Verlegenheit versucht Scioli, der Präsidentin etwas ins Ohr zu flüstern. Die hört nur widerwillig hin.

Das Video wurde viral, und die Welt sah, was ganz Argentinien schon lange weiß: "Die Präsidentin bin ich." Immer noch. Und der Regierungskandidat Scioli, der bei dieser Veranstaltung eigentlich gut aussehen sollte, sah am Ende ganz alt aus. Nicht mal im Wahlkampf gönnt sie dem Kandidaten ihrer Partei das Rampenlicht.

Kirchner genießt die letzten knapp 50 ihrer 2920 Amtstage, bis sie am 10. Dezember ihrem Nachfolger die weiß-blaue Präsidentenschärpe umlegen muss. Und niemand bedauert das Ende ihres Mandats im chronischen Krisenstaat Argentinien mehr als die scheidende Chefin selbst.

Erstaunlich, dass Scioli, Gouverneur von Buenos Aires, trotz solch kleiner Demütigungen die Umfragen vor der Abstimmung am Sonntag deutlich anführt. Die einzige Frage ist: Schafft er es schon im ersten Wahlgang? Oder muss er in die Stichwahl am 22. November, dann vermutlich gegen den konservativen Bürgermeister von Buenos Aires, Mauricio Macri?

"Sie wollte alles und geht mit gar nichts"

Sergio Berenszstein stürzt seinen Café Cortado in einem Schluck herunter, lacht und sagt: "Sie wollte alles und geht mit gar nichts". Einer der bekanntesten Politberater Argentiniens erinnert an Kirchners Worte von 2012: "Vamos por todo", "Holen wir uns alles."

Gemeint war eine Verfassungsreform, die ihr die zweite Wiederwahl ermöglichen sollte. Es wäre das vierte Mandat der Familie Kirchner gewesen, der Schritt zur Dynastie: Erst führte ihr verstorbener Mann Néstor von 2003 bis 2007 die Geschicke, und seit 2008 regiert Königin Cristina am Rio de la Plata, dem Silberfluss am Südzipfel Südamerikas.

Dass vorerst nicht noch mehr dazukommen, liegt an der Parlamentswahl vor zwei Jahren - da stürzte die Regierungskoalition Frente para la Victoria, die Front für den Sieg, landesweit ab und kam nur noch auf 33 Prozent. Verfassungsänderung und das dritte Mandat für Kirchner waren vom Tisch.

Nun also muss die Königin gehen - vorerst, wie einige warnen und andere hoffen. Es gilt als offenes Geheimnis, dass sie gerne 2019 wiederkommen würde. So wie Michelle Bachelet im Nachbarland Chile, die das Wiederwahlverbot mit dem Job als Chefin der Uno-Frauenorganisation überbrückte und dann noch mal Präsidentin wurde.

Immer wieder Fragen an die Präsidentin

CFK sei ein Phänomen unter Argentiniens Staatschefs, sagt Analyst Berensztein. Niemand sei mit so hoher Zustimmung aus dem Amt geschieden - und habe sich zugleich so viele Gegner gemacht wie die Tochter eines Busfahrers aus Mar del Plata. Sie hat die Medien gegen sich aufgebracht. Sie hat versucht, die Justiz zu gängeln, und gegen sie und ihre Familie sind bei einem Bundesgericht Ermittlungen anhängig wegen Geldwäsche und dubiosen Grundstücksgeschäften in der Provinz Santa Cruz in Patagonien, der Heimat ihres toten Mannes.

Und dann war da noch der mysteriöse Tod des Staatsanwalts Alberto Nisman. Der Jurist, der gegen die Präsidentin ermittelte, wurde am 18. Januar mit einer Kugel im Kopf in seinem Badezimmer gefunden. Angeblich war es Selbstmord. Nisman behauptete, brisantes Material gegen Kirchner zu haben. Sie habe mit Teheran konspiriert, um die mutmaßlichen iranischen Urheber des Attentats auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires vor 21 Jahren zu schonen. Ende April stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen Kirchner ein. "Aber weitere Untersuchungen hängen wie ein Damoklesschwert über ihr", warnt Berenszstein.

Teure Hotels, Rolex-Uhren, 30.000-Dollar Handtaschen

Dazu die Skandälchen und Gerüchte - von jährlich einer Million Dollar für Juwelen, von Rolex-Uhren und 30.000-Dollar Handtaschen, von sündhaft teuren Hotels, von Bettwäsche aus ägyptischer Baumwolle und dem berühmten Satz: "Yo no repito" - "Ich trage kein Kleid ein zweites Mal".

Kirchner wirke bisweilen wie eine südamerikanische Variante von Sonnenkönig Ludwig XIV., dem absolutistischen Herrscher am französischen Hofe, schrieb Martín Caparrós. Der Schriftsteller gehört zu den schärfsten Kritikern der Familie K. und der zwölf Jahre, die sie am Rio de La Plata regiert haben: "Cristina ist ihre eigene Karikatur", sagt Caparrós im Gespräch, "aber mich ärgert vor allem, was sie mit meinem Land gemacht hat".

Zwölf Jahre "Kirchnerismo", jene Mischung aus Populismus, Pragmatismus und Personenkult, haben Argentinien kaum nach vorne gebracht. Die Zahl der Armen ist trotz der Milliardeneinnahmen aus dem Rohstoffboom sogar leicht auf rund 27 Prozent gestiegen. Statt Arbeitsplätzen wurden Sozialprogramme aufgelegt, die wie "Geschenke" verteilt wurden, kritisiert Caparrós. "Im Gegenzug erwartet die Regierung Stimmen bei den Wahlen." Bisher eine absolute Win-win-Situation.

Was wird nun aus CFK? Offiziell will sie sich nach El Calafate zurückziehen, im windigen und wunderschönen Süden Argentiniens, wo ihr und ihrer Familie fast alles gehört. Aber so recht glauben will ihr das niemand. "Sie braucht Immunität", sagt Berensztein angesichts drohender Ermittlungen.

Und so munkelt man in Buenos Aires, die Königin vom Silberfluss könnte einen Job bei der Uno-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation in Rom anstreben. Papst Franziskus, ein argentinischer Landsmann der Präsidentin, zieht angeblich schon die Strippen.


Zusammengefasst: Eigentlich wollte Cristina Fernández de Kirchner eine dritte Amtszeit als Präsidentin Argentiniens. Doch aus der nötigen Verfassungsänderung wurde nichts. Nun tritt die viel kritisierte, aber eben auch massenhaft gewählte Politikerin ab. Vermutet wird aber, dass sie schon an einem Comeback werkelt.

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1. Don´t cry for me Argentina...
windpillow 24.10.2015
braucht sie ihrem Volk wohl nicht zurufen, denn selbiges wird sich überaus freuen, daß sie endlich weg vom Fenster ist. Wie sie allerdings im Hintergrund in der argentinischen Politik noch weitermischt, wird sich zeigen.
2. Argentinien, eine korurpte Bananenrepublik ...
SachDebattierer 24.10.2015
... und wieder mal liest man genau das, was der Leser erwartet hat. Gibt es sonst noch etwas zu diesem Land und ihrer Präsidentin zu berichten? Ihr Widerstand gegen die Hedgefonds, eine neutrale Sichtweise auf die Versuche, ihre Regierung zu diskreditieren, ... dieser Artikel ist in dieser Form eine Schande!
3. zu negativ
chiefseattle 24.10.2015
Es gibt auch durchaus Positives über Kirchner zu melden: 1. eine Agrarreform, auf die Argentinien lange gewartet hat; 2. eine starke Position im Schuldenkrieg mit den USA und der Weltbank und 3. die Demokratie. Noch nie gab es so freie Wahlen wie jetzt.
4. mysteriös...
ambergris 24.10.2015
Tja, warum ist Kirchner so beliebt? Der Autor scheint zu glauben, dies geschähe trotz ihrer Politik. Dass es aber gerade wegen ihrer Politik so ist, scheint ihm nicht in den Sinn zu kommen. Das ist diese Arroganz der Eliten, denen jede Politik zugunsten der Massen verdächtig erscheint. Das kann man auch an der Berichterstattung gegen Hugo Chavez oder gegen die Shinawatras aus Thailand sehen. Steuergeschenke für Unternehmen und Steuerkürzungen für Reiche gelten als akzeptabel, es ist ja der neoliberale Konsens, aber wehe, da macht jemand Politik für die breite Masse, das ist dann direkt Wählerbestechung und Korruption.
5. Bananenrepublik Argentinien
SachDebattierer 24.10.2015
... und wieder mal liest man genau das, was der Leser erwartet hat. Gibt es sonst noch etwas zu diesem Land und ihrer Präsidentin zu berichten? Ihr Widerstand gegen die Hedgefonds, eine neutrale Sichtweise auf die Versuche, ihre Regierung zu diskreditieren, ... dieser Artikel ist in dieser Form eine Schande!
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Fläche: 2.780.403 km²

Bevölkerung: 43,132 Mio.

Hauptstadt: Buenos Aires

Staats- und Regierungschef:
Mauricio Macri

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